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Restitution

Es ist gut, dass Bewusstsein und Sensibilität dafür wachsen, dass geraubte oder nicht ethisch sauber erworbene Kunst- und Kulturgegenstände wieder an frühere Eigentümer bzw. Besitzer zurückzugeben seien. Dies sollte allerdings nicht nur das Naziraubgut, die Enteignung und Übervorteilung von Juden betreffen, sondern alles, was in Kriegen oder unter Ausnutzung von Machtpositionen direkt oder indirekt entwendet wurde.

Nach meiner Auffassung ist die Begrifflichkeit hier weit zu fassen, denn, wie der Volksmund zu Recht weiß: „Unrecht Gut gedeiht nicht gut.“ Das heißt, der Raubbegriff sollte auch diejenigen Artefakte mitumfassen, die nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv Einfluss auf das Herausgabebegehren ehemaliger Rechteinhaber haben. Es geht nicht nur um Rechtspositionen, sondern auch um Würde und Integrität.

Was sich auf persönlicher Ebene vollziehen sollte, gilt gleichermaßen für ehemalige Kolonien, Mandatsgebiete und andere Machtsphären, die zur Unterdrückung von Kulturen, Wesensarten und Traditionen missbraucht wurden. Nicht nur die materielle, sondern auch die immaterielle Restitution ist unumgänglich, um nicht nur zwischen den Völkern dieser Welt einen Austausch auf Augenhöhe stattfinden zu lassen, sondern Erfahrungen zu erlauben, die durch selbstermächtigte Interpretation, Anmaßung und Verweigerung des selbstbestimmten „Anderen“ verschlossen sind.

Kulturschätze anderer Völker glänzen im Licht ihrer Regionen, Bezüge und jahrtausendalten Interpretationen ganz anders in unserem Bewusstsein, als das intrinsische Vorbild unserer eigenen historischen und kulturellen Apologie. Wir müssen mehr in Restitutionsfragen investieren, um nicht museal zu erstarren, sondern aus dem materiellen und ideellen Besitztum an geborgten Gegenständen Kraft für Neues schöpfen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski