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Konditionierung

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Mit dieser schlichten Wahrheit wiesen frühere Generationen darauf hin, dass es gut und sinnvoll sei, sich in der Schule anzustrengen, zu lernen, um später das Erlernte erfolgreich anzuwenden. Dieser Merkspruch hat seine Attraktivität nicht verloren, obwohl er zugegebenermaßen sehr antiquiert daherkommt. Was aber Kern dieser Erkenntnis bleibt, ist die Notwendigkeit, vom ersten Hahnenschrei, das heißt von Geburt an, sich auszubilden und dabei zunächst auf die Hilfe der Eltern, andere Bezugspersonen und später auf die Erzieher in Kindergärten und Schulen zurückzugreifen.

Der sich am Leben ausbildet, ist aber der Mensch selbst und die Bezugspersonen sind daher nur komplementäre Paten dieses Prozesses. Als ich nach Kriegsende zunächst in einem kleinen Dorf und später in einer Kleinstadt heranwuchs, gab es von Anfang viele Herausforderungen, denen ich mich schon als Kind stellen musste. Es ergaben sich Hochwasser, in die man hineinplumpsen konnte, es gab gefährliche Ruinen und in Wäldern herumliegende Kriegsmunition.

Ich erlebte eine aufregende Kindheit, in der ich auch auf mich selbst gestellt war, Dinge erkunden musste und andererseits mit Eltern und auch fremden Menschen Erfahrungen auszutauschen hatte, wie man Gefahren begegnet und sich orientieren kann in Stadt und Natur. Es gab Schutz und Ermahnungen durch Eltern und Kindergärtner, aber keine Einschränkungen meiner Bewegungsfreiheit aus dem Gedanken heraus: Hoffentlich passiert dem Kind nichts. Im Gegensatz zu früher wachsen heute die meisten Kinder wohlbehütet auf.

Wohlbehütet muss hier in dem falschen Sinne gesehen werden: Die Kinder sind überschützt. Wenn den schutzbefohlenen Kindern keine Herausforderungen des wirklichen Lebens mehr begegnen, besteht die Gefahr, dass sie mangels Konditionierung dann versagen, wenn das Leben an sie unerwartete Anforderungen stellt.

Dies können Hochwasser sein, aber auch harmlose Erfahrungen, wie sich unerwarteterweise plötzlich im Wald oder in einer fremden Stadt ohne Smartphone orientieren zu müssen. Wenn die Elektronik versagt, kann es nützlich sein, die analoge Welt zu kennen und auf frühkindliche Erfahrungen in ihr zurückzugreifen. Der umfassend gebildete Mensch hat die besten Voraussetzungen dafür, sich auch dann zurechtzufinden, wenn der sichere Raum plötzlich Risse zeigt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski