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Grenzen

Angesichts der Flüchtlingsströme versiegt die Debatte über das Schützen unserer äußeren Grenzen in Europa nicht. Es geht mir aber hier nicht um die äußeren Grenzen, sondern die inneren Grenzen, die wir ziehen, um Ereignisse nicht zuzulassen, weil wir sie bei anderen nicht respektieren wollen.

Das sind keine klar definierten Grenzen, sondern selbstverständliche oder verabredete Linien, deren Überschreitung Konflikte auslösen können. Der einzelne Mensch kann Grenzen setzen und erklären, bis dahin und nicht weiter. Um diese Grenzziehung zu verteidigen, muss er entweder darauf vertrauen, dass ein anderer diese Grenze achtet oder er bei Missachtung den Grenzverletzer zur Rechenschaft ziehen kann.

Wie die äußeren Grenzen sind folglich auch die inneren Grenzen von der Machtfrage geprägt, aber nicht nur. Innere Grenzziehungen beruhen auf dem Kalkül, dass deren Überschreiten Störungen verursacht, die den Verlust sozialer Anerkennung des Grenzverletzers mit einschließt. Das System der inneren Grenzen hat sich seit Bestehen der Menschheit bewährt und stellt daher den Kompass für eigenes Verhalten und das Verhalten anderer Menschen dar.

Aber gerade heute stellen wir vermehrt fest, dass Menschen bewusst zu Grenzverletzungen neigen. Sie verletzen diese bewusst, um die Konsequenzen zu erfahren oder deren Konsequenzlosigkeit. Eine beispielhafte Konsequenzlosigkeit der Grenzverletzung macht den Menschen aber hilf- und wehrlos. Wenn er sieht, dass er mit seinen Appellen an Recht, Moral und Menschlichkeit nicht mehr weiterkommt, wird er möglicherweise selbst zum „Kannibalen“ und zerstört alles, was ihm in seinem Furor noch im Wege steht.

Eine entgrenzte Gesellschaft kennt also ad hoc Bünde der Macht, der Gier, der Ziellosigkeit und des schlechten Geschmacks. Eine Welt ohne innere Grenzen ist zudem so langweilig, dass sie selbst die permanenten Grenzverletzer nach Wegfall aller Hemmungen um den Triumpf ihres Verhaltens bringt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski