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Präsenz

Über den medialen Overkill wurde schon viel geschrieben. Es wird geklagt, dass der Mensch nicht mehr verarbeiten kann, was ihm ständig in den Medien, per E-Mail, Zeitschriften und natürlich auch Büchern angeboten werde. Das soziale Netzwerk, das eine ständige Präsenz des Menschen anfordere, sei dabei noch eine weitere Unumgänglichkeit, die der Mensch kaum mehr verkrafte. Die Klagen sind sicher berechtigt, aber an dem Zustand selbst wird sich nichts ändern.

Problematisch wirkt sich allerdings aus, dass unsere menschlichen Kapazitäten kaum ausreichen, um die Datenflut zu verarbeiten und Entscheidungen zu treffen, die der Komplexität der medialen Angebote Rechnung trägt. Selbst der ordnende Sinn eines Menschen vermag nicht jeden erwogenen Gedanken festzuhalten, um ihn einer steten Prüfung unter verschiedenen Gesichtspunkten zu unterziehen. Gedanken sind flüchtig. Selbst das, was der Mensch notiert, abspeichert in seinen Internetordnern, muss immer wieder hervorgeholt und mit entwickelten Gedanken abgeglichen werden. Kann das gelingen?

Ein großer Wissensvorrat ist durch das Internet gesichert und entwickelt sich stetig weiter. Es ist verführerisch, dem sich vermehrenden Wissen zu trauen und zu behaupten, durch die Verfügungsmöglichkeit teilzuhaben an der Präsenz dieses Wissens. Den Umstand der Verfügbarkeit des Wissens ohne selbst steter Träger dieses Wissens sein zu müssen, empfinden wir als Entlastung. Doch die Freiheit, darauf zuzugreifen und die Methoden des Zugriffs zu kennen, führt allerdings auch zur Abhängigkeit vom Provider unserer Möglichkeiten.

Versagt der Provider, scheitert der Zugriff auf unser eigenes Wissen, welches wir in irgendeine Cloud ausgelagert haben. Deshalb sollten wir bedenken, dass unser Verstand, unser Unterbewusstsein und jeder weitere Resonanzraum in uns gelernt hat, zu arbeiten und uns Einschätzungen zu gewähren, die bezogen auf Wissen, komplexe Entscheidungen ermöglichen. Es steckt meist viel mehr in uns selbst, als ein Provider bieten kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski