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Mir wohl und keinem übel

Wir leben in schwierigen Zeit. Finanzkrise. Europakrise. Wirtschaftskrise. Politikkrise. Eine Ju­gend zudem, die den Eindruck vermittelt, als handele es sich bei ihr ausnahmslos um Internetjunkies. Ältere Menschen, die die Welt nicht mehr verstehen, den allgemeinen Wertemangel beklagen. Soziale Ent­wurzelung. Migration. Missbrauch. Gewalt. Aids. Umweltzerstörung. Klimakatastrophe, Skandale. Die Liste der Belastungen könnte nach Belieben fortgeschrieben werden. Das ist die eine Welt. Die andere Welt hat zu tun mit der bleibenden Freude von Menschen aneinander, ihren Kindern, der Natur, der Vielfalt von Tieren und Pflanzen und dem Stolz auf das Erreichte und die Genugtuung im Beruf. Also! Trotz aller Grausamkeiten. Unsere Welt ist schön. Kaum ein Mensch kann zu Recht sagen, dass er sein ganzes Leben lang unglücklich gewesen sei. Kein Mensch wird wollen, dass seine Kinder und Kindeskinder die Welt als einen Ort des Schreckens und der Ohnmacht begreifen. Unsere Welt gibt uns vielmehr Gelegenheit, Chancen wahrzunehmen, wie auch unsere Kinder ihrerseits das Recht haben sollen, ein üppiges, chancenreiches, selbstbe­stimmtes Leben zu führen. Deshalb sollten wir uns darauf besinnen und es dabei nicht nur als eine lästige Pflicht begreifen, uns im Denken, Handeln und Fühlen an den großen Errungenschaften, dem Fortschritt und den positiven Möglichkeiten unserer Gesellschaft zu messen. Wir sollten nicht aufhören, neugierig auf die Zukunft zu sein, auf ein vielfältiges Leben, dass uns Gelegenheit gibt, uns zu bewähren, zu vervollkommnen und den menschlichen Reichtum, der uns selbst zuteil wird, an unsere Kinder und Kin­deskinder weiterzugeben. Früh sollten wir beginnen, den Enthusiasmus für das Leben in unseren Kindern zu wecken, sie anstecken mit unserer Lebensfreude und ihnen Werkzeuge für die Selbstverwirklichung und die Bewahrung der Welt an die Hand geben. Wie eine Mandra sollte uns dabei über die Lippen gehen, dass alles, was wir tun von Menschen für Men­schen gemacht wird und uns diese Erkenntnis zu respektvollem Umgang mit einander verpflich­tet. Die Würde jedes einzelnen Menschen in dieser Welt ist unantastbar. Unser Respekt sollte aber auch der uns anvertrauten Natur, den Tieren und den Ressourcen gelten, selbst dann, wenn wir vom ungestümen Forscherdrang besessen sind und die dabei gewonnenen Erkenntnisse auch umsetzen wollen. Die permanente Weiterentwicklung von uns Menschen in dieser Welt ist unsere Hybris, aber auch unser Sinn. Wenn wir schon nicht anders können, dann sollten wir alles, was uns anvertraut ist mit Freude und auch mit ideellem Gewinn für die Welt und alle Geschöpfte nachhaltig tun.

Dabei kommen wir nicht zu kurz, sondern wir müssen unsere Selbstvergewisserung beherzigen „wenn es mir gut geht, werde ich dafür sorgen, dass auch kein anderer Mensch übel dran ist“. Das ist die Botschaft der Philanthropie: dafür zu sorgen, dass man bei sich ansetzt und die Ressourcen entwickelt, die den Menschen überhaupt dazu befähigen, für andere einzutreten und dabei nicht aus den Augen zu verlieren, dass Wohltätigkeit allein künftig nicht ausreichen wird, um den Herausforderungen des Lebens zu genügen.  Die Philanthropie bzw. die in die­sem Bereich tätigen „Social Entrepreneurs“ werden künftig Produkte entwickeln müssen, für die einerseits eine Nachfrage besteht, andererseits aber auch die Investoren von dem Sinn und Nut­zen des Produktes überzeugt werden. Um diesen Idealzustand zu erlangen, ist die Entwicklung einer hybriden Kompetenz aus wirtschaftlichem Sachverstand und ideellem Einsatz unumgänglich. Klar ist, die Begehrlichkeiten unserer Gesellschaft werden künftig auch auf philanthropische Produkte ge­lenkt werden, da diese soziale Vergewisserungen verschaffen und trotz Krisen dafür sorgen wer­den, dass der einzelne Mensch sich in der Gesellschaft weiterhin erfolgreich behaupten kann. In diesem Sinne ist die Jugend daran interessiert, wie auch alle Generationen davor auch, sich wirt­schaftlich zu entwickeln, ein soziales Netz zu pflegen, ein Familienleben zu gestalten und indivi­duellen Freizeitaktivitäten nachzugehen. Um diesem Lebenszweck gewachsen zu sein, ist die Ju­gend generell fleißig und betriebsam, lässt mit anderen Worten Industria walten, um sich gemein­schaftlich und auch individuell in diesem Leben behaupten zu können. Die Verände­rungen der Lebensumstände ist der Jugend sehr wohl bewusst und deshalb sind sehr viele Jugendliche via Internet außerordentlich daran interessiert, das Potenzial philanthropischer Einrichtungen für ihre Zwecke zu ergründen. Eine der ganz großen Möglichkeiten philanthropischer Einrichtungen ist deren Unge­bundenheit und Freiheit von unmittelbarer staatlicher Bevormundung. Der Staat ist für gesell­schaftlichen Fortschritt nicht zuständig, sondern seine Bürger, individuell und in der Gemein­schaft. Im philanthropischen Bereich werden eine Fülle von Dienstleistungsformen unterschied­lichster Art entwickelt, auch Werte und Patente geschaffen, die künftig auch mit Daseinssicherung eingesetzt werden können. Der philanthropische Bereich gewährt Arbeitsplätze, stellte Minikredite, Venture Capital zur Verfü­gung und lässt es vor allem zu, über die Grenzen der Realwirtschaft hinaus, multiple, ideelle Fähigkeiten zu erproben. Die Philanthropie sollte von der Realwirtschaft profitieren, weil so Handlungsabläufe verbessert und der Gesamtauftritt des Sozialunternehmens effektiver gestaltet werden könnte. Andererseits verfolgt die Philanthropie nicht nur profitwirtschaftliche Gesichtspunkte mit dem Ziel, das Erworbene finan­ziell zu erhalten und zu summieren, sondern versucht auch zu vermitteln, dass das Geben bereichert, der Einsatz für andere sich auszahlt und die Seinsbestätigung durch Zuwendungen erfolgreich ist. Das erkennen Jugendliche sehr genau und gerade die Zusammenführung ideeller Zielsetzung und wirtschaftlicher Betätigung erlaubt es ihnen, ihre gesamten vielfältigen Fähigkeiten und Potentiale, also ihre große Gestaltungskraft auszuspielen. Sie können zunächst „grenzenlos spin­nen“, um die daraus gewonnenen Erfahrungen sodann normativ zu bändigen und dadurch für wirkliche Innovationen in unserer Gesellschaft zu sorgen. Die Begründer des Bauhauses waren „Spinner“ bevor sie ihre Ideen ebenfalls norma­tiv bändigten. Wertvoll ist also das, was der Mensch als wertvoll erkennt. Wenn der Mensch die Kraft der Philanthropie zu erkennen vermag, steht die Tür weit offen für eine ganz neue sinnbildende Erfahrung für alle Generationen, die jungen und die alten Menschen, die ihre Chance ergreifen, sich engagieren bei der Überprüfung ihrer Lebensgewohnheiten, einen leidenschaftlichen Einsatz ihrer beruflichen Fähig­keiten zeigen und Freude daran haben, sich auch selbst Gutes zu tun, indem sie sich mit Kompetenz und Herz in neue sinnbildende Gestaltungs- und Erwerbsprozesse einbringen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Finanzfolgenkrise

Die Finanzkrise als Chance. Nur auf den ersten Blick ein scheinbar verwegener Gedanke. Die den Staat dressierenden Politiker waren bis zur Finanzkrise gehalten, nicht nur die Maastrichter Stabilitätskriterien zu beachten, sondern auch dafür zu sorgen, dass die Finanzwirtschaft als Schlüsselbereich der Wirtschaft möglichst unangetastet bleibt. Die Finanzkrise bot erstmalig die Gelegenheit, direkt in die Unternehmenssteuerung von Finanzdienstleistern und Banken einzugreifen und sie um den Preis ihrer Abhängigkeit vom politischen Handeln mit Geld zu versorgen. Viele Kreditinstitute haben von diesem Angebot Gebrauch gemacht. Die Tür wurde weit aufgestoßen und steht nach wie vor weit offen.

Ohne ideologischen Überbau konnte die Politik nunmehr staatsmonopolistische Kapitalstrukturen auf den Finanzmärkten etablieren und die Anschauung dafür liefern, dass auch künftige Absetzbewegungen von Unternehmen und Kreditinstituten mit Regulierungsmaßnahmen beantwortet werden. Der Staat gibt das Geld und kontrolliert dessen Verwendung. Im Prinzip richtig. Nur setzt der Staat in verdeckter Komplizenschaft seinerseits auf die Finanzinstitute, um die gigantische nominale Verschuldung zumindest auf Zeit abzufedern. Bricht das Weltwährungssystem zusammen, ist jeder dran. Dies wissen alle Beteiligten, bis auf den Bürger selbst. Eine demokratische Umwälzung in China verbunden zum Beispiel mit der Revision der bisherigen, staatlich verlässlichen Geldpolitik würde sofort eine Inflation auslösen mit den für die Welt unabsehbaren Folgen. Aus dem Euro würde Spielgeld. Die Angst sitzt tief, nur ist es Plan oder Zufall? Die Finanzkrise hat auf Dauer die Welt nachhaltig undemokratisch verändert.

Die staatliche Einmischung durch Bürgschaften an strauchelnde Banken und direkte Kredite sowie Kauf- und Leistungsanreize durch Verschrottungsprämien verkünden Zuversicht in die Fähigkeit der deutschen Wirtschaft, Krisen zu meistern, hinterlassen aber beim Bürger den kaum mehr zu korrigierenden Eindruck, einem übermächtigen Staat ausgeliefert zu sein. Die Folge ist Apathie und Gleichgültigkeit. Von Volksherrschaft kann keine Rede mehr sein, sondern das Volk wird beherrscht durch die scheinbaren Ermächtigungen der jeweiligen Umstände und durch die Fähigkeit des Staates, ohne signifikanten Einfluss der Mehrheit unserer Bevölkerung Schwierigkeiten autark zu lösen. Der Bürger wird nicht mehr gebraucht. Er kennt seine desolate Lage und sorgt selbst für Abhilfe, wie sie in dem Protest gegen Stuttgart 21 oder die Castortransporte zum Ausdruck kommt. Die Lunte ist gelegt, das Streichholz entflammt und es steht zu befürchten, dass der große Knall nicht auf sich warten lässt. Stuttgart 21 und Castortransporte sind legale Unternehmungen. Daran besteht nicht der geringste Zweifel. Sind sie aber auch legitim, und zwar legitim im Sinne einer grundsätzlichen Verabredung zwischen Bürger und Staat? Daran habe ich meine Zweifel. Die Bürger und ihre gewachsene Elite werden am Entscheidungsprozess nicht angemessen beteiligt. Vollendete Tatsachen ersetzen den Dialog und verschleiern die wahren Verhältnisse zwischen Bürger und Staat. Der Bürger ist der Souverän und muss auch jenseits von Wahlen gefordert werden, sich einzubringen. Hat er die Chance gehabt, seine Argumente auf den Tisch zu legen, und ist der Richtungsvertrag zwischen Bürger und Staat unterzeichnet, dann mag er umgesetzt werden und keiner kann sich später auf die mangelnde Bürgerbeteiligung berufen. Wir brauchen beide: den mündigen Bürger, der gehört wird und denjenigen, der für den Staat handelt, und zwar in einer ständigen Verantwortung gegenüber dem Bürger und seinem Anliegen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Genug gejammert

Wahrlich, wir leben in schwierigen Zeiten. Finanzkrise. Europakrise. Wirtschaftskrise. Eine Jugend zudem, die den Eindruck vermittelt, als handele es sich bei ihr ausnahmslos um Internetjunkies. Soziale Entwurzelung. Migration. Missbrauch. Gewalt, Aids und Umweltzerstörung. Die Liste kann nach Belieben fortgeschrieben werden. Das ist die eine Welt. Die andere Welt hat zu tun mit der Freude von Menschen aneinander, ihren Kindern, der Natur, der Vielfalt von Tieren und Pflanzen. Trotz aller Grausamkeiten. Unsere Welt ist schön. Kaum ein Mensch kann sagen, dass er sein ganzes Leben lang unglücklich gewesen sei. Kaum ein Mensch wird wollen, dass seine Kinder und Kindeskinder die Welt als einen Ort des Schreckens und der Ohnmacht begreifen. Unsere Welt ermöglicht uns, Chancen wahrzunehmen, wie auch unsere Kinder das Recht haben, ein chancenreiches selbstbestimmtes Leben zu führen. Deshalb sollten wir uns darauf besinnen und es nicht nur als unsere Pflicht begreifen und uns im Denken, Handeln und Fühlen an den großen Errungenschaften, dem Fortschritt und den Möglichkeiten unserer Gesellschaft messen. Wir sollten nicht aufhören, neugierig zu sein.

Auf ein vielfältiges Leben, das uns Gelegenheit gibt, uns zu bewähren, zu vervollkommnen und den Reichtum, den wir selbst erfahren haben, an unsere Kinder und Kindeskinder weiterzugeben. Früh sollten wir beginnen, den Enthusiasmus für das Leben in unseren Kindern zu wecken, sie anstecken mit unserer Lebensfreude und ihnen das Werkzeug geben für die Selbstverwirklichung und die Bewahrung der Welt wieder für deren Kinder und so fort. Wie ein Mantra sollte uns dabei immer über die Lippen gehen, dass alles, was wir tun, von Menschen für Menschen gemacht wird und uns diese Erkenntnis zu respektvollem Umgang miteinander verpflichtet. Die Würde jedes einzelnen Menschen in dieser Welt ist unantastbar. Unser Respekt gilt aber auch der uns anvertrauten Natur, den Tieren und den Ressourcen, selbst dann, wenn wir forschen und entsprechend unserer gewonnenen Erkenntnisse handeln. Die permanente Entwicklung ist unsere Hybris, aber auch unser Sinn. Wenn wir schon nicht anders können, dann sollten wir aber dies vor allem mit Freude und mit ideellem Gewinn für die Welt und alle Geschöpfe tun.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Staatsabgaben

Unter Staatsabgaben verstehe ich die Verpflichtung des Bürgers, einen Beitrag dafür zu leisten, dass der Staat funktioniert. Neulich besuchte mich ein Mandant und bat um Hilfe. Sein Anliegen war nicht ungewöhnlich. Er ist selbstständig, hatte stets im obersten Bereich der Verpflichtungsskala Steuern gezahlt, musste aber aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise in unserem Lande mit der Arbeit kürzer treten. Aufträge, mit denen er fest gerechnet hatte, blieben aus. Die Zahlungsmoral seiner Kunden ließ ebenfalls zu wünschen übrig. Was blieb, war eine Steuerlast aus vergangener Zeit, die es zu tilgen galt. Über die Höhe der Verpflichtungen, aber auch den Grund der Inanspruchnahme kam es zu keinerlei Differenzen mit dem Finanzamt. Nach den geltenden Gesetzen war der Anspruch der Finanzbehörde gerechtfertigt, nur aus den vorhandenen Einnahmen nicht zu erbringen.

Mein Mandant verfügte über keinerlei Vermögen, nachweisbar hatte er jedes verfügbare Einkommen in die Regulierung von Unterhaltsverpflichtungen gegenüber seiner geschiedenen Frau, die einkommenslos war, und die Sicherung der Ausbildung der Kinder gesteckt. Sein Motto war immer, dass die Unterstützung der Familie das Wichtigste sei. Weit hergeholt war dies nicht, denn wie sonst sollen die Leistungsträger von morgen denn anders auch geschaffen werden? Nichts von dem ganzen Erziehungsaufwand war indes steuerlich abzugsfähig. Es blieb bei einem Teil der Steuerlast, der jetzt aus finanziellen Mitteln nicht mehr zu bewältigen war. Aus systemischen Gründen erhielt er übrigens auch keinen Kredit. Er hätte auch nicht gewusst, wie er diesen wieder hätte zurückzahlen können. Also blieb nur die Insolvenz. Anstelle der Fortführung des Geschäfts und der Unterhaltssicherung der Familie: Hartz IV. Auf meine Nachfrage, ob er denn wirklich kein Geld habe, denn in unserer Gesellschaft kein Geld zu haben, sei ja ein Unding an sich, versicherte mir mein Mandant, da sei wirklich nichts zu holen. Er habe auch schon einen Vollstreckungsschutzantrag gegenüber dem Finanzamt ab- und detailliert Auskunft gegeben über sämtliche pfändbaren Gegenstände einschließlich seines Bargeldbestandes, der sich auf derzeit 349,50 Euro belaufe.

Aber, so erklärte mir mein Mandant mit einer gewissen Genugtuung, er verfüge doch über erhebliche Fähigkeiten. Er habe sich in der Vergangenheit gemeinnützig engagiert, insbesondere auf dem Bildungssektor für die Ausbildung von Hauptschülern, Vermittlung von Studenten ins Ausland bis hin zur Renovierung von Kindergärten und Schulen zusammen mit seinen Mitarbeitern, Lehrern und Eltern. Er könne doch, so lautete der Vorschlag meines Mandanten, statt Geld dem Finanzamt seine persönliche Leistung anbieten. Er sei ein geschickter Verhandler, er könne sein gemeinnütziges Engagement von derzeit vielleicht 30 % auf 60 % steigern. Er könne in seiner Freizeit als Pfleger in einem Krankenhaus arbeiten und vielleicht sogar das Finanzamt renovieren. Im Übrigen falle es ihm sicher leicht, Formulare zu entwerfen und Briefe zu schreiben. Er habe inzwischen an so vielen Podiumsdiskussionen teilgenommen, Reden gehört und Reden verfasst, dass auch dort ein Kompetenzschwerpunkt liegen könne. Kurzum: Ob ich es nicht für möglich erachte, dass wir dem Finanzamt statt des Geldes einfach ihn und seine Leistungsfähigkeit anbieten, denn schließlich sei Geld auch nichts anderes als geronnene Arbeit. Aus dem Tauschhandel sei ohnehin alles abzuleiten und Geld würde diesen Tausch im Prinzip nur erleichtern. Wenn aber kein Geld da sei, bliebe doch noch immer die verrichtbare Leistung. Das klang verblüffend, aber auch sehr überzeugend. Doch was, so gab ich zu bedenken, wenn der Staat seine Leistung gar nicht wolle, sondern Geld vorziehe, um selbst zu entscheiden, was er zu tun gedenke? Ja ja, warf mein Mandant da ein, das verstehe er gut. Er selbst hätte ja auch gerne Geld von seinen Kunden und es wäre sicher auch alles einfacher, wenn alle alle bezahlen würden. Aber wenn nun kein Geld da sei, müsse man doch zumindest Alternativen erwägen. Im Übrigen gehe es doch sicher nicht nur ihm so, sondern seines sei eventuell sogar das Schicksal vieler Menschen. Wenn man beim Finanzamt eine Liste derjenigen Personen führen würde, die einfach nicht bezahlen können, und stattdessen anzeige, was als alternative Leistung in Betracht käme, bestünde sogar die Möglichkeit, untereinander Fähigkeiten zu handeln, um das ganze Programm noch effektiver zu gestalten. Im Übrigen wäre es doch interessant, einmal eine Bedarfsliste des Staates zu bekommen, um festzustellen, wo er Hilfe wirklich dringend benötigt.

Vielleicht könnten dann die Bürger gemeinsam überlegen, wie sie dem Staat zur Seite stehen, die Probleme mit ihm gemeinsam lösen könnten. Aber, so warf ich ein, dafür gibt es doch die gewählten Vertreter. Mein Mandant lächelte etwas matt. Was meinen Sie, Herr Rechtsanwalt, was war zuerst da, das Ei oder das Huhn? Die Frage verstand ich nicht. Können Sie meinen Eindruck widerlegen, meinte er, dass der Staat von seinen Bürgern zu allererst Geld einzieht und erst dann verrät, für was er das Geld verbraucht? Vielleicht habe ich nicht immer richtig aufgepasst. Es gibt ja auch Haushaltsentwürfe usw., aber niemals wurde mir gesagt, dass ich für das oder jenes Vorhaben etwas zu bezahlen hätte oder mir gar Geld zurückgewährt würde, wenn ich erführe, dass es an anderer Stelle hilfreicher gewesen wäre als dort, wo es zunächst hingeflossen sei. Würden die Steuern nicht benötigt, so versickere das Geld, also auch das von mir gezahlte Geld irgendwo. Während mein Mandant redete, dachte ich für einen Moment darüber nach, was passieren würde, wenn ich das Geld, welches mir ein Mandant für bestimmte Aufgaben anvertraut hat, woanders einsetzen würde, sobald ich feststellte, dass seine Schuld doch nicht so hoch sei oder es mir gelungen war, die Forderung, die ich einziehen sollte, runterzuhandeln. Er könne doch auch einen Jahresbeitrag für eventuell anfallende Gebühren bezahlen, den ich dann allmählich unter Opportunitätsgesichtspunkten verbrauchen würde. Geeignete Fälle könnte ich dank meiner Kreativität sicher finden. Aber es muss sich dabei um völlig unterschiedliche Sachverhalte handeln … Also sagte ich meinem Mandanten nur: Grundsätzlich kann ich Sie ja verstehen. Auf einen Versuch sollte es daher ankommen. Wir probieren es mit dem Angebot Ihrer Fähigkeiten bei der Finanzverwaltung aus und hoffen, dass man Sie nicht auf die schwarze Liste schreibt. Schwarze Liste? Welche schwarze Liste, wollte mein Mandant noch wissen. Ach wissen Sie, sagte ich ihm, das ist eine ganz andere Geschichte, eine systemische. Das System schätzt Abweichler und Querdenker nicht besonders. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Alles wird gut.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Genug gejammert

Wahrlich, wir leben in schwierigen Zeiten. Finanzkrise. Europakrise. Wirtschaftskrise. Eine Jugend zudem, die den Eindruck vermittelt, als handele es sich bei ihr ausnahmslos um Internetjunkies. Soziale Entwurzelung. Migration. Missbrauch. Gewalt, Aids und Umweltzerstörung. Die Liste kann nach Belieben fortgeschrieben werden. Das ist die eine Welt. Die andere Welt hat zu tun mit der Freude von Menschen aneinander, ihren Kindern, der Natur, der Vielfalt von Tieren und Pflanzen. Trotz aller Grausamkeiten. Unsere Welt ist schön. Kaum ein Mensch kann sagen, dass er sein ganzes Leben lang unglücklich gewesen sei. Kaum ein Mensch wird wollen, dass seine Kinder und Kindeskinder die Welt als einen Ort des Schreckens und der Ohnmacht begreifen.

Unsere Welt ermöglicht uns, Chancen wahrzunehmen, wie auch unsere Kinder das Recht haben, ein chancenreiches selbstbestimmtes Leben zu führen. Deshalb sollten wir uns darauf besinnen und es nicht nur als unsere Pflicht begreifen und uns im Denken, Handeln und Fühlen an den großen Errungenschaften, dem Fortschritt und den Möglichkeiten unserer Gesellschaft messen. Wir sollten nicht aufhören, neugierig zu sein. Auf ein vielfältiges Leben, das uns Gelegenheit gibt, uns zu bewähren, zu vervollkommnen und den Reichtum, den wir selbst erfahren haben, an unsere Kinder und Kindeskinder weiterzugeben. Früh sollten wir beginnen, den Enthusiasmus für das Leben in unseren Kindern zu wecken, sie anstecken mit unserer Lebensfreude und ihnen das Werkzeug geben für die Selbstverwirklichung und die Bewahrung der Welt wieder für deren Kinder und so fort. Wie ein Mantra sollte uns dabei immer über die Lippen gehen, dass alles, was wir tun, von Menschen für Menschen gemacht wird und uns diese Erkenntnis zu respektvollem Umgang miteinander verpflichtet. Die Würde jedes einzelnen Menschen in dieser Welt ist unantastbar. Unser Respekt gilt aber auch der uns anvertrauten Natur, den Tieren und den Ressourcen, selbst dann, wenn wir forschen und entsprechend unserer gewonnenen Erkenntnisse handeln. Die permanente Entwicklung ist unsere Hybris, aber auch unser Sinn. Wenn wir schon nicht anders können, dann sollten wir aber dies vor allem mit Freude und mit ideellem Gewinn für die Welt und alle Geschöpfe tun.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski