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Abstumpfung

Noli me tangere. Berühr mich nicht. Das ist das Mantra einer an medialen Eindrücken überfütterten Gesellschaft. Die Reizschwelle des optischen Erlebens wird immer mehr angehoben. Hier ein Clip von verhungernden Kindern, dort ein mitgefilmtes Attentat, detonierende Häuser und verbrennende Menschen. Alles live, aber so wenig unterscheidbar von Killerspielen und Darbietungen in sensationellen Events der Virtualität.

Die Frage ist nicht, was ist noch real, sondern was geht uns noch das reale Elend dieser Welt an? Auch ich nehme eher nur beiläufig ein schlimmes Vorkommnis, ein Attentat oder Ähnliches wahr. Selbstverständlich finde ich die Grausamkeiten in dieser Welt empörend und bedaure alle Opfer eines Attentates oder Unglücks. Und doch bleiben meine Emotionen kalkuliert, der Verstand abwehrbereit. Einmal abgesehen von einem Umstand, der meiner Familie oder mir persönlich nahekommen würde, scheinen die Bilder mehr zu distanzieren, als Nähe zuzulassen.

Mit dem Schock stellt sich Abwehr ein und nach vielen Schocks ist der Erkenntnisprozess versiegt. Ich glaube, wir müssen nicht alles wissen. Ich glaube, es muss uns nicht alles vorgeführt werden, um uns begreifbar zu machen, dass bedrängte Menschen und Opfer einen Anspruch auf unseren Schutz haben. Wir sollten uns zurücknehmen in der Opulenz des Betrachtens, den Voyeurismus einschränken und aus der Fülle der Schreckensangebote nur das auswählen, was wir zu verarbeiten bereit sind. Verarbeiten heißt dabei nicht wegschieben, sondern mit Empathie und Engagement daran zu arbeiten, dass wir mitfühlende und helfende Menschen trotz Reizüberflutung bleiben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski