So wünschen wir es uns. Alles soll möglichst fehlerlos sein: das Auto, der Kühlschrank, die Kinder und die Ehefrau oder der Ehemann. Wir haben Maßstäbe für die Fehlerlosigkeit gebildet, sowohl im technischen als auch im beruflichen und menschlichen Bereich. Was die DIN-Vorschriften im technischen Bereich vorgeben, ersetzen im betrieblichen Bereich CSR und Good Government und im menschlichen Bereich „Political Correctness“.
Inzwischen ist aus geregelten Teilbereichen der angestrebten Fehlerlosigkeit eine Unfehlbarkeitspyramide erwachsen, die eine Rundumschau auf den Prozess der Implementierung von Fehlerlosigkeit in unserer Gesellschaft erlaubt. Fehlerlos sind wir Menschen nicht an sich. Wir müssen uns dahingehend erziehen lassen und auf Widerstand verzichten. Die Schlagworte sind hinlänglich bekannt und belegen unsere Defizite als umfassend komplex. Von herausragender Bedeutung ist dabei selbstverständlich die Sexualität.
Diese brodelt allgegenwärtig und darf Menschen in allen Phasen ihres Lebens zwar nicht abgesprochen werden, muss aber die ihr zugedachte Aufgabe in multipolaren Ausdrucksformen finden. Die Endindividualisierung der Sexualität dürfte zwar dabei noch ein Fernziel sein, aber ein durchaus erreichbares. Was für die Sexualität gilt, hat auch Auswirkungen auf die Angst. Wir dürfen uns nicht mehr fürchten müssen, in einer fehlerlosen Gesellschaft ist Schluss damit.
Soweit die scheinbaren Realitäten durch Sprache behauptet werden, müssen wir beginnen unsere Sprache von Fehlern zu säubern, die diese Missverständnisse erlauben. Nur das Reine ist wirklich fehlerlos. Es werden schon erhebliche Anstrengungen unternommen, um unsere Sprache reinzuhalten. Dies ist kein ganz einfaches Unterfangen, da unsere Sprache, die sich allmählich entwickelt hat, auf eine solche Radikalkur nicht vorbereitet ist. Aber, ich bin überzeugt, irgendwann wird es gelingen, die Sprache so umzukrempeln, dass sie kompatibel ist.
Kompatibel aber womit? Was können wir mit fehlerlosen Umständen anfangen, wenn wir selbst noch Fehler haben? Die Gedanken sind frei! Ach Quatsch, wie soll derjenige, diejenige oder dasjenige sich fehlerlos ausdrücken, wenn es, sie oder er noch fehlerhaft denken oder empfinden? Wir vermuten doch zu Recht, dass der, die, das Sprechende eine vom Mainstream abweichende Mentalreservation behält und damit das gesprochene Wort verunehrlicht.
Das Wort wird in seinem Kern fehlerhaft durch unsere Gesinnung. Wir sollten also früh damit beginnen, uns in Gruppen zu versammeln, unsere Fehler einander zu bekennen, uns demütigen vor anderen, um einen erkenntnisreichen Status zu erlangen, Vorbild zu werden für Andere. Dies darf nicht davon abhängig sein, welche berufliche Qualifikation jemand innehat, sondern wir müssen alle voneinander lernen, unsere Gruppen sollten sexuell, ethnisch, spirituell, religiös, intellektuell, handwerklich, transzendent, materialistisch und biologisch völlig durchmischt sein und keiner darf es merken, geschweige denn erwähnen, um der, die, das Nichtberücksichtige nicht zu diskreditieren.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski