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Farbenlehre

Im Spannungsverhältnis zwischen Goethe und Newton, aber auch Kant/Schiller und Goethe wird deutlich, was Wissenschaft mit Einstellung zu tun hat. Wissenschaft schafft Wissen auf der Grundlage anscheinend objektiver Tatsachen. Die wissenschaftliche Erkenntnis ist durch Theorie und ggf. auch praktische Erprobung gefestigt. Da tritt Goethe, der Rebell, auf den Plan, bezichtigt nicht nur Newton der Vergewaltigung der Natur, sondern schafft auch einen Faust, der die Natur herausfordert und nur in ihrer Beherrschung Erlösung erfährt.

Ich möchte Goethe zustimmen. Ohne die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Sicherungsrituale, die damit verbunden sind, gäbe es keine Grundlage für menschliche Transformationsprozesse. Aber auch die scheinbar am besten gesicherten wissenschaftlichen Ergebnisse sind auf menschliche Akzeptanz und subjektive Umsetzung angewiesen, wenn sie nicht im Selbstverständnis der Natur verharren wollen. Die Mechanik der Natur ist völlig unabhängig vom menschlichen Denken, Fühlen und Verstehen. Sie ist erst durch den menschlichen Bearbeitungsprozess für das Prinzip offenbar geworden und erfährt unsere Anerkennung. Wir erkennen nicht nur an, sondern in der Wiedererkennung der in der Forschung erworbenen Einsichten erleben wir die Bestätigung unseres eigenen Seins. Der Dialog ist gerichtet auf Sicherung und Fortschritt. Erkenntnis stärkt die Erwartungen und prägt Utopien, aber nicht nur die wissenschaftliche Erkenntnis allein, sondern das, was sie uns vermittelt, lässt uns hoffen, bewirkt, dass wir in unseren Anstrengungen nicht nachlassen, unsere Erkenntnisfähigkeit zu stärken und immer wieder Neues und zuweilen auch Wahres erfahren.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski