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Mediale Überforderung

Als ob wir ahnungslos wären. Wir nehmen die Fremden, die zu uns kommen, wahr, wir engagieren uns in der Flüchtlingshilfe. Wir fördern Sprach- und Tanzkurse etc. Alles entsprechend unserer Möglichkeiten. Denen, die etwas tun, wurde nicht nur die Begrifflichkeit „Gutmensch“ für ihr Handeln zugeordnet, sondern sie mussten auch erfahren, dass das herabwürdigend gemeint war. „Gutmensch“ als Unwort des Jahres 2015.

Also: Wer menschlich etwas Gutes tut, macht es falsch. So wissen es die Medien. Sie wissen aber auch noch mehr. Von morgens bis abends wird in den Medien die Flüchtlingskrise besungen, ein schier unerschöpfliches Thema, viel wichtiger scheinbar als das normale Leben mit allen seinen Unwägbarkeiten. Flüchtlinge in Strömen, Flüchtlinge fast vor dem Ertrinken, Flüchtlinge in der Kälte in Flüchtlingscamps, Flüchtlinge im Einzelinterview oder in der Gruppe.

Jeder Politiker dieser Republik hat Gelegenheit, seine Statements dazu abzuliefern, für oder gegen offene Grenzen, Politikversagen und Ängste. Es reicht. Bei diesem endlosen Sprachdurchfall steht am Ende zu befürchten, dass die Menschen aufhören, sich mit Flüchtlingen anders als nur in Ablehnung zu befassen, da sie es nicht aushalten, ständig an ihre eigene Hilflosigkeit erinnert zu werden oder vergessen, dass das Leben auch aus Freude, Optimismus und Durchsetzungswillen besteht. Welche Schreckensszenarien sind die Medien noch fähig zu entwerfen, um die Menschen völlig zu zermürben, die Apathie und Interessenslosigkeit zur allgemeinen Haltung nicht nur in Flüchtlingsfragen ausreifen zu lassen?

Die Bundesregierung ist verpflichtet zu liefern, und zwar einen Plan, der auch dann funktioniert, wenn andere Staaten nicht mitmachen. Ein Plan wird nicht in endlosen Schleifen der Geschwätzigkeit entwickelt, sondern durch Analyse, Entschiedenheit und Umsetzungswille. Auch in einer Demokratie gibt es hierfür Zuständigkeiten, die wahrgenommen werden müssen. Mediales Aufplustern und Nachkarten helfen da nicht weiter, sondern informationsbasierte Analysen, Regeln und Gesetze. Dann schaffen wir das auch, und zwar trotz der Medien.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ecce Homo

Ja, ich bin ein Mensch und das halte ich aus? Jetzt, während der Flüchtlingskrise, strömen via Internet oder Fernsehen pausenlos Bilder auf uns ein, die Menschen in verheerender Situation zeigen, frierend, hungernd, arbeits- und beschäftigungslos, auf der Flucht, ältere und junge Menschen, Familien insgesamt. Wie halten Menschen, wie hält der einzelne Mensch dies aus, wie hält er es aus, gedemütigt, vertrieben, beschossen und verletzt zu werden? Wie hält er es aus, keine Bleibeperspektive nirgendwo zu haben, selbst dann nicht, wenn er Asylchancen hat? Was wird aus einem Menschen, der nichts zu tun hat? Wie kann ein Mensch die Strapazen von Gefängnis und Folter ertragen, auch dann, wenn er unschuldig ist?

Ja, es gibt erschütternde Bezeugungen derer, die Holocaust und KZ-Aufenthalte überstanden haben, seien sie Juden, Christen oder Andersgläubige. Aber all dies klingt oft so abstrakt, so verständig und unnah. Für viele von uns ist die Transzendierung des Leides durch den Opfertod Jesus Christus ermöglicht worden. Der Gekreuzigte hängt ohne Andeutung eines Schauderns in Wohnzimmern, Kneipen, Kirchen und Schulen. Gräueltaten überschwemmen allabendlich unsere Wohnzimmer. Leid persönlich und körperlich nah zu erfahren, ist wohl nur dem Leidenden selbst vorbehalten und schwer zu kommunizieren, weil das eigene Mitleiden weniger mit dem Einfühlen, als mit der Abwehr des Leidens zu tun hat.

Da wir uns auf das stellvertretende Leiden nicht verstehen, ermangelt es uns auch an einer evaluierbaren Basis dessen, was für Menschen hinnehmbar ist. Hiob hat Leid auf sich genommen und uns dadurch einen Spiegel eigener Möglichkeiten geboten. Mögen wir daran erkennen, was wir anderen nicht zumuten dürfen, um unserer eigenen Unfähigkeit des Leidens wegen. Wir haben kein Recht, anderen, auch ungeplant, das zufügen zu lassen, was wir für uns selbst stets vermeiden wollen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski