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Michael Göring – „Hotel Dellbrück“

Nach „Der Seiltänzer“, „Vor der Wand“ und „Spiegelberg“ hat uns nun der erzählende Schriftsteller Michael Göring „Hotel Dellbrück“ zur Lektüre vorgelegt. Bevor ich aus diesem Werk vertiefend berichte, möchte ich auf Folgendes hinweisen: Wie in den bisherigen Romanen des Autors scheinen auch hier Biografien auf, die sowohl mit ihm als auch mit uns zu tun haben können. Nicht von ungefähr gibt es von ihm diese Aussage: „Wer liest, verreist – und die spannendste Reise führt am Ende zu einem selbst.“

So ist Hotel Dellbrück ein Reiseroman, der bereits vor 1938 erzählerisch Fahrt aufnimmt und auch am 18.06.2018 nicht endet. Eine zentrale Station des Ankommens, des Wartens, der Begegnung, des Rückkehrens, des Verweilens, des Schutzes und des Erinnerns ist dabei das Hotel Dellbrück in Lippstadt.

Sigmund und sein Sohn Frido haben diesen Begegnungsort als Mitgift für ihre Leben erhalten. Die Kraftspender für diese Lebensgaben sind Tono, der Hotelbesitzer, und seine Familie, die für das fremde jüdische Kind Sigmund ihrer Kaltmamsell sorgen und angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung nach England in eine Gastfamilie vermitteln. Sigmund wird dort gut aufgenommen, glänzend ausgebildet und nimmt an einem fast normalen Jugendleben teil. Doch bei den ersten erotischen Tastversuchen, religiöser Selbstbefragung und Klärung der nationalen Identität muss Sigmund erleben und bedenken, dass er sowohl Jude als auch Deutscher in seinem Gastland ist. Nach Ende des Krieges trifft er die Entscheidung, nach Lippstadt ins Hotel Dellbrück zurückzukehren und sich mit Tono´s Tochter zu vermählen. Von deren gemeinsamen Kindern lernen wir Frido näher kennen, begleiten diesen auf seinen Lebensreisen nach Indien und Australien, kommen dann wieder mit ihm zurück nach Lippstadt ins Hotel Dellbrück, wo er schließlich auf einen durchreisenden Flüchtling trifft. So arbeitet der Autor an unserer Einsicht, dass wir immer Reisende, immer unterwegs in der Welt und in unserem Leben sind.

Die besondere Herausforderung dieses Werkes liegt für mich in der Möglichkeit des Lesers, sich mit den Nöten, Zweifeln und Schwierigkeiten von Menschen unterschiedlicher Wurzeln und Lebensbedingungen zu beschäftigen, teilzunehmen an deren Mühen um Existenzsicherung, dabei aber auch immer das eigene Leben zu entdecken, Erinnerungen aufzufrischen, Urteile zu revidieren und sich einzulassen auf bisher Ungewohntes, Fremdes. Von Seite zu Seite kann so die Neugierde auf Denk- und Empfindungsangebote wachsen, der Wille, sich mit Fragen der Judenverfolgung, der Religion, der Ästhetik, der Kunst, der Heimat, der Lebensanschauung, der Natur, des Verweilens und des Fremden auseinanderzusetzen. Wie bei einem Kaleidoskop genügt ein kurzer Dreh des Sehrohrs, um das Bekannte aus einem anderen Blinkwinkel wahrzunehmen.

Weil der Autor ein Erzähler ist, lesen sich die 417 Seiten seines Romans flüssig. Die Sprache des Autors ist gegenwärtig, eine Sprache der Präzision, die Bilder ohne Pomp entstehen lässt, Bilder vom Kommen und Gehen von gewaltiger Natur, von Zerstörung, Armut, Verwüstung, religiöser Erweckung, Einsamkeit und Hoffnung.

Dieses Werk ist gelungen. Ich kann es empfehlen, weil es mich überzeugt hat.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski