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Egoismus/Ich

„Mir wohl und keinem übel“, so lautet unser Familienspruch. Als ich ihn zum ersten Mal bewusst aufnahm, erschien er mir befremdlich. Bis heute habe ich allerdings immer wieder Gelegenheit gehabt, darüber nachzudenken und gewinne die Einsicht, dass diese Form der bewussten Selbstbescheidung dem „Ich“ einen geeigneten Platz zuweist.

In einer ich-zentrierten Welt begreift sich der Mensch als Anspruchsteller, der beurteilt, Noten verteilt und in der Abgrenzung zu anderen sich selbst belohnt. Der andere Mensch ist dabei in erster Linie Lieferant von Argumenten zur Stärkung der Selbstzufriedenheit. In einem solchen Kontext bewegen sich nicht nur materielle Ansprüche, sondern jede Form der Verlautbarung nur um das eigene Ich. Das eigene Ich „darf doch noch einmal sagen“, das eigene Ich kann bei aller Zumutung, die ihm zuteil wird, mit Neid, Missgunst und Empörung reagieren.

Und die Alternative? Eine Alternative dafür könnte sein, „sich“ Gutes zu tun. Sich Gutes tun heißt, mit Dankbarkeit an Selbsterrungenschaften zu arbeiten und sich selig, geistig und materiell mit dem Notwendigen zu versorgen, ohne darüber zu jammern, nicht alles zu bekommen. Die andere Seite dabei ist allerdings, bei dieser Form der umfassenden Selbstversorgung auch die anderen Menschen im Auge zu behalten und dafür einzutreten, dass ihnen, ihrer Würde in geistiger und materieller Hinsicht nichts geschieht.

Dies ist eine Form der Ich-Betrachtung mit einem Abwehrreflex gegenüber denjenigen Einwirkungen, die andere Menschen beschädigen können. Wenn alle Menschen bei den Wohltaten, die sie sich selbst zugutekommen lassen, die anderen Menschen mitbedenken, ist ein gesamtgesellschaftliches Verständnis möglich und gewinnt eine Aussage, wie: „Mir wohl und keinem übel“ über den Regelungsinhalt hinaus verlässliche Bedeutung. Um Unheil von anderen abzuwenden, bescheide ich mich selbst, sei dies in Fragen des Umweltschutzes, des Konsums oder der Meinungsäußerung. Mit einer solchen Einstellung wird das Ich wirklich stark und Egoismus ein verlässliches Programm.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski