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Kultur in Europa, Teil 1

Die Schaffung der europäischen Komplexität ist gewollt. Immer umfassendere Integrationsvorhaben in Europa machen es erforderlich, den Details einer solchen Entwicklung Rechnung zu tragen. Ein immer umfassenderes Regelwerk gewährt uns die scheinbare Sicherheit, trotz immer wieder neuer Herausforderungen und Novitäten des europäischen Einigungsprozesses den Maßstab für uns alle zu finden und damit zu verhindern, dass ein Mitglied der Gemeinschaft oder ein potenzieller Kandidat seine eigennützigen Beherrschungsgelüste durchsetzen kann. Europas Bestimmungen und Verordnungen werden es schon richten. Da sind wir uns ganz sicher und laden insbesondere osteuropäische Partnerstaaten dazu ein, mitzumachen, weil wir wissen: Wenn sie einmal dabei sind, haben sie kaum eine Chance mehr, sich gegen Europa zu stellen und Meinungsverschiedenheiten kriegerisch auszutragen. Dies ist allerdings auch nicht schlimm, denn die politische und wirtschaftliche Integration Europas ist gewollt.

Was dabei nicht bedacht wird, ist, dass die kulturelle Integration Europas sich nicht gleichförmig vollziehen kann, sondern oft sogar gegenläufig ist. Je umfassender sich Europa bildet, desto partikulärer entwickelt sich die Kultur in Europa. Das hängt damit zusammen, dass die Kultur offenbar noch das Einzige ist, was wir etwas schützen können. Kultur ist der Nukleus unserer Identität, unserer Geschichte und schließlich das Erinnern an unseren spezifischen Sinn. Dies ist aber nicht alles. Kultur ist unsere Bastion, unser Schutzschild, unser Trotz. Es ist naheliegend, dass wir, angesichts der Komplexität des europäischen Einigungsprozesses, dem gefühlten Irrsinn von Verordnungen und Bestimmungen, der Aufweichung unserer staatlichen Ordnung etwas entgegensetzen wollen, was wir als einzigartig begreifen: unsere Kultur.

Was verstehen wir in diesem Zusammenhang unter unserer Kultur? Unsere Kultur hat verschiedene Aspekte. Zunächst die ganz lokale Erfahrung: Heimatrituale, deren Sinn darin besteht, uns die Sicherheit einer spezifischen Bestimmung zu gewähren. Dann die europäische Kultur, die angesichts der europäischen Zersplitterung in Nationalstaaten und Kleinstwirtschaften sozusagen die europäische Integration auf einem anderen Feld vorweggenommen hat.

Heute ist sie nicht mehr gefragt. Zwar lassen wir Kulturaustausch und Kulturtransferleistungen zu, allerdings wird ein russischer Pianist nicht mehr dadurch Deutscher, dass er in Deutschland wirkt und spielt oder ein deutscher Baumeister und Architekt nicht dadurch Russe, dass er in Moskau Gebäudekomplexe zaubert. Die Italiener sind am deutschen Film nicht interessiert und wir auch nicht an französischen Musicals. Selbst Sprache wechselt nur noch im Rahmen von Programmen die Fronten, die gemeinsame Sprache besteht nicht mehr oder noch nicht.

Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag …

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski