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Teilhabe

Besonders anlässlich der Wahlen in Thüringen und Sachsen war bei Politikern und in den Me­dien von Menschen die Rede, die demokratieverdrossen, abgehängt und frustriert seien. Anders sei es auch nicht zu erklären, dass Parteien wie die AfD und das BSW gewählt wurden. Den ganzen Salat an Argumenten muss ich hier nicht wiedergeben, er ist uns allen sattsam bekannt. Wie mag es aber tatsächlich um die Menschen bestellt seien, ob diese im Osten oder Westen, im Süden oder Norden Deutschlands leben?

Ich weiß es nicht, jedenfalls nicht mit dieser Ein­deutigkeit, die Welterklärer bevorzugen. Nach meiner Einschätzung präsentieren sich alle Men­schen, also auch die Wähler, mit ihren Erwartungen, Sehnsüchten und Ansprüchen in einer Vielfältigkeit, die ihnen oft selbst Sorge bereitet, sie ängstlich und bange werden lässt. Es ist alles viel zu viel und zu unübersichtlich für sie, selbst der private Raum nicht mehr ganz sicher. Die gespürten Verletzungen werden vor allem medial geschaffen durch öffentlich geäußerte Erwar­tungen und Verpflichtungen und durch die Erschaffung einer digital verpflichtenden Welt, die Zumutung provoziert, Menschen zwingt, sich permanent auf Unwägbarkeiten einstellen zu müssen.

Die Erfahrung der früher gepflegten Einheit und Konformität, die die Menschen zwar einerseits langweilte, allerdings aber auch beruhigte, veranlassen sie heute, in jedes für sie bild­haft bereitgestelltes Fahrzeug zu steigen, wenn dies die ehemals vertraute Ruhe verspricht und sich Gleichgesinnte darin befinden. Allerdings, wenn sie sich umschauen, werden sie nach ei­niger Zeit mit Erstaunen entdecken, dass sich Menschen im Wagen befinden, die voneinander abwei­chende Meinungen und Erwartungen haben. Was werden sie dann tun? Etwa austeigen? Das Fahrzeug wechseln? Wer weiß? Wer sind nun diejenigen, die die Menschen, Bürger, Wähler abholen und zum Einstieg in ihre Kutschen und Wagons verleiten oder nötigen?

Um im Bild zu bleiben, natürlich die Parteien. Für diejenigen, die ursprünglich nur eine Fahrt ins Blaue buchten, haben sie einen Chauffeur bestellt, Reiseziele benannt und verkaufen – um im Bilde zu bleiben – statt Rheumadecken ihre Programme. Bei Fahrten ins Blaue ist dies traditionell immer so, an Bord gelten die Regeln des Veranstalters. Doch nicht vergessen, ein jeder Reisende hat die Fahrt selbst gebucht. Fühlt er sich in seinen Erwartungen etwa dann enttäuscht, wird es niemanden geben, der ihn dafür entschädigt. Es entspricht lediglich seinem Motivirrtum, wenn er meint, er habe geglaubt, auf der Fahrt ins Blaue interessante Sonderangebote zu bekommen, tatsächlich aber feststellt, dass alle Angebote veraltet und durchschnittlich sind. Per­manent habe ein Vertreter des Reiseveranstalters auf ihn eingeredet, zur Ruhe sei er nicht gekommen, so wird er klagen, aber bereits nach kurzer Zeit sind wohl die Erinnerungen an seine gemachten schlechten Erfahrungen wieder verblasst. Eine neue Fahrt ins Blaue ist schon angekündigt, das Fahrzeug steht bereit und warum sollte er nicht mitfahren? Vielleicht ist dieses Mal alles anders.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Flippern

Überall locken uns Angebote mit der Möglichkeit zu gewinnen oder auch zu verlieren. Wie auch im Leben, stellt sich mir beim Flipperautomaten die Frage, mit welchem Schwung ich die Kugel in ihre Umlaufbahn schicke, welche Ziele ich mit ihr ansteuere und welche ich dann zufällig auch erreiche. Ja, aus früheren Zeiten ist mir der Flipperautomat mit seinen vielfältigen Wegführungen, Leuchten und Klangschalen wohl vertraut. Manchmal muss, um die Kugel in die gewünschte Richtung zu lenken, der Automat selbst kraftvoll bewegt werden. Aber dabei ist Vorsicht geboten, denn sonst ist es unvermeidlich, dass ein „Tilt“ auf der Anzeige aufleuchtet und nicht nur das schöne Vorhaben selbst, sondern auch der gesamte Gewinn durch systemisches Eingreifen der Mechanik verhindert wird. Der Gewinn ist also „perdu“. Wie bei der Maschine ist es auch im Leben:

Einsatz, Spiel und Klang, dann aber eine falsche Bewegung: „Tilt!“ So ist von dem Automatenspiel eine Botschaft für das Leben mitzunehmen, dass der Einsatz immer wieder zu wagen ist und ggf. auch durch Rütteln und Schütteln und trotz aller Hindernisse Wege gewiesen werden, die gewinnversprechend sein können.

Dabei verstehe ich unter Gewinnen selbstverständlich nicht nur wirtschaftliche Gewinne und gesellschaftlichen Glanz und Klang, sondern den Gewinn, der im Spielen selbst besteht, wenn der Teilnehmende Hindernisse als Herausforderungen begreift und alle Begegnungen mit unerwarteten Vorkommnissen für ihn Bereicherungen darstellen. Selbst in einem metaphysischen Sinne verschafft uns die Fähigkeit zu flippern, eine Ungebundenheit, trotz eines „Tilt“ nicht aufzugeben, sondern alle Klänge des Lebens durch unseren Einsatz zu bestätigten, Wege zu wechseln, Zufälle und Hindernisse als Bereicherung zu begreifen und uns selbst eine Chance zu geben, den Zufall als eine konstante Erfahrung in unser Leben zu integrieren.

Das Spiel ist mit dem Leben verwandt und wir können von unserem Einsatz profitieren, wenn wir das im Spiel angelegte Muster begreifen und uns von einem „Tilt“ nicht abschrecken lassen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zensur

Seit Jahren ist zu beobachten, dass unter anderem im unterstellten Interesse von Kindern, aber auch von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, seien diese Schüler oder Studenten, aus Büchern, Schriften, Internet, überhaupt allen Aufzeichnungen all das getilgt wird, was nach angeblich wohlmeinender Auffassung dazu geeignet sein könnte, die angesprochene Klientel geistig und/oder seelisch zu beschädigen. Wokeness, Verletzlichkeit, Kolonialismus, Anmaßung und auch Geschlechterfragen sind dabei einige Stichworte.

Letztlich geht es dabei aber um pure Zensur, Zensur von Schrift, Sprache und Meinungen im wohlmeinenden Sinne. Das will ich insofern aufgreifen, als mich deren Wirkung auf Geschichte, Kultur und die Komplexität des Lebens im Sinne der Ausbildung des Menschen von Anfang an beschäftigt. Wann und wie erfahren wir Menschen, ob etwas richtig oder falsch ist? Wie erfahren wir also die Regeln und die Grenzen unseres eigenen Verhaltens, um zu sehen, was wir dürfen oder nicht dürfen?

Freiheit und Komplexität sind die Stichworte für den von jedem Menschen auszulotenden Lebensraum, in dem er sich zunächst unvorbereitetermaßen aufgrund seiner Geburt bewegen muss. Um diese Kunst aber zu beherrschen, muss ein Mensch alles erfahren, alles abwägen, sei es als eine Botschaft aus der Vergangenheit, als gegenwärtige Herausforderung oder als erwartbare Zukunft. Wenn Angebote zum wohlmeinenden Schutz des Menschen verkürzt und gar entfernt werden, besteht die Gefahr, dass der Mensch im Laufe seines Lebens mit Sachverhalten konfrontiert wird, mit den umzugehen er überhaupt nicht gelernt hat und sie daher auch nicht handhaben kann.

Die Komplexität unserer Kultur fordert aber gerade zur Auseinandersetzung mit allem heraus, was gewesen und gegenwärtig ist und auch künftig möglicherweise sein wird. Wenn wir also Menschen vorenthalten, was ihrer Ausbildung förderlich sein könnte, machen wir meines Erachtens einen großen Fehler und gefährden unsere Schutzbefohlenen, anstatt ihnen nachhaltig zu helfen. Sie werden ihre a priori tabuisierten, aber dennoch sich einstellenden Gedanken nicht mehr einordnen können. Für die sich hieraus ergebenden unheilvollen Konsequenzen und Gefühle bietet die Geschichte umfassendes Anschauungsmaterial.

Wir sollten uns also davor hüten, Geschichte, kulturelle Zusammenhänge und Verhaltensweisen zu kontrollieren und stattdessen Angebote unterbreiten, die es Menschen erlauben, die eigene Erfahrungen und Standpunkte zu überprüfen, zu ändern, zu ergänzen und erweiternd zu lernen, um allen Zumutungen des Lebens gewachsen zu sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Blockade

Es ist mir ein freudiges Anliegen zu denken und dabei mich von Gehörtem, Gelesenem, Gesehenem und Gespürtem inspirieren zu lassen. So lasse ich mich treiben in der Flut meiner Gedanken, die sich meist unverhofft verdichten und etwas entstehen lassen, was ich annehmen oder verwerfen sollte.

Wenn ich spüre, dass das, was sich andeutet, betrachtenswert ist, dann rufe ich alle weiteren mir verfügbaren Gedanken herbei und beginne mit dem Verdichten der umherschwirrenden Gedanken. Ich will verstehen, sie abgleichen mit meinen sonstigen Erfahrungen und Einschätzungen, um herauszufinden, ob etwas auftaucht, das es wert ist, über den Augenblick hinaus bewahrt zu werden.

Leider erlebe ich zuweilen, dass meine Gedanken bei allem heftigen Bemühen, dies zu verhindern, an Grenzen geraten. Es scheint zunächst alles auf dem besten Weg zu sein und dann: die Blockade.

Worauf beruht diese Begrenztheit meines Denkens? Vielleicht ist es die fehlende Erfahrung, das ungenügende Wissen oder auch ein nur immanentes Denkverbot? Dürfen wir Menschen nicht die absolute Kontrolle über unsere Gedanken und die Schöpfungsmacht für eine umfassende Einsicht besitzen? Dürfen wir die Unendlichkeit einer sich selbsterklärenden Gedankenlosigkeit dank umfassender Erkenntnisse nicht erfahren? Ist die Begrenztheit unseres Denkens der Begrenztheit unserer Sinne geschuldet?

Ich ahne, dass ich trotz aller vermutbaren Vergeblichkeiten meines Bemühens weiterhin versuchen werde, die Blockaden, die sich meinen Gedanken entgegenstellen, zu brechen. Ich bin allerdings dankbar dafür, dass es diese Blockaden gibt, denn sonst wären angesichts der vermutbaren Beliebigkeit meine Gedanken beschäftigungslos.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Blickwinkel

So mancher erinnert sich gern an Friedrich Luft „Die Stimme der Kritik“ und auch viele mit etwas Beklommenheit an den Großmeister der Kritik Reich-Ranicki. Kritikern wie diesen sind Theater, Literatur und natürlich auch die Darbietungen von Opern und konzerntanten Stücken anvertraut. In den klassischen Disziplinen sind die Kritiker die höchsten Instanzen und weisen verbindlich für Zuschauer und Zuhörer den Weg zum Verständnis.

Durch die unerbittlich lobende Bewertung oder gleichermaßen unerbittliche Verurteilung eines künstlerischen Beitrags öffnen sie den Olymp oder sorgen dafür, dass ein Schafott nicht ungenutzt bleibt. Kritiker erfreuen sich ihrer Macht, die sie mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Emotionen verbindlich machen können. Die Kritik wirkt. Zuhörer und Zuschauer wollen sich in ihrer zustimmenden Anschauung bestätigt sehen oder im Widerspruch dazu.

Vor allem schlagen sie sich auf eine Seite. Sie sind der Meinung: Schauspieler können nicht spielen, Dirigenten nicht dirigieren, ganze Orchester nicht musizieren und so mancher Schriftsteller überhaupt nicht schreiben. Andere wiederum werden über den grünen Klee gelobt. Alles verständlich, aber so frage ich mich: Ist das alles? Kann nicht ein schlecht gespieltes Theaterstück auch inhaltlich stark sein und zur eigenen Orientierung beitragen? Kann das nicht für alles gelten, was wir erleben?

Wenn wir statt mit Ablehnung zu reagieren, versuchen zu verstehen und das Erfahrene in unseren Vorstellungen entspiegeln, schafft das nicht eine Souveränität jenseits der Bevormundung? Kritiken können dabei sehr hilfreich sein, wenn sie uns Werkzeuge für die eigene Beurteilung an die Hand geben und unsere Beurteilung sich nicht auf das Offensichtliche beschränkt, sondern den Gewinn daran misst, dass uns Gelegenheit geboten wird, unsere Erfahrungen selbst anzureichern und daraus zu lernen. In diesem Sinne profitiere ich von jedem künstlerischen Angebot. Es ist einfach eine Frage der Perspektive, welchen persönlichen Nutzen ich daraus ziehe.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Schön leben Mensch

Der Alltag vieler Menschen ist so anstrengend, dass sie manchmal schier verzweifeln mögen. Es scheint oft, als ob die Menschen immer neue Schwierigkeiten erfinden müssten, um sich das Leben besonders schwer zu machen. Behinderungen und Einschränkungen ihrer Beweglichkeit erhalten Menschen fast täglich zu Hause, bei der Arbeit oder in Behörden. Überlieferte Sätze wie „Das haben wir noch nie gemacht“, unverständliche Fragebögen und Ablehnungen zeugen aber meist eher von Unsicherheit, Rechtfertigungsdruck und eigenem Überlebenswillen als von Durchtriebenheit und Gemeinheit. Menschen haben Angst vor vielem Fremden, bleiben aber menschlich, danken für den Vortritt durch eine Tür oder eine prompte Erledigung ihres Anliegens. Trotz aller Mühen, die sie verursachen, sind das Schönste am Leben die Menschen. Die Menschen mit ihren großen Potenzialen an Verständnis, Mitleidensbereitschaft und Freude an gemeinsamen Ereignissen.

Im Abgleich von Erfahrungen, Gespräche über Erlebnisse, Austausch über Reisen und Familie erleben sie durch die Feststellung von Gemeinsamkeiten ein großes Maß an Ruhe und sozialer Bindung. Der Mensch kann sich vereinzeln, seine Individualität betonen, sehnt sich aber doch nach der Gemeinschaft, die ihn erhält, ihm seine Besonderheit erst ermöglicht. Ohne Menschen gäbe es diese Welt, die wir so vielfältig erfahren dürfen, für uns nicht. Wenn wir vor die Türe treten, sind wir neugierig auf die Menschen, süchtig danach, von ihnen angenommen zu werden, und nach gemeinsamem Erleben. Das Schönste an dieser Welt sind daher wie zum Trotz die Menschen!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Margot Friedlander

Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, an einer privat veranstalteten Lesung von Margot Friedlander aus ihrem Buch, „Versuche, dein Leben zu machen – als Jüdin versteckt in Berlin“ teilzunehmen. Dies hat mich tief berührt, und zwar nicht nur deshalb, weil Margot Friedlander so präzise und nachvollziehbar das ihr als Kind und Jüdin durch deutsche Mitbürger aufgezwungene Leben verdeutlichte, sondern auch deshalb, weil in jedem ihrer Worte auch eine Botschaft für uns alle, also auch die junge Generation steckt.

Die Botschaft lautet: Es geht nicht, dass Menschen andere Menschen, aus welchem behaupteten Grund auch immer, umbringen, denn alle Menschen haben das gleiche Rechte auf Würde, Leben und körperliche Unversehrtheit. Der Geist von Margot Friedlander ist stärker als jedes politische Argument und daher so unerbittlich wahr. Wir dürfen weder in Gedanken, noch in der Tat das Leben anderer Menschen beschädigen, sondern sind verpflichtet zu Mut und Hilfestellung, so schwer das auch im Einzelfall sein mag. Wir haben das Recht, Konflikte zu erleben und müssen nicht immer das Richtige tun, aber das, was wir tun, vor uns selbst und anderen vertreten.

Margot Friedlander beschreibt so anrührend nachvollziehbar ihre Skrupel und ständige Selbstbefragungen, warum sie ihrer Mutter und ihrem Bruder nicht in den sicheren Tod gefolgt und diese auf diesem Weg begleitet hat, sondern das Leben wählte. So viel Größe zeigt eine ästhetische Seele jenseits jeglicher religiöser Vereinnahmung. Margot Friedlander hat nicht aufgehört, sich verantwortlich zu fühlen und gibt daher ihre Erfahrungen auch heute noch an andere Menschen weiter. Ich hoffe sehr, dass sie es noch lange tun kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Narrative

Ich erzähle für Dein Leben gern! Das ist eine der Kernaussagen des Projektes „Viva Familia“ der Ruck – Stiftung des Aufbruchs. Es geht hierbei nicht nur um das Erzählen von Fantasiegeschichten und Märchen, sondern um das Erzählen aus dem Leben, die Einkleidung unserer lebendigen Erfahrungen in Geschichten.

Oft werde ich gefragt, interessiert sich mein Kind für das, was ich aus dem Alltag zu erzählen habe. Ich antworte: „Ja, Ihre Lebensgeschichten sind wichtig für Ihr Kind, schafft den Bezugsraum für eigene Erfahrungen und vermittelt natürlich auch Sprachkompetenz.“ Alles ist erzählfähig und es ist wichtig, dies auch zu tun. Wir dürfen nicht allein Begrifflichkeiten abstrakt für uns sprechen lassen, sondern müssen diese einweben in Geschichten, die logisch sein können, aber auch große emotionale Kraft aufweisen. Oft nutzen wir nur Begriffe und vergessen dabei deren Bedeutung.

Auch von unserer Demokratie kann zum Beispiel leidenschaftlich erzählt werden. Die persönliche Begeisterung nicht von einem Despoten regiert zu werden, sondern sich auseinanderzusetzen mit anderen über einen einzuschlagenden Weg und dabei auch Minderheiten nicht zu vernachlässigen. Werden Begrifflichkeiten wie Demokratie, Rechtsstaat und Verfassung nur Behauptung, ohne ihnen erzählend einen emotionalen Sinn zu verleihen, ist es kein Wunder, dass den Menschen die Fähigkeit des Begreifens abhandenkommt.Wenn wir nichts erzählen, wie sollen dann die Kinder an unseren Erfahrungen, den Erfahrungen unserer Eltern und Großeltern teilnehmen und daraus eigene Handlungsoptionen ableiten?

Das Leben eines Menschen ist nicht begrenzt auf heute und jetzt oder die Zukunft, sondern schließt die ganze erzählbare Erfahrung der Menschheit mit ein. Nur so können wir selbstbewusst, tolerant und zukunftsfähig bleiben und eine gelassene Haltung bewahren angesichts der digitalen Blitzlichtgewitter in allen Medien. „Ich erzähle für mein Leben gern, um deines zu stärken, mein Kind.“

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Sammlung

Als Kind legte ich mir eine Postkartensammlung an. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war für mich die Postkartensammlung mein Guckloch in die weite Welt, die Motive vielfältig, natürlich vor allem Landschaften, aber auch Ereignisse, wie Radrennen und Vergnügungshöhepunkte. Anders als durch diese Postkarten hätte ich damals die Welt kaum kennenlernen können, vielleicht etwas träumen, aber nicht erwarten dürfen, dass dies jemals wirklich passiert. Viele Karten zeigten zudem eine Zeit und ihre Gewohnheiten, die es im Nachkriegsdeutschland nicht mehr gab, aber aufregend gewesen zu sein schien: schnelle Züge wie den „Rasenden Roland“ und Tanzveranstaltungen im „Wintergarten“.

Das Zeitfenster in die Vergangenheit versprach aber auch eine Zukunft und entstand stets vor meinen Augen neu, wenn ich meine Postkartensammlung wieder durchmischte und von Neuem betrachtete. Ich bin vielen Menschen begegnet, die sammeln: Postmarkensammlungen anlegten, natürlich aber auch Autos, Plastiktüten und Schnupftabakdosen horteten. Es gibt kaum etwas, was nicht sammlungsfähig ist. Die Motive können allerdings unterschiedlicher nicht sein. Manchen Sammlern – auch von großartigen Kunstwerken – geht es überhaupt nicht um die Kunst an sich, sondern um deren Wert. Andere wiederum sammeln Kunst, weil sie sich einer bestimmten Stilepoche verpflichtet sehen und nicht ruhen können, bis sie eine möglichst geschlossene Darstellung einer Zeit gesammelt haben.

Das Sammeln kann vom Ergebnis her geprägt sein, aber auch vom Prozess des Tuns. Wer sammelt, schafft an. Gleich einer Honigbiene vermehrt er den Nährstoff für sich und ggf. auch für andere. Das Sammeln von Geld gehört natürlich auch dazu. Selbst, wenn es Münzsammler gibt, denen es mehr auf die Münze als auf deren Wert ankommt, gilt Geldscheffeln auch als Teil eines Sammelprozesses. Sammeln ist nicht nur auf Gegenstände beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf Erfahrungen, immaterielle Eindrücke oder ungegenständliche Körperlichkeiten im engeren Sinne, wie Männer, Frauen, Hunde oder Pferde. Nichts lässt die Sammelleidenschaft außer Acht und offenbart dadurch eine Haltung, die vielfältige weitere Aspekte aufweisen kann.

Es hat mit der Potenzierung der Machterringung über einen Gegenstand, aber auch über einen Körper zu tun. Sammeln signalisiert die im Prozess befangene Angst vorm Verlust eines Status, der durch das Sammeln erhalten bleiben soll. Sammeln kann idealistisch geprägt sein, aber auch anmaßend, zum Beispiel dadurch, dass zum Wohle der eigenen Sammlung die Sammlungen anderer geschmälert werden. Durch das eigene Sammeln kann der Verlust bei anderen mit einkalkuliert sein. Idealistisch gesehen bedeutet sammeln auch bewahren und erhalten, was sonst unter die Räder gelangen könnte.

Eine vollendete Sammlung wird zuweilen für den Sammler selbst zur Belastung, weil sie zu erstarren scheint und sich entweder keiner findet, der sie übernimmt oder der Sammler selbst sich von ihr nicht lösen kann. Der Sammler ahnt, dass im Regelfall auch seine Sammlung zum Beispiel von Kronkorken eine Endlichkeit hat, die spätestens mit seinem Tod eintritt. Die meisten vererbten Kunstsammlungen sind eine Belastung für die Erben und eine Sammlung von Hunden, Katzen oder Papageien kaum zoofähig. Kein Wort gegen Sammlungen: Deren Endlichkeit und Auflösung sollte allerdings mit bedacht werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Hans vom Glück

Hans vom Glück ist mein offenes Pseudonym. Ich habe diesen Namen gewählt, weil ich Hans im Glück als eins meiner Vorbilder angenommen habe. Jeder kennt die Geschichte dieses Hans´, der für treue Dienste mit einem Goldklumpen entlohnt wurde, diesen aber aus Gründen verliert, die einfältig erscheinen, aber Hans auch immer wieder neue Lebensperspektiven aufzeigen.

So ist er zwar Gold und allen Zwischenerwerbungen verlustig geworden, hat aber so viele Erfahrungen auf seiner Reise nach Hause sammeln dürfen, die alle materiellen Verluste aufwiegen. Dieser Hans wurde vom Glück verwöhnt, weil er sich dazu entschlossen hat, nicht nur alles auf eine Karte zu setzen, sondern Veränderungen und Möglichkeiten zuzulassen, die unsinnig und nicht auf den ersten Blick erfolgversprechend erscheinen.

Viele seiner Handlungen erwecken zudem den Eindruck, er habe nicht mehr „alle Tassen im Schrank“ und sei realitätsfremd. Doch bei näherem Hinsehen erkennt man leicht, dass er einfach alles für möglich hält und situationsabhängig flexibel auf die ihm unterbreiteten Angebote reagiert. Auch unser Leben ändert sich ständig und wird bestimmt durch so viele Faktoren, die zwar auf den ersten Blick vielleicht unvernünftig erscheinen, es aber überhaupt nicht sind. Also sind auch die ausgefallensten Wagnisse die wichtigsten Inspiranten für unsere Möglichkeiten kreativer Kraftübungen. Nur, wer grenzenlos spinnt, kann seinen Gedanken etwas anbieten. Deshalb habe ich Hans im Glück gebeten, mir für meine Kinderbücher und sonstiger Schriftwerke seinen Namen zu geben, damit ich von seinem Glück auch etwas abbekomme.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski