Schlagwort-Archive: Dutschke

Nach 1968 (Teil 1)

Die Zeit um ’68 hat unsere Gesellschaft verändert. Dies ist aber kein Verdienst Einzelner, sondern, so wie Dutschke meinte, ein dialektischer Prozess, der unausweichlich ist, um eine Gesellschaft voranzubringen. Die Vielfältigkeit hat sich erhalten. Monolithisches ist aufgebrochen und unsere Gesellschaft gleichmütiger und offener für Veränderungen geworden. Es hat aber auch eine Entsolidarisierung unserer Gesellschaft stattgefunden. An der gesellschaftlichen Kehrwoche sind nur noch diejenigen beteiligt, die im Souterrain wohnen, und nicht mehr die im Penthouse. Die gesamtgesellschaftliche Kontrolle wurde im Zuge der „Nach-68er-Bewegung“ abgeschafft. Die Bürgergesellschaft erwarb keinen inneren Zusammenhang, sondern verkörpert bis heute Zweckmäßigkeit mit Anspruchsdenken.

Das Leben als Bühne – und jeder Einzelne von uns hatte in der Zeit um ’68 die Gelegenheit, sich selbst zu beteiligen, im Scheinwerferlicht zu stehen. Eine herrliche Zeit, alles auszuprobieren, vom Sex bis zum rüdesten politischen Gedanken. Entscheidend aber war, dass niemals der Zwang bestand, selbstverantwortlich für diesen Gedanken und die daraus abzuleitende Handlung zu sein. Marx und Lenin standen zur Verfügung, aber auch Trotzki oder gar die Anarchisten. Die persönliche Revolte fand ihre Verklärung durch Che Guevara und für einige gab es sogar die sozialistischen Beispiele vor der eigenen Haustüre. Die DDR musste zu Rechtfertigungen herhalten aber vor allem die fernöstlichen Regimes wie Nordkorea, Nordvietnam und natürlich China. Die Rechtfertigungslogik für das eigene Verhalten war allgegenwärtig. Nicht der eigene Gedanke war von entscheidender Kraft, sondern die Möglichkeit, aus den Gedanken Anderer, angefangen von Habermas über Reich bis Betty Freeman, die eigenen Handlungsoptionen abzuleiten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

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1968 (letzter Teil)

Dutschke war ein Vorgebildeter, einer, der schon was wusste, als keiner der Studenten auch nur die blasseste Ahnung von Marx, Lenin und der gesamten Arbeitergeschichte hatte. Es wurde ihm daher leicht gemacht, die Themen zu besetzen und Studenten unter seine Fittiche zu nehmen. So er kann, geht jeder Mensch den bequemen Weg. Was Dutschke verkündete, musste nicht mehr überprüft, geschweige denn nachgelesen werden. Es war halt so wie er es sagte. Da die Mehrheit applaudierte, war es den Meisten auch recht. Es leuchtete vielen aber auch ein, was er sagte, denn die Zustände in Deutschland waren verdächtig, angesichts des gesellschaftlichen Phlegmas, der Verschärfung der Arbeitsbedingungen in Fabriken und Betrieben und der Eindeutigkeit der weltpolitischen Machtansprüche der Führungsmacht USA. Die Beschreibung des Unterdrückungsszenarios überzeugte und die Gutmenschhaltung, für die Arbeiter- und Unterdrücktenklasse selbst dann etwas tun zu wollen, wenn dies von ihr überhaupt nicht erbeten wurde, war festgemacht an der angeblich fehlenden Aufklärung der Arbeiter über ihre ausgebeutete Situation. Es war die Selbstsuggestion, sich dem Werteverfall entgegenzustemmen, die schließlich dazu führte, dass sämtliche Werte implodierten, als sich erwies, dass die Phrasen der Wirklichkeit nicht entsprachen, sondern von den Handelnden selbst konterkariert wurden. Deutlich, wie immer ging es auch bei dieser Auseinandersetzung nur um Macht und deren Verteilung, ob in Straßenkämpfen in Frankfurt am Main, in Berlin oder Hamburg.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

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1968 (Teil 4)

Abgesehen von den eindringlichen Bildern der „Fox tönenden Wochenschau“ schärften Filme unser Bewusstsein für die gesellschaftlichen Konflikte. Filme spielten eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung einer Haltung, die sich im Widerspruch zu den gängigen gesellschaftlichen Klischees befand. Überhaupt waren die Medien der eigentliche Motor der studentischen Bewegung. Ohne das Fernsehen wären Menschen wie Dutschke, Baader und Meinhof unentdeckt geblieben, allenfalls lokale Phänomene. Die mediale Abbildung der Krawalle auf dem Kurfürstendamm, die fast öffentliche Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg, die spätere Blockade der Springer-Gebäude und Brandstiftungen sind erst dadurch in das Licht der Öffentlichkeit gerückt worden, dass Film, Fernsehen, Rundfunk und schließlich auch die vielfältige Presse darüber berichteten. Jeder Student besorgte sich den „Abend“, um mit Begierde darüber zu lesen, was am Vortag geschah, insbesondere, wenn er selbst an einem Vorkommnis beteiligt war. Die Möglichkeit der Selbstbespiegelung in einer erstarkenden medialen Welt beförderte die Sucht nach immer gravierenderen Anlässen der Selbstbestätigung. Die Presse tat das Ihre dazu, insbesondere natürlich die Springerpresse, die ihre Auflage zu steigern wusste, indem sie sich zum Einen als Opfer stilisierte, zum Anderen die Stimmung aufheizte, um weiter gute Geschäfte zu machen. Die Springerpresse zog in diesen asymmetrischen Krieg mit der Behauptung, sie sei der Wahrer der eigentlichen bürgerlichen Anständigkeit und des Gemeinsinns. Mit ihrer Auflagenstärke mobilisierte sie den Kleinbürger, gaukelte ihm vor, sein Besitzstand, seine Moral seien in Gefahr und schickte ihn auf die Straße, um gegen studentische Anmaßung zu protestieren und deren Rädelsführer auszuschalten. Das ist dann auch gut gelungen, wenn man bedenkt, dass es bei Protestkundgebungen dazu gekommen war, dass Bürger auf Studenten einprügelten und schließlich durch öffentliche Unterstützung der prügelnden Schah-Standarte vor dem Schöneberger Rathaus mit das Klima geschaffen wurde, das zur Gewalteskalation in der Krummen Straße nahe der Deutschen Oper und zur Erschießung von Benno Ohnesorg sowie dem erfolgreichen Attentat auf Rudi Dutschke führte. Heinrich Albertz hatte dies politisch zu verantworten, nahm seinen Hut und bereute. Er, der als Sozialdemokrat und bekennender Christ, Gollwitzers Freund, Widerständler gegen die Nazis und sicher ein aufrechter Demokrat war, wurde verführt durch die Suggestion der Bilder und Worte, vor allem die Angst, dass die Errungenschaften Nachkriegsdeutschlands im wirtschaftlichen und sozialen Bereich wieder zur Disposition gestellt werden könnten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

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1968 (Teil 1)

Etwas ehrfürchtig betrat ich den Campus der Freien Universität. Nicht, dass ich schon viel über diese Universität gehört und mich daher ihre wissenschaftliche Bedeutung beeindruckt hätte, nein, es war der Statusgewinn, nunmehr als Student der Freien Universität zu gelten, der mich reizte. Verblüfft war ich daher, als mein Studium im Frühjahrssemester 1966 mit einem Sit-in begann. Als Austauschschüler in den USA waren mir diese passiven Widerstandsformen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung aus den Jahren 1963 und 1964 durchaus geläufig gewesen, diese aber auch in Berlin erprobt zu sehen, schien mir doch außergewöhnlich. Es machte die Freie Universität etwas amerikanisch, ein Sit-in im Henry-Ford-Bau daher als Streikform auch für mich durchaus aufregend modern und akzeptabel. Anders verhielt es sich mit dem Anlass dieses Sit-ins. Es ging um die Zwangsexmatrikulation nach dem 12. Semester. Für mich, der gerade mit seinem Studium beginnen wollte und keineswegs vorhatte, ewig zu studieren, sondern – wie ich damals dachte – irgendwann Diplomat werden wollte, war der Grund für diese Erregungen eher lächerlich. Nebenbei erfuhr ich, dass es viele altgediente Studenten an der Freien Universität gab, die sich durch ihren Rausschmiss bedroht sahen. Es ging vor allem aber ums Kräftemessen mit dem akademischen Senat, insbesondere mit dem Rektor unserer Universität. Natürlich wogen wir das Für und Wider der Argumente ab, versuchten, die Gründe für den Aufruhr zu verstehen, entscheidend war aber das großartige Versammeln der Studenten zu einem Thema an sich und die Möglichkeit, eine gesteigerte Wahrnehmung des studentischen Anliegens zu erzwingen. Den Nutzen dieser Übungen sollten wir sehr schnell bei anderen Themen wie z. B. Vietnam und den Notstandsgesetzen erfahren. Diese Vorübungen der großen Kämpfe an der FU verschafften auch den politischen Talenten Landowsky, Dutschke, Rabehl, Nevermann und Mahler rhetorische Möglichkeiten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

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