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Der Club der Egomanen

Willkommen im Club der Egomanen: Trump, Putin, Erdogan, Modi, Johnson, Orbán, Höcke, Assad, Bolsonaro und Xi Jinping. Sicher habe ich einige unterschlagen oder nicht berücksichtigt, weil sie mir nicht eingefallen sind oder ich sie als nicht so bedeutend erachtet habe. Es ist bemerkenswert, dass sich im Club der Egomanen nur Männer befinden.

Was eint nun dieses Männerbündnis, was schafft ihre Singularität? Dies in aller Schlichtheit: Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich und Tempo! ich ich ich ich ich ich ich ich !!!!. Es ist bemerkenswert, dass sowohl im Zähler als auch im Nenner dieser Charakter dasselbe steht.

Das macht sie so eindeutig, fast unverwundbar und mächtig. Kein Vorwurf kann sie treffen. Sie haben ihre Zeit. Dann ist sie zu Ende. Den Club der Egomanen verlassen sie allerdings auch post mortem nicht. Ihr Nachruf besteht nur in einem Wort: ICH.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Sinnlosigkeit

Was juckt es den Bären, wenn man ihm einen Floh in den Pelz setzt. Kurz schüttelt er sich und im hohen Bogen verlässt ihn der Floh. Das Beispiel soll verdeutlichen, dass es völlig sinnlos ist, gegen die Mächtigen etwas vorzubringen, sie schütteln sich einmal und schon geht es weiter.

Ja, es mag sein, dass der Prozess des Schüttelns etwas länger dauert oder die Hilfe von Kammerjägern erforderlich ist, aber, im Ergebnis bleibt der Pelz frei von Störenfrieden. So ist es, wenn wir uns nicht nur Putin, sondern auch Trump, Erdogan und neuerdings auch den chinesischen Parteichef Xi Jinping als Bären denken.

Dabei geht es nicht nur um ihr persönliches dickes Fell, sondern um das Fell an sich. Es geht um die Machtlosigkeit des Flohs angesichts der organisierten Macht von Einrichtungen, die empfindlich reagieren, wenn sie sich angegriffen fühlen, dann unnachsichtig sind und nicht zulassen, dass sie in Frage gestellt werden. Die eigene Selbstverherrlichung geht so weit, sich anzumaßen zu wissen, was Religion ist und was sie will. Indem sie diese instrumentalisieren, lästern sie Gott, und zwar ohne zu erwarten, dass sie zu Lebzeiten dafür bestraft werden. Man könnte auch sagen, sie lästern und missachten die Schöpfung Gottes.

Aber das juckt sie genauso wenig, wie der Floh in ihrem Pelz. Religion, der Mensch, seine Fähigkeiten und Neigungen. Alles ist nur Mittel zum Zweck der Mächtigen. Müssen wir resignieren, verzagen oder bleibt für uns noch etwas zu tun? Ich glaube, ja. Es geht für uns darum, Haltung zu beweisen, unsere Würde, unsere Integrität, unsere Ablehnung, unsere Beharrlichkeit, uns nicht verführen zu lassen, unser Wille, uns im Pelz der Mächtigen festzukrallen und nicht loszulassen, wenn der Bär sich schüttelt. Ein Einzelner vermag da wenig, aber viele anständige Menschen sind eine echte Herausforderung für alle Machthaber. Schaffen wir also eine Population der Integrität, Würde und Güte, die im Pelz der Mächtigen mehr juckt als ein einzelner Floh.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wahlen

Im September finden wieder Bundestageswahlen statt. Die Parteien fordern beständig dazu auf, wählen zu gehen. Es werden Wahlen analysiert und prognostiziert. Die Legitimität des französischen Präsidenten Macron wird dabei etwas in Zweifel gezogen, weil weniger als 50 % seine Partei „La République en Marche“ gewählt haben.

Wählen kann jeder, sobald er volljährig geworden ist. Das Kinderwahlrecht hat sich noch nicht durchgesetzt, jedenfalls nicht in allen Bereichen. Nicht wählen dürfen Ausländer, auch wenn sie schon immer hier gewohnt haben, aber solche, die Doppelstaatler sind. Die türkischen Deutschen helfen mehrheitlich Recep Tayyip Erdoğan beim Siegen in seinem Land. Wahlen sind keine Erfindung der Demokratie, sondern öffentlicher Ausdruck eines Verhaltens, das Legitimität verschaffen soll.

Der amerikanische Präsident Trump wurde gewählt, obwohl eine Mehrheit der amerikanischen Bürger nicht für ihn gestimmt hat. Das lag an dem sonderbaren US-Wahlsystem. Aber auch dort, wo es auf die absolute Anzahl der Stimmen ankommt, klafft zwischen Akzeptanz und Ablehnung nur ein zarter Spalt. Erdoğan hat mit gerade einmal 50 % der Wahlstimmen seine Verfassungsänderung durchgebracht.

Theresa May in Großbritannien wurde nicht gewählt, sondern gerade abgewählt. Und dennoch schafft sie es Dank Koalitionen, doch weiter zu regieren. Es kommt anscheinend also nicht darauf an, wie und wen man gewählt hat, sondern dass man gewählt hat. Dabei müssen aber die richtigen Gruppen gewählt haben, und zwar je nach Wahlprogramm und Anliegen der Bewerber.

Im Ergebnis ist es so, wie beim 11-Meter-Schießen im Fußball nach Verlängerung. Die siegreichere Mannschaft bleibt auf dem Platz, die andere geht. Was allerdings im Sport noch verschmerzbar ist, führt bei Abstimmungsverhalten im öffentlichen Raum leicht zu einer Fehleinschätzung des Wahlausgangs. Kandidaten, die ihre Absichten zur Wahl gestellt haben, gewinnen nicht etwa deshalb, weil sie die besseren auf dem Feld gewesen wären, sondern weil die Wähler erwarten, dass ihre Stimme Gewicht hat.

Gewicht sollte aber gerade auch die Stimme desjenigen Wählers haben, der sich entschieden hat, nicht zuzustimmen. Nicht gewählt zu haben oder die Stimme zu verweigern, ist eine programmatische Botschaft, die denjenigen, der mehrheitlich gewählt wurde, veranlassen sollte, das Anliegen des Verweigerers zu berücksichtigen. Anstatt Triumpfe auszukosten, sollten Trump und Erdoğan mit Bescheidenheit, Toleranz und Demut im Sinne ihrer Völker handeln und dabei auch auf die Stimme derjenigen achten, von denen sie gerade nicht gewählt wurden. Wahlen sind ohnehin nur Momentaufnahmen, gegenwärtig und nicht zukunftsorientiert. Alle diejenigen, die sich aufgrund von Wahlen ermächtigt sehen, für Andere zu handeln, sollten ihre Legitimitätsdefizite bedenken und darum ringen, auch ihre Nichtwähler und Gegner zu berücksichtigen.

In Deutschland sind wir diesen Vorstellungen schon sehr nahe. Wenn dann politischer Gleichklang und fehlende Opposition unter dem Gesichtspunkt der fehlenden politischen Gesamtvertretung behauptet wird, ist dies allerdings ein fehlerhaftes Wahlverständnis. Gerade dass man in Deutschland so schwerfällig und kompliziert um Alternativen ringen muss, macht deutlich, dass wir in einem der pluralistischsten, aber auch konsensfähigsten Staaten dieser Welt leben. Unsere Fähigkeit des gesellschaftlichen Ausgleichs macht uns einzigartig und erfolgreich. Weil wir es können, müssen wir die Inklusion aller Bevölkerungsgruppen in unserer Gesellschaft schaffen, den Hunger dieser Welt angehen und unseren Beitrag zur Rettung des Planeten leisten. Wir haben nicht nur die Wahl, sondern die sich aus unserer Wahlmöglichkeit abzuleitende Verpflichtung.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Faschist

Faschismus ist zwischenzeitlich ein gängiger Arbeitsbegriff von Potentaten, die damit Menschen in ihrem Sinne beeinflussen wollen. Offenbar ist er noch nicht ganz abgenutzt, obwohl nicht nur Erdogan, sondern auch Putin ihn gerne benutzen. Faschisten sind immer die Anderen und man gehört selbst selbstverständlich zu den Guten. Warum funktioniert das, obwohl die durch den Faschismus-Vergleich Angesprochenen wahrscheinlich die Bedeutung des Begriffes Faschismus überhaupt nicht kennen.

Ich vermute, dass der Begriff deshalb so gut funktioniert, weil sich jeder etwas Anderes darunter vorstellen kann, also gerade deshalb, weil niemand richtig weiß, was Faschismus ist. Emotional setzen die Potentaten auf diesen Effekt und destillieren aus der Ratlosigkeit des Adressaten ihre Unterstützung. Es möchte ja keiner bekennen, dass er nicht wisse, was hier gesagt wird und zudem vertraue er dem Potentaten, der dem Bösen so einen Namen gegeben hat. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. So einfach könnte es auch gesagt werden, aber nicht so empathisch.

Zudem scheint es legitim, mit in den Chor der Anderen einzustimmen, wenn der Potentat die Melodie vorgegeben hat. Der Einzelne mag doof sein, wenn er dies tut, aber wenn eine Mehrheit in das Lied einstimmt, kann es nicht falsch sein. Zudem ist es von Herzen befreiend, sich nicht grübelnd und abwägend durch das Leben zu bewegen, sondern einmal laut zu brüllen, um dann wieder dem Tagesgeschäft nachzugehen. In einer größeren Gruppe ist das auch einfacher, denn die Anderen machen mit.

Sollte jemand wegen seines Chorbeitrages je zur Rede gestellt werden, so kann er auf die suggestive Kraft der Masse verweisen und sich davonstehlen, wenn es brenzlig werden sollte. Wer zündelt, entfacht ein Feuer. Wer Andere aus Opportunitätsgründen Faschisten nennt, muss sich vergegenwärtigen, dass seine Taten eines Tages aufgeklärt werden.

Wie heißt es? Gottes Mühlen mahlen langsam, aber gerecht. Wir sollten uns nie vor den Wagen eines Potentaten spannen lassen und sein Marschlied singen. Irgendwann bleibt es uns in der Kehle stecken.

Dann Gnade uns Gott!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mutwillen

Auch, wenn wir es oft beschreiben und analysieren, ganz verstehen wir nicht, warum andere ihren Mutwillen mit uns treiben. Da sind Politiker wie Putin, Trump und Erdogan, da sind aber auch schikanöse Behörden, Betriebsinhaber, Milizen oder Jugendgangs. Wir wissen, was sie tun, wir analysieren ihre Taten und finden irgendwelche Begründungen. Aber, warum sie es wirklich tun, erfahren wir nicht.

Natürlich geht es um Macht, die irrationale Lust, andere zu quälen und sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen. Damit ist allerdings noch nicht alles gesagt. Es gibt auch einen ganz rationalen Hintergrund für dieses Verhalten, und zwar:  Nur der Erfolg zählt. Die Peiniger auf allen Gebieten leben ausschließlich von dem Echo ihrer Taten. Werden diese mehrheitlich wahrgenommen, dann gibt dieser Erfolg ihnen recht, und zwar selbst dann, wenn ihre Taten frevelhaft, ungeheuer oder zumindest fragwürdig erscheinen könnten.

Der Peiniger kann sich allerdings auf die bleibende Anerkennung seiner Zumutungen nicht verlassen, dies wird deutlich, wenn man sich die Rechtfertigungen aller schon gewesenen Bösewichter vor Augen hält. Besonders einprägsam war einer der letzten Aussprüche des abgesetzten Stasichefs Mielke vor dem DDR-Abgeordnetenhaus: „Ich liebe Euch doch alle!“ Die Chancen der Schwachen, Unterdrückten und Gedemütigten stehen dann nicht schlecht, wenn sie Erfolg haben. Vençeremus! Ob es dann auch wieder Unrecht ist, kann dahingestellt bleiben. Der Erfolg zählt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Bananenrepublik

Es wäre ein grotesker Fehler, Trump mit Putin, Erdogan oder irgendeinem Fürsten einer Bananenrepublik zu vergleichen. Die Genannten sind bis auf Trump Machtpolitiker, die ausschließlich ihre Vorteile im Visier haben. Das ist ein bekanntes Phänomen und begleitet uns durch die ganze Menschheitsgeschichte. Trump kommt es nicht auf die Macht, sondern auf die Wirkung an. Sein Ego lässt es nur zu, dass er bewundert und anerkannt wird und niemand den Finger hebt und sagt: You are fired.

Anders bei den Traditionalisten unter den Populisten. Sie nutzen gesellschaftliche Trends, um ihre Machtansprüche zu befriedigen und zu ihrer politischen Bedeutung und ihrem wirtschaftlichen Wohlstand beizutragen. Indem man den Gegner definiert, ihn als Feind oder Hassfigur stilisiert, funktioniert diese Vorgehensweise bisher recht gut. Doch Trump zeigt, dass dies veraltet und nicht mehr zeitgemäß ist. Er und seinesgleichen erwarten mehr: emotionales Engagement statt politisches Kalkül, Entertainment statt nationalistisch ernst gemeinte Parolen.

Die Traditionalisten unter den Populisten sind immer noch versucht, die Welt glauben zu machen, sie gehörten der gleichen politischen Kaste an. Ihre Lügen sind nicht subversiv, sondern konstruktiv, um politischen Konsens dort vorzuspielen, wo er schon längst nicht mehr vorhanden ist. Die politischen Überlebenschancen solcher Populisten sind außerordentlich gering. Zwar leugnen sie das Faktische auch, aber sie leugnen ferner, überhaupt irgendetwas gesellschaftsfeindliches im Schilde zu führen. Sie gebärden sich als harmlos.

Trump tut das nicht. Er bestätigt jede Gemeinheit gegenüber Andersdenkenden, Frauen, Ausländern, allen Menschen, die nicht bereit sind, mit ihm zu kooperieren. Eigentlich müssten sich Putin und Erdogan gegen einen solchen opportunistischen Usurpator verschwören, wenn sie nicht klanglos untergehen wollen. Wahrscheinlich haben sie Angst vor der ungreifbaren Komik.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Hauptsache, wir haben Spaß

Was uns internatio­nal und national inzwischen angeboten wird, scheint den Rahmen des verständlichen Irrsinns zu sprengen. Aber dennoch schauen wir interessiert zu und warten auf immer neue unterhaltsame Varianten. Ein dazu passender Werbespruch lautet: Hauptsache, ihr habt Spaß. Ja, mit Pokemon, IS und Erdogan lässt sich viel Spaß haben. Dann dieser Spaßvogel Trump aus den USA und unser neuer britischer Außenminister Johnson.

Ein Zirkus und es scheint mir, als wäre es verwerflich, überhaupt noch einen Gegenentwurf zu entwickeln. Allenthalben Beschwichti­gungen und Appelle: Die Rechtsstaatlichkeit muss gewahrt bleiben, die Wirtschaft dürfe nicht leiden und auch weder Schnecken noch Fledermäuse. Überhaupt scheint sich die traditionelle Demokratie der Repräsentation und der Gewaltenteilung auf dem Rückzug zu befinden, be­gleitet vom nächtlichen Applaus der Bürger und verunsicherten Politikern.

Erdogan ist sich sicher, die Mehrheit seiner Türken steht hinter ihm. Na klar, jetzt sind sie dran und dürfen mit präsidialer Ermächtigung losziehen, um es anderen so richtig zu besorgen, insbesondere den Intellektuellen und Weintrinkern. Der Kater dann irgendwann, wie in Venezuela. Next Generation! Gibt der Minderheit gar keine Rechte mehr. Das ist türkische Politik. Verbau der Mehrheit künftig alle Möglichkeiten und Rechte. Das ist britische Politik, auch sehr demokratisch. 35 % alter Män­ner in Großbritannien schaffen an einem Donnerstag flux die Errungenschaften von Jahr­zehnten ab und lassen die Zukunft überhaupt nicht zu Wort kommen.

Ich bin für die Einfüh­rung des Kinderwahlrechts. Hätten die Eltern in Großbritannien Gelegenheit gehabt, verant­wortungsvoll die Stimmen ihrer Kinder wahrzunehmen, ein Brexit wäre niemals geschehen. Wie doof müssen wir eigentlich noch werden, ohne Policies zu entwickeln, die eine eigene strategische Handschrift aufweisen. Ob dies die Türkei betrifft, Russland oder die USA? Ja, es geht uns gut und feiern ist ja auch sehr schön. Noch.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski