Schlagwort-Archive: Elterngeld

Das Eigentliche

Uns geht es gut. Das sagen viele, die Wirtschaft, die Berater und die Ärzte. Die Wirtschaft brummt. Wir haben weitaus weniger Flüchtlinge als erwartet und fast alle haben ein Dach über dem Kopf. Es gibt Elterngeld, Hartz IV, Rente und Krankenversicherung.

Aber, wir Deutschen sind unzufrieden. Wir sind davon überzeugt, dass wir besonders viel verlieren, aufgeben müssen. Ob und wann das passiert, weiß niemand, aber die Befürchtung macht uns argwöhnisch. Grund zum Optimismus besteht nicht. Was halten wir denn für lebenswert? Geld? Die Arbeit? Kinder? Freizeit? Reisen? Essen? Kommunikation? Wahrscheinlich alles ein bisschen. Das macht uns aber nicht glücklich.

Wir leben nicht und schauen auch nicht erwartungsvoll auf die nächste Herausforderung, sondern fürchten uns gerade vor dieser. Würde man das Eigentliche, also für das Leben Unverzichtbare, benennen, könnten dabei Müßiggang, Lernfähigkeit, Ausgeglichenheit und Zuwendung eine Rolle spielen. Doch diese sind nicht nur begrifflich, sondern auch inhaltlich unerwünscht. Die Angst dominiert das Eigentliche. Doch wer keine Angst hat, sich zu verlieren, der wird sich finden.

Wer aber Angst hat, etwas zu verlieren, begreift das Eigentliche nur als persönliche Absicherung. Ihn begleiten Routine und Langeweile. Chancen ergreift er nicht. Er wird sich selbst fremd und anderen auch. Soweit muss es aber nicht kommen, wir müssen nur die Kraft in uns selbst und unseren Vorbildern suchen und die Chancen, die jede auch unerwartete Situation in unserem Leben bietet, furchtlos nutzen.

„Wow“, dann sind wir die Sieger!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Dienst an der Gemeinschaft

Wer erinnert sich noch an das Haushaltsjahr, welches für junge Frauen in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts verpflichtend war? Erinnert sich auch noch jemand daran, dass die Teilnahme am Grundwehrdienst oder Ersatzdienst für junge Männer ebenfalls verpflichtend war? Als der damalige Verteidigungsminister von Guttenberg für die Abschaffung dieser Dienste sorgte, waren viele damit einverstanden. Der Staat hatte weniger Ausgaben und junge Männer früher die Möglichkeit, sich beruflich zu bewähren oder weiter zu qualifizieren, Familie zu gründen, überhaupt ein freieres Leben zu führen.

Doch was ist daraus geworden? Junge Menschen haben mehr Zeit für sich, lernen aber nicht, dass auch die Gemeinschaft sie beanspruchen darf. Eine Gemeinschaft räumt zwar Rechte ein, mutet aber auch Pflichten zu, die jeder lernen muss, ihr gegenüber zu erbringen. Wenn aber der organisierte Anstoß fehlt, wie sollte dies gelingen? Die Menschen dieser Gemeinschaft, also auch unsere Kinder, werden älter und sind auf Hilfe angewiesen. Wer soll, wenn junge Menschen keine Möglichkeit hatten, diese zu erproben, jemals eine solche Aufgabe übernehmen?

Die Aufnahme von Menschen in eine Gemeinschaft hat immer auch mit Ausbildung zu tun. Ist diese unterblieben, kann der Mensch in der Gemeinschaft nicht ankommen. Eine Gemeinschaft, die alle Belastungen des Einzelnen entsorgt, stellt letztlich ihre eigenen Regelungen in Frage. Wir müssen uns dann nicht wundern, wenn die Gemeinschaft insgesamt zur Disposition steht. Gemeinschaftsaufgaben zu erfüllen, war und ist – zudem für junge Menschen eine gute Möglichkeit sich zu beschäftigen, ohne dass dabei ein bestimmtes Berufsziel verwirklicht werden muss.

Retten, pflegen und schützen. Alles Bereiche, die für die Verfassung einer Gemeinschaft unabdingbar sind. Es gilt diejenigen, die Verantwortung für unsere Gemeinschaft in leitender Funktion tragen, daran zu erinnern, dass auch sie verantwortlich sind für das im Zuge falsch verstandener Individualisierung und Abbau von Gemeinschaftsaufgaben schwindende Bewusstsein vieler Menschen, füreinander einstehen zu müssen. Mit Elterngeld und anderen wohlmeinenden Zuwendungen des Staates ist dies nicht getan. Nur durch die Strukturierung und Vermittlung gemeinschaftlicher Aufgaben können wir unseren den Gesetz und Regeln innwohnenden Werten eine bleibende Bedeutung sichern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Familie

Nach Artikel 5 des Grundgesetzes genießt die Familie den besonderen staatlichen Schutz. Was bedeutet dies und welche Konsequenzen sind hieraus abzuleiten? Gesetzlich ist das zunächst gelöst. Vom Elterngeld bis zum Sorgerecht sorgt der Staat dafür, dass die Durchführung des familiären Experiments gewährleistet ist. Doch ist zu fragen, ob der Staat auch bereit ist, die Autonomie der Familie zu respektieren, insbesondere ob unsere Gesellschaft überhaupt die grundgesetzliche verankerte Achtung der Familie immer zu verteidigen bereit ist. Ich habe da meine Zweifel. Dies nicht deshalb, weil es die unterschiedlichsten Familienmodellen gibt, sondern weil das Selbstverständnis, welches der Familie eigentlich innewohnt politisch konturlos erscheint. Der Begriff „Familie“ wirkt zudem antiquiert, unzeitgemäß, spießig und kategorisch. Richtig ist, dass mit dem Begriff „Familie“ Schindluder getrieben wurde, und zwar dadurch, dass ihm interessierte Kreise etwas nur auf Vermehrung gerichtetes, Wertkonservatives oder Versorgungstechnisches anhefteten.

Auch wenn der ein oder andere vorgenannte Aspekt durchaus nicht geleugnet werden kann, so ist Familie dennoch etwas ganz Besonderes. Sie beruht auf der Verabredung von Menschen, ein gemeinsames Unternehmen zu gründen, das es ihren Kindern ermöglicht, sich in diese Gesellschaft hinein zu entwickeln. So ist die Familie das Start-up-Unternehmen für jedes Baby. Was in der Familie misslingt, kann auch kaum mehr erfolgreich durch Kindergarten und Schule ausgebügelt werden. Die Nähe des Kindes zu seinen Eltern schafft das Lebensvertrauen, das Kinder überhaupt erst in die Lage versetzt, sich diejenigen Fähigkeiten anzueignen, mit deren Hilfe sie in Integrität und Zuversicht künftig ihr Leben gestalten können.

Dabei kommt es bereits auf die pränatale Vorbereitung und die ersten sieben Monate eines Kindes an, denn was dort nicht angelegt wurde, kann auch später nicht nachgeliefert werden. Es kommt zudem darauf an, dass die Eltern an die Kinder Liebe, Güte, Bildungsbereitschaft, Zuversicht , d. h. all diejenigen Fähigkeiten weitergeben, die ihre Kinder als Rüstzeug des Lebens dringend benötigen.

Das Kind interessiert sich für seine Eltern, deren Sprache, Geschichten, Rituale und Berührungen, deshalb ist es so wichtig, Eltern auszubilden, denn Elternbildung schafft Kinderbildung. Sowohl im tatsächlichen als auch im übertragenen Sinne. Zur Familie gehören selbstverständlich neben den Eltern auch Großeltern, Geschwister und Verwandte mehrerer Generationen. Freunde und nahe Bekannte sind wichtig für das Kind. Sie alle sind primäre Paten einer günstigen Zukunftsprognose für das Kind und schaffen gemeinsam die Voraussetzungen dafür, dass mit dem Eintritt in Kindergarten und Schule die Familie nicht ausgeschlossen ist, sondern weiterhin den Hintergrund für selbstbewusste Erfahrungen des Kindes bieten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Geld für alle

Wir haben Grund zu staunen. Wer Geld unter das Kopfkissen schiebt, hat allen Grund dazu, sich zu fürchten, dass Diebe ihnen das Ersparte wegnehmen. Wer Geld auf die Bank bringt, hat allen Grund dazu, anzunehmen, dass er Verwahrgebühren bezahlen muss und sich dieses Geld allmählich von selbst verzehrt. Es gibt Geld im Überfluss, in rauen Mengen und die EZB kann noch mehr davon drucken, wenn es sein muss.

Diese Großzügigkeit in der Geldvermehrung, die sattsam bekannten Spekulationen und hohen Verschuldungen stehen in einem merkwürdigen Kontrast zur Wahrnehmung der finanziellen Situation einzelner Menschen. Für die meisten Menschen ist Geld „geronnene Arbeit“. Das hat Karl Marx „so festgelegt“.

Der einzelne Mensch kann kaum begreifen, dass Geld für Banken aber auch für Staaten und überstaatliche Organisationen Verschiebungsmasse für Vorteile und Disziplinierungen darstellen kann. So funktionieren offenbar politische Gestaltungsprozesse. Die einen sagen: stärkt die Exportwirtschaft und wir alle haben mehr davon, Arbeitsplätze werden geschaffen, das Lohnniveau steigt. Andere sagen: weniger Exportwirtschaft mehr Geld im Binnenmarkt und damit mehr Geld für Arbeitnehmer und die Konsumenten, damit der Binnenhandel floriert.

Irgendwie leuchtet das ein, denn, wenn es uns besser geht, wir mehr Geld bekommen, dann haben auch andere europäische Unternehmen eine Chance, ihre Waren hier anzubieten und alle nehmen teil am Wachstum. Aber nichts dergleichen geschieht, denn was geschieht, bestimmt schon längst nicht mehr allein die Politik, sondern die Wirtschaft. Die floriert und Deutschland lässt sich als Exportweltmeister feiern. Aber was hat der einzelne Arbeitnehmer, nein der einzelne Mensch in Deutschland davon? Viele sind gefangen in Hartz-IV, in unteren Lohngruppen, in Teilzeitarbeit, in Aushilfejobs und Lethargie angesichts des wirtschaftlichen Farbenrauschs, die Geldorgien, die er zwar wahrnimmt aber gesellschaftlich für ihn unerreichbar sind.

Und was wird getan? Wohngeld, Elterngeld, Sozialhilfeangebote, Pflegezuwendungen, Zuschüsse für Einrichtungen aber kein „Empowerment“ des Bürgers in der Zivilgesellschaft, sein Leben selbst zu gestalten und ihm hierfür die günstigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu schaffen: Stärkung der Familie, Erhaltung von Bildungseinrichtungen, Schutz der natürlichen Ressourcen und natürlich auch Verteilungsgerechtigkeit.

Die Politik kann der Wirtschaft das Handeln nicht überlassen, sondern ist selbst gefordert, den Contrat Social neu zu schreiben und alle Akteure des öffentlichen Raums darauf zu verständigen; auch nicht dem Staat, der seine Rolle überdenken muss als zentrale Geldverteilungsmaschine. Seine Aufgabe ist es, die Voraussetzungen für die freie Entwicklung jedes einzelnen Menschen zu schaffen, anstatt bräsig seine Allgemeinzuständigkeit zu behaupten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski