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Selbstmitleid

Es herrscht großes Leid in dieser Welt. Dies ist nicht unvorstellbar, sondern vorstellbar, weil wir es täglich sehen. Aus unterschiedlichen Gründen sterben täglich Menschen weltweit unter höllischen Qualen, aber auch bei uns herrscht großes Leid.

Hiob ist keine ferne biblische Gestalt, sondern begegnet uns täglich auf unseren Straßen, mal als Bettler verkleidet, mal als Straßenkind, mal jung, mal alt. Viele Menschen tragen großes Leid. Manche dieser Menschen erfahren Mitleid, teils tatkräftig durch Helfer im Einsatz in Kriegsgebieten und Flüchtlingscamps, teils emotional durch Solidaritätserklärungen und Durchhalteappelle.

Was bedeutet nun Mitleid? Heißt es: „Dein Leid ist auch mein Leid und ich teile es mit dir?“ Angesichts der Unüberbrückbarkeit der Wahrnehmung eines in Afrika verhungernden Kindes und unserer wohlbehüteten Zuwendung erscheint mir dies kaum möglich. Und doch sind all die Menschen, die in dieser Welt unter erbärmlichen Umständen leben oder sterben, darauf angewiesen, dass wir hinschauen, uns ihrer Erbarmungswürdigkeit bewusstwerden.

Keine Distanziertheit tröstet uns darüber hinweg, dass Leid Teil eines weltumspannenden Prozesses des Werdens und Vergehens ist, da jeder von uns auch Teil des Ganzen ist. Deshalb ist es auch eine Frage des Selbstmitleids, das wir aufbringen müssen, um das Leid anderer zu erkennen, dieses zu verkraften und zu lindern. Wenn wir helfend handeln, dann auch um unser selbst Willen aus Selbstmitleid.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mediale Überforderung

Als ob wir ahnungslos wären. Wir nehmen die Fremden, die zu uns kommen, wahr, wir engagieren uns in der Flüchtlingshilfe. Wir fördern Sprach- und Tanzkurse etc. Alles entsprechend unserer Möglichkeiten. Denen, die etwas tun, wurde nicht nur die Begrifflichkeit „Gutmensch“ für ihr Handeln zugeordnet, sondern sie mussten auch erfahren, dass das herabwürdigend gemeint war. „Gutmensch“ als Unwort des Jahres 2015.

Also: Wer menschlich etwas Gutes tut, macht es falsch. So wissen es die Medien. Sie wissen aber auch noch mehr. Von morgens bis abends wird in den Medien die Flüchtlingskrise besungen, ein schier unerschöpfliches Thema, viel wichtiger scheinbar als das normale Leben mit allen seinen Unwägbarkeiten. Flüchtlinge in Strömen, Flüchtlinge fast vor dem Ertrinken, Flüchtlinge in der Kälte in Flüchtlingscamps, Flüchtlinge im Einzelinterview oder in der Gruppe.

Jeder Politiker dieser Republik hat Gelegenheit, seine Statements dazu abzuliefern, für oder gegen offene Grenzen, Politikversagen und Ängste. Es reicht. Bei diesem endlosen Sprachdurchfall steht am Ende zu befürchten, dass die Menschen aufhören, sich mit Flüchtlingen anders als nur in Ablehnung zu befassen, da sie es nicht aushalten, ständig an ihre eigene Hilflosigkeit erinnert zu werden oder vergessen, dass das Leben auch aus Freude, Optimismus und Durchsetzungswillen besteht. Welche Schreckensszenarien sind die Medien noch fähig zu entwerfen, um die Menschen völlig zu zermürben, die Apathie und Interessenslosigkeit zur allgemeinen Haltung nicht nur in Flüchtlingsfragen ausreifen zu lassen?

Die Bundesregierung ist verpflichtet zu liefern, und zwar einen Plan, der auch dann funktioniert, wenn andere Staaten nicht mitmachen. Ein Plan wird nicht in endlosen Schleifen der Geschwätzigkeit entwickelt, sondern durch Analyse, Entschiedenheit und Umsetzungswille. Auch in einer Demokratie gibt es hierfür Zuständigkeiten, die wahrgenommen werden müssen. Mediales Aufplustern und Nachkarten helfen da nicht weiter, sondern informationsbasierte Analysen, Regeln und Gesetze. Dann schaffen wir das auch, und zwar trotz der Medien.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski