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Haben und Sein

In seinem 1976 erschienen Buch „Haben oder Sein“ versucht Erich Fromm zu belegen, dass der am Haben orientiere Mensch Opfer der Warenwelt sei und an diesem Fetisch scheitern müsse. Der Mensch, der nach dem Sein strebe, lerne dagegen alle Aspekte der Liebe kennen und erfahre dadurch inneren Reichtum und Zuwendung. Natürlich habe ich in dieser Zusammenfassung das Anliegen von Erich Fromm äußerst stark und subjektiv gekürzt und bin fernab davon, diesem Werk in irgendeiner Weise inhaltlich gerecht zu werden. „Haben oder Sein“ habe ich mit großer Faszination gelesen und meine, dass Fromm in vielen Punkten den Nagel auf den Kopf trifft. Es gibt aber einen Generalvorbehalt gegen das Werk: Zuerst kommt der Mensch und dann die Moral. Was will ich damit sagen. Der Mensch ist. Der Mensch will haben. Er will haben als Sammler und Jäger. Er orientiert sich an seinen Vorteilen und ist stets darauf bedacht, sein Überleben zu sichern.

Die Eigenschaften des Menschen kann man nicht a priori ändern. Mit diesen Eigenschaften müssen der mit ihnen ausgestattete Mensch und auch wir alle mit ihm in Gemeinschaft leben. Zudem ist kein Mensch dem anderen gleich. Die Nuancen des Habenwollens sind vielfältig und reichen von scheinbar ausschließlicher materieller Gier über ein abgestuftes System der Selbstbelohnung bis hin zum Habenstolz des wohltätigen Menschen. Aber gerade darin liegt das Problem der Schrift von Erich Fromm. In der fehlenden Anerkennung des habenden Menschen. Der Mensch hat einen Charakter. Er hat gute und schlechte Eigenschaften. Er hat materielle Lebens­angst. Er hat Sorgen. Er hat Ehrgeiz und Verstand. Er hat den an sich selbst gerichteten Anspruch, für andere etwas zu tun. All dies ist dem Haben-Bereich des Menschen zuzuordnen und sollte ihm nicht abgesprochen werden. Auch der verstockteste Mensch will sein. Als Baby will er angenommen werden, und dies womöglich sein ganzes Leben lang. Doch es will ihn keiner haben. Das vielleicht. Oder es will ihn jemand haben, er wird geliebt und kann lieben. Dann ist er womöglich im Sein und hat noch vieles, um zu geben.

Wer gibt, kann haben, was er gibt. Er muss auf das Haben nicht verzichten, um zu geben. Möglicherweise ist er nicht daran interessiert, seinen Besitz anzuhäufen oder tut das auch nur, um noch nachhaltiger geben zu können. Wer vermag dies zu entscheiden? Aber wir wollen, dass der Mensch gibt, dass er seine Integrität anerkennt, man ihm vertrauen kann und er dem Sein verbunden ist. Um dorthin zu gelangen, ist es nicht hilfreich, dem Menschen vorzuhalten, was er alles falsch mache und wie viel besser es wäre, wenn er im Sein und nicht im Haben leben würde. Was würde der Mensch dann tun? Er wird vielleicht sagen: Haben ist mir lieber. Dumm. Er wird möglicherweise, weil er sich schämen würde, auf das Haben reduziert zu sein, behaupten, er lebe im Sein. Er würde sich und seine Eigenschaften alle dem Sein unterordnen, obwohl sie gerade das Gegenteil offenbaren. Vielleicht würde er glauben, was er behauptet. Auch der Mensch zählt dazu, der, dem Sein eigentlich von Herzen zugewandt, bei seiner Selbstprüfung erfährt, wie er vom Haben angezogen wird. Würde er diesen Widerspruch mit sich selbst klären können oder weiter heucheln und lügen? Das kennen wir genug aus der Geschichte aller Kirchen und Religionen. Der Rigorismus, mit dem Gegensätze geschaffen werden, ist daher nicht hilfreich, sondern fördert gerade das, was vermieden werden soll. Im Sein findet der Mensch seine Vollendung. Um dahin zu gelangen, müssen Zweifel und Irrtümer überstanden werden. Der Mensch muss aber auch lernen, alle seine Eigenschaften zu nutzen. Naheliegenderweise würde ein Persönlichkeitsberater sagen, „gehe deinen eigenen Weg“. Der eigene Weg ist, zu erkennen, dass es sinnvoll ist, zu helfen, denn der, der hilft, dem wird auch geholfen. Alles Binsenweisheiten, von denen der Mensch profitieren kann. Wichtig erscheint mir angesichts des Respekts vor anderen Menschen und ihren Fähigkeiten und Eigenschaften, diese positiv herauszufordern, indem man ihnen erklärt, dass man nichts von ihnen erwartet und sie nicht bestimmen will. Es ist ihre Entscheidung, zu haben oder nicht zu haben. Es ist ihre Entscheidung, zu sein oder nicht zu sein. Den Weg, den sie zu gehen gedenken, können sie selbst wählen und dabei mit Hilfe rechnen. Sie dürfen jagen und sammeln, aber wenn es anderen dabei gut geht, geht es ihnen noch besser. Keiner trachtet mehr nach ihrem Haben und spricht ihnen den Willen zum Sein ab. Sie sind selbstbestimmte Menschen und dürfen dies sein. Jeder Mensch hat immer wieder Chancen, zu lernen. Und dies ein ganzes Leben lang.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski