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Emotionen

Wie fühlen Sie sich? Wie hat das oder jenes auf Sie gewirkt? Sind Sie traurig? Sind Sie erschöpft?

Unsere Erfahrungswelt umwabern Emotionen. Ich bin sauer, weil die Fahrpreise erhöht worden sind. Ich bin entsetzt über Steuererhöhungen und fände es gerecht, wenn die Beamten mehr oder weniger Geld bekämen. Die emotionale Beobachtung folgt stets dem eigenen Blickwinkel. In jedem denkbaren Fall lassen wir die Emotionen aus dem Kessel, um uns auszudrücken. Dies geschieht nicht nur dort, wo wir persönlich betroffen sind: Die gesamte Verständigungssprache im Umgang miteinander als auch in den Medien ist angereichert mit Adjektiven und Adverbien, die auf eine bestimmte Gefühlslage hindeuten.

Keiner stellt diese zur Schau gestellten Emotionen in Frage. Insgeheim hat man sich wohl auf diese Art der Kommunikation geeinigt. Emotionen enthalten Chiffren, die weit über ihren Informationsgehalt hinausreichen. Derjenige, der davon spricht, dass es doch nur gerecht sei, wenn das oder jenes geschähe, vermag so seine eigene Meinung zu verschleiern. Die Geltendmachung des eigenen Anspruchs, der Einsatz hierfür und dessen Verteidigung könnten fragwürdig sein. Wird der eigene Anspruch durch Emotionen, die nicht allgemein tabuisiert werden können, verstärkt – Gerechtigkeit ist ja schließlich ein hehres Gut – so gelingt es, hartnäckig für die eigenen Interessen zu arbeiten, ohne sich sofortiger Angriffe auf die eigene Verhaltensweise auszusetzen. Damit ist aber nicht alles erklärt. Die Darstellungen von Emotionen schützen vor Erklärungen, sie typisieren sozusagen Lebenssachverhalte, denen man sich in ihrer komplexen Fragestellung dann nicht mehr aussetzen muss. Emotionen täuschen auch darüber hinweg, dass Menschen letztlich aneinander nicht interessiert sind. Durch Typisierung ihrer Erscheinung werden Emotionen zu austauschbaren Verbindungselementen zwischen Menschen ohne große Nachhaltigkeit. Emotionen sind berechenbar, sie sind aber auch berechnend. Sie sind sozusagen Schwert und Schild in der Hand eines jeden und geben nichts wieder über die wahre Gemütsverfassung: das Gefühl.

Das Gefühl ist etwas ganz anderes. Gestaltet möglicherweise dort Schuld, wo die zur Schau gestellten Emotionen anderes vermuten lassen. Deutlich wird dies in der Rechthaberei und in dem protzigen Beharren auf einer bestimmten Verhaltensweise. Tief im Innern mag gefühlt werden: Es ist nicht richtig. Gefühle und Emotionen sind nicht im Einklang. Gefühle weisen die Verfassung des Menschen aus. Seine Emotionen sind seine politischen Verlautbarungen. Wegen ihres hohen medialen Stellenwerts und ihrer weit verbreiteten gesellschaftlichen Akzeptanz, sind sie dazu angetan, Gefühle zu unterdrücken und auf Erklärungen zu verzichten. Wer will schon den Anspruch auf etwas behaupten und gleichermaßen bekennen, dass er an seinem eigenen Anspruch zweifelt und nach innerer Überprüfung gegebenenfalls zu der Einsicht gelangen könnte, dass ihm dieser Anspruch überhaupt nicht zusteht? Wer will schon zugeben, dass ihn Preiserhöhungen schmerzen, er aber einzusehen vermag, dass diese gerechtfertigt sind? Wenn er dann sauer ist über die Preiserhöhung, verrät er nichts über sein Inneres, befindet sich aber medial wirksam im Trend und gliedert sich in den beliebigen Bereich der Unzufriedenen ein. Die Ängste um die eigene Existenz und die Trauer über die eigene Fehleinschätzung werden durch lautstarke, emotionale Protestbekundungen gegen Politik und Medien kaschiert. Der Absturz in die gesellschaftliche Neurose fördert die Belanglosigkeit des Empfindens, verhindert das Bekenntnis zu Gefühlen, lässt unser Leben verarmen. Wir werden Zombies auf hohem emotionalem Niveau.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski