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Sensibilisierung

Wer früher als sensibel bezeichnet wurde, erfuhr eine unterschiedliche Bewertung. Ein sensib­les Kind war dafür vorgesehen, Musikinstrumente zu erlernen. Die Ermahnung „Sei doch nicht so sensibel“ signalisierte dagegen, dass die festgestellte Empfindsamkeit nicht angemessen sei.

Sensible Kinder haben es schwer. Wie verwegen mutet daher die Aufforderung vor allem aus dem politischen Raum an, wenn von uns verlangt wird, wir sollten sensibler reagieren. Da diese Voraussetzungen nicht bei allen Menschen vorhanden sind, sollen wir uns sensibilisieren. Faszinierend! Aber, wie soll das geschehen? Wie funktioniert Sensibilisieren? Wie kann jemand, der keine sensiblen Eigenschaften aufweist, sensibilisiert werden, ohne dass er durch die Decke geht? Wie ist der Widerspruch zu überbrücken, dass Sensibilität oft als Lebenseinschränkung gesehen und andererseits aber gefordert wird?

Fangen wir nun alle an, Musikinstrumente zu lernen oder Hausarbeitskreise zu gründen, wenn wir sensibilisiert werden? Welche Kraft soll in uns wirken, die uns in die Lage versetzt, uns entgegen aller Prognosen der Politik sensibel zu machen? Vielleicht schaffen wir dies mit Achtsamkeitstraining und wer dann, bitte schön, ist dafür zuständig? Welche Vorteile bringen uns Sensibilisierung und Achtsamkeit? Taugt die öffentliche Hand, taugen die Vertreter des Staates und die Politiker als Vorbilder? Wie sensibel sind Vertreter von Parteien und Verbänden?

Ich fürchte, solche Forderungen nach angestrengter Sensibilität bewirken genau das Gegenteil. Sie verharmlosen das Problem einer auf Machtverhältnissen basierenden Gesellschaft, der nur mit Regeln, Gesetzen und verlässlichen Vorbildern an Integrität beizukommen ist. Unerfüllbare Forderungen bewirken das Gegenteil, verharmlosen das Problem und setzen diejenigen, die sich selbstverständlich an Gesetz und Regeln halten, der Lächerlichkeit aus. So wird ein sensibler, achtsamer und integrer Mensch zur Witzfigur. Das dürfen wir nicht wollen und müssen daher aufhören, sinnlose Phrasen zu dreschen, die nur den Ignoranten Vorteile verschaffen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Jahreswechsel

Willkommen im Neuen Jahr! Der Wechsel ist geglückt. Der Wechsel? Wohin sind wir ge­wechselt? Hat eine Häutung, eine Erneuerung stattgefunden? Nüchtern betrachtet, ist nichts Neues passiert, hat nichts angefangen, sondern aufgrund einer verabredeten, wissenschaftlich begründeten Zeiteinteilung bekommen wir neue Jahreszahlen, die auch so oder so hätten lau­ten kön­nen, sich von der Vergangenheit nicht entfernen, sondern nahtlos an sie anschließen.

Und doch findet so etwas Ähnliches wie ein Wechsel statt, persönlich, privat, gesellschaftlich, me­dial und wenn auch nicht am 31.12. eines Jahres festgemacht, sogar in der Natur. Das alte Jahr ist uns zwar etwas lästig geworden, dennoch begegnen wir dem neuen Jahr auch in ban­gender Erwartung, würden uns in letzter Minute gerne noch etwas festhalten am vertrauten Jahr, um uns dann ins neue Jahr mit viel Getöse, Feuerwerk und Übermut zu stürzen, in der Absicht, das Bangen zu vertreiben. Das neue Jahr ist für uns nicht kalkulierbar.

Stellen wir Prognosen an, so beru­hen sie nur auf bereits gemachten Erfahrungen. Vulkanausbrüche, Tsunamis, Erdbe­ben und Meteoriteneinschläge sind nicht zu kalkulieren, aber, wenn sie einträten, veränderten sie alles. Wenn wir nicht wissen, was auf uns zukommt, sollten wir uns rüsten für das Uner­war­tete im neuen Jahr, uns üben in Flexibilität, Unerschütterlichkeit, Mut, Nachdenklichkeit, Empfindsamkeit, Lernfähigkeit, Verantwortlichkeit und Aufgeschlossenheit. Wenn wir dies als Wechsel annehmen und zum Einlösen bereit sind, dann wird es sicher ein gutes Jahr.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski