Ich bin tot. Man hat mich erwürgt, erschossen, gehängt, erstochen und vergiftet. Man hat mein Leben auf vielfältige Art und Weise beendet, aber auch ich habe dies getan, indem ich nämlich einen Flugzeugabsturz herbeiführte, mich in die Luft sprengte und Gift nahm. Doch ich lebe. Nicht im Jenseits, sondern ganz gegenwärtig und dauerhaft. Im bleibenden Bewusstsein der Gesellschaft, in den Medien, in den Verwandten, den Freunden, meinen Opfern und allen sonstigen Spuren meines Gewesenseins in der Welt.
Ich muss leben, ob ich will oder nicht. Ich kann die Erinnerung an das, was mit mir geschehen ist, also meine Tötung, oder an das, was ich getan habe, nicht tilgen. Es ist nicht nur der Moment der Tat, der ewig bleibt, sondern alles, was vor und nach der Tat geschah, mit dieser zu tun hat, verbleibt in einem dichten Beziehungsgewebe mit mir und anderen Menschen verbunden. Als Täter werde ich mit den Opfern in Verbindung gebracht. Als Opfer mit dem Täter. So auf ewig lebend, kann mir niemand die Freiheit und die Erlösung von meiner Schuld oder der Schuld anderer gewähren. Auch Reue, Eingeständnis des Fehlverhaltens und mögliche Einsichten vermögen den Tod nicht zu bezwingen, den Makel meines Todes nicht zu löschen. Als ewig lebender Toter wandere ich durch die Empfindungen und Logik des Weltgedächtnisses, begegne Millionen und bald Milliarden meinesgleichen und warte auf den Tag, an dem die Toten die noch Lebenden für ihre Taten richten werden.
Keiner kann die Verabredungen einhalten, die ich vor meinem Tot mit mir selbst und anderen eingegangen bin. Keiner kann mein Leben zu Ende leben. Ich kann nicht mehr zurückbekommen, was ich verloren habe, mein Leben.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski