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Meinungsmacht

Neulich Nacht war ich auf der A 20 unterwegs, als ein Unfall den Verkehr zum Erliegen brachte. Um die durch die Warterei entstehende Langeweile zu überspielen, ließen meine Frau und ich die Radioprogramme durchlaufen, bis wir schließlich bei Radio Fritz landeten. In einer Sendung, die sich Blue Moon nennt, haben Zuhörer die Möglichkeit, mit Radiomoderatoren über aktuelle gesellschaftliche Themen zu diskutieren. Ein Anrufer aus Sachsen beschwerte sich darüber, dass Flüchtlinge hier alles erhielten, auch Fahrräder und Kinderwagen, sie es selbst aber schwer hätten mit der Abzahlung der Kredite für ihr neugebautes Haus und die Kosten, die immer weiter steigen. Nichts sei gerecht und die Regierung habe keinen Plan.

Als die Moderatorin den Anrufer fragte, wo er sich denn für seine Behauptungen informiere, da meinte er bei Facebook und erklärte Widersprüche zwischen seiner Aussage und der Wirklichkeit, zum Beispiel zum Thema, dass die Flüchtlinge nicht faul seien, sondern zunächst nicht arbeiten dürften, mit dem Hinweis: „Das ist halt meine Meinung.“ Nach einiger Zeit verschwand er aufs Klo und seine Frau übernahm das Telefon mit der Erklärung, sie habe zwar eine andere Meinung als ihr Mann, die doch dann seiner sehr ähnlich war, um ebenfalls zu schließen: „Das ist halt meine Meinung.“

Was hat mir diese Blue Moon-Stunde vermittelt? Eins, und das sehr nachdrücklich: Es geht gar nicht um richtig oder falsch, Lüge oder Wirklichkeit, es geht nur darum, eine Meinung zu haben. So war es für mich auch erklärlich, dass der Anrufer und seine Frau trotz aller Widersprüche und der wachsenden Fassungslosigkeit auf Seiten der Moderatoren in keiner Weise die Geduld verloren, sondern auch im Falle grotesker Widersprüche ihrer Behauptungen schlicht erklärten, dass dies ihre Meinung sei. Eine Meinung ist also auf keinerlei Wahrheit angewiesen, auch nicht darauf, etwas widerlegen zu wollen. Eine Meinung ist eine Meinung. Die Meinung kann heute so und an einem anderen Tag wieder anders ausfallen, sie ist an reale Vorkommnisse nicht gebunden und auch durch Argumente nicht beeinflussbar.

Der Inhalt einer Meinung kann vernünftig sein, aber auch völlig blödsinnig. Die Meinung kennt kein Gewicht, keinen Maßstab oder Gedächtnis. Die Meinung ist so ungebunden, wie die sie umgebende Luft. Sie ist leicht, wie ein Wölkchen und verschwindet, wenn sie abgeregnet ist.

Das poetische Bild kann allerdings nicht darüber wegtäuschen, dass dann, wenn nur die Meinung eines Einzelnen noch keinen Schaden anzurichten vermag, doch die auf gleiche Art und Weise erzeugte Meinung vieler sturmwetterartigen Charakter aufweisen kann. Wenn viele einer Meinung sind, bedeutet es zwar nicht, dass deren Meinung irgendeinen inneren Zusammenhang aufweist, aber sie verfinstern gleichzeitig den Himmel so, dass dringend Schutz gesucht werden muss vor dem sich entladenen Gewitter.

Es ist doch klar, dass AfD, Pegida und andere Gruppierungen von der Meinungsmacht fasziniert sind, die keine Argumente benötigt, jedenfalls keine stichhaltigen, sondern sich treiben lässt von der Meinung der Menschen. Sie sind die Stimme des Volkes, so sagen sie und das ist schon eine gewaltige Stimme, die ihre Meinung kundtut. Und die Stimme wird immer lauter, das Grollen unüberhörbar. Wenn dann irgendwann nach Blitz, Regen, Sturm und Verwüstung der Himmel wieder klar sein sollte, sagen die Menschen: ich habe doch nur meine Meinung gesagt, das darf man doch wohl, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Selbstbespiegelung

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land. Seit „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ wissen wir um die Agonie einer Frau, die sich ständig selbstbespiegelt, um dann leidvoll festzustellen, dass jemand anderes doch schöner ist als sie.

Wie das Märchen, so auch die Wirklichkeit. Dem Blick in den Spiegel entspricht die ständige Überprüfung vieler Menschen tagaus tagein: Wie geht es mir, bin ich überlastet, bin ich krank oder übervorteilt man mich. Mütter hatten früher viele Kinder, einen Haushalt, einen Mann, den sie zu versorgen hatten, gingen zur Kirche, hatten Waschtag und machten 100 Gläser Obst ein. Sie beschwerten sich nicht und schauten nicht in den Spiegel, ob es vielleicht noch anderen besser ginge als ihnen selbst, sondern sie erledigten das, was sie als ihre Pflicht erachteten.

Die Zeit ist darüber hinweggegangen. Die Vergangenheit ist kein Maßstab mehr für die Gegenwart und Zukunft. Die typische Familie besteht aus Vater, Mutter, Kind. Die Mutter, vielleicht nicht verheiratet oder geschieden, aber berufstätig. Auch der Vater arbeitet und alle erklären, völlig gestresst zu sein von der Situation. Da es nicht ausreicht, sich selbst nur im Stillen zu bemitleiden, wird dieses Leid anderen per Facebook, Twitter oder Direktansprache mitgeteilt.

Aber nicht nur der Stress ist Gegenstand von permanenten Veröffentlichungen, sondern auch Events, Wünsche, Klamotten, Freunde, Feinde, Befürchtungen und Ängste. Schaut her, all das gehört zu mir. Spotlights on! Ich stehe mitten im Zirkus und um mich herum dreht sich die Welt. Ich habe keine Zeit dafür, mich um anderes zu kümmern, mein Beruf ist mir zu viel, mein Mann stresst und mein Kind eine Plage. Warum schreit es in der Nacht, wenn ich schlafen will? Warum hat es Fieber? Warum, warum, warum? Ich will meine Ruhe. Am Wochenende will ich mit Freunden doch einmal wieder richtig feiern! Also muss meine Mutter das Kind nehmen. Das ist doch nicht zu viel verlangt.

Nein, zu viel verlangt wäre es von den Menschen nicht, wenn sie erkennen müssten, dass sich nicht das ganze Leben um sie und ihre Befindlichkeiten dreht, sondern Gewissenhaftigkeit und Pflicht, Verzicht und Zuwendungen Tugenden sind, die eine Selbstbespiegelung überflüssig machen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Big Data

Kürzlich war ich Gast einer Veranstaltung des VBKI mit folgender Ankündigung: „Big Data – neue Chancen für Information und Partizipation oder Ende von Selbstbestimmung und Bürgerfreiheit?“ Ich war erstaunt. Keiner der Podiumsteilnehmer sprach von etwas anderem als Datenschutz. Wie schütze ich meine Daten, wie schütze ich die Daten des Staates, wie schütze ich meine Daten vor der Übernahme durch andere Staaten, vor allem aber durch globale wirtschaftliche Netze wie Facebook.

Quintessenz: Es ist schlimm, aber eigentlich können wir da gar nichts dagegen machen. Das Netz sei weltweit nicht zu kontrollieren. Facebook sei zudem einfach zu mächtig und da wir alle Facebook-Nutzer seien, könnten wir Facebook nicht verbieten. Also: Ausnahmerechte für die Netze? Wie verzagt die Politiker und wir alle sind, zeigt sich schon im Ansatz dieser Kapitulation. Wer über die Regeln im Straßenverkehr zu befinden hat, fährt womöglich selbst Auto und ist gleichwohl befähigt, gesetzgeberisch zu wirken. Was für den Straßenverkehr gilt, sollte auch für sämtliche Netze gelten.

Wir benötigen eine gesellschaftliche Verabredung und deren Umsetzung durch die dazu berufenen Organe unseres Staates und ggf. Europas. Die Hauptschwierigkeit im entspannten Umgang mit dem Netz liegt im privaten Bereich begründet. Wir sind es selbst, die eine unbändige Lust auf Informationen haben und die es überhaupt nicht kümmert, ob und wie diese Informationen zustande gekommen sind. Was wir allerdings nicht wollen, dass andere auf die gleiche Art und Weise in den Besitz dieser Informationen gelangen und damit ihren eigenen von uns nicht mehr kontrollierbaren Umgang damit pflegen.

Unser Kontrollverlust macht uns Angst. Würden wir allerdings auf Internetinformationen verzichten können oder wollen, würde sich schnell eine bessere Verhandlungsbasis mit den Netzanbietern finden lassen. Denn das Netz lebt von unserer Neugier. Dass wir damit auch Risiken eingehen, muss uns klar sein, aber nicht jede Tratschtante oder Kupplerin, ob sie Facebook, Yahoo oder Google heißt, ist besonders sympathisch, nur weil sie Marktmacht besitzt. Es geht hier ums Geschäft. Darin ist sie erfolgreich, weil wir so gerne geschwätzig und neugierig sind. Das ist überhaupt nicht schlimm, sondern schafft auch Perspektiven mit Hilfe von Big Data.

Ich erinnere dabei nur an die Möglichkeit, eine Plattform zu schaffen für Schwarmintelligenz, Crowdfunding und Bürgerbeteiligung. Wenn das Maß der Netzursurpation über die Kontrollmöglichkeit der Anbieter hinausgreift, dann werden auch diese sehen, dass das Netz letztlich Allgemeingut ist wie Straßen, Wege und die Welt insgesamt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Selbstoptimierung

Tu´ was, irgendwas, mach doch was… So lautete der Aufruf zur Selbstoptimierung von Studenten in den 70er Jahren. Es gab aber auch noch eine Ergänzung: „Mach kaputt, was Dich kaputt macht!“ Bezogen auf die damaligen politischen Verhältnisse ein schlimmer Satz, denken wir an dessen Interpretation durch Brandstifter und die RAF.

Wenn es aber darum ginge, diesen Satz dahingehend zu interpretieren, dass wir uns von dem trennen sollten, was uns kaputt macht, dann könnte diese Aussage auf Verständnis der Menschen hoffen. Noch geht es uns oft um die Kariere, also höher, schneller, weiter zu kommen als Andere. Selbst dann, wenn ich eigentlich nicht mehr in der Lage bin, mein Arbeitspensum zu schaffen, gibt mir das Internet die Möglichkeit, andere per E-Mail oder Facebook davon zu überzeugen, dass ich äußerst aktiv bin. Club, Partys, Reisen, kein Event bleibt unbesucht. Der Selbstoptimierung in den Bereichen Arbeit und Freizeit entspricht derjenigen bei Fitness und Networking. Die ganze Kraft und Ausdauer, die ich in meine Selbstoptimierung lege, schafft mir soziale Anerkennung und wünschenswerterweise auch Geld. So lautet das Versprechen. Aber Versprechen sind eben nur Versprechen, halten oft nicht Wort und dann wird die Vergeblichkeit der Selbstoptimierung deutlich: weder bleibende Schönheit, noch Geld – alles vergeblich? Aber nein, lebendig!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Facebook

Als ich ein Kind war, wohnten wir in einer Kleinstadt. Während des Tages nach Kindergarten und Schule tobten wir auf der Straße herum, spielten Brennball, „Himmel und Hölle“, Verstecken oder Fangen. Wir konnten dies unbekümmert mit den Kindern aus der Nachbarschaft tun. Nach dem Mittagessen trafen wir uns auf der Straße. So war das damals. Am Abend öffneten sich die Fenster zur Straße, Kissen wurden auf die Fenstersimse gelegt und der „Herr des Hauses“ im Unterhemd und seine Frau schauten dem Treiben auf der Straße zu, unterhielten sich mit Nachbarn und grüßten auch unbekannte Menschen, soweit sie diese als freundlich empfanden, andere wurden misstrauisch beäugt. Ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, alle hatten einander im Blick, trafen sich, redeten miteinander oder auch hinter dem Rücken des anderen. Am Sonntag war Kirchgang angesagt. Jeder nahm aus seinem Schrank die fesche Bluse oder den Anzug, um damit herumzuspazieren und anderen zu zeigen, wer man war. Man war also jemand. Eine respektable Persönlichkeit, hielt dem Vergleich mit den Kleidern anderer stand, gehörte dazu.

Dann kam Fernsehen, die Straßen wurden uninteressant, die Geburtsraten gingen zurück und Menschen zogen sich mehr ins Privatleben zurück.

Hatten sich dadurch ihre Bedürfnisse verändert? Ich behaupte nein, überhaupt nicht. Sie sind weiterhin auf die Begegnungen mit anderen Menschen angewiesen, die Kommunikation, die uns Sicherheit im Leben verschafft, Anerkennung bietet und Vergleiche ermöglicht. Wir wollen doch alle dazu gehören, haben Angst, nicht wahrgenommen zu werden, wollen Spuren hinterlassen und unsere Möglichkeiten, Dinge zu erfahren, erweitern.

Und dann öffnet sich Facebook im Internet, erlaubt den Vorteil der reflektiven Kommunikation, ständige Präsenz, Austausch mit wem auch immer, aber auch eigenen Bekannten und Freunden. Wir können sie teilhaben lassen an unserem Leben, nehmen aber gleichwohl Einfluss auf das Darzustellende. Wir kennen das Sprichwort: Aus den Augen, aus dem Sinn. Jetzt bleibt der Augenmerk immer auf den Inhaber der Facebook-Seite geheftet, abrufbar, erneuerbar, erweiterungsfähig und selbstbestätigend. „Ich bin ich und ich bin da.“ In diesem Sinne sind wir alle massenhaft. Das Dorf, die Kleinstadt, die Straße, die Wohnung, alles hat sich in der Dimension einfach erweitert. Ansonsten ist alles so wie früher.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski