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Grenzen

Angesichts der Flüchtlingsströme versiegt die Debatte über das Schützen unserer äußeren Grenzen in Europa nicht. Es geht mir aber hier nicht um die äußeren Grenzen, sondern die inneren Grenzen, die wir ziehen, um Ereignisse nicht zuzulassen, weil wir sie bei anderen nicht respektieren wollen.

Das sind keine klar definierten Grenzen, sondern selbstverständliche oder verabredete Linien, deren Überschreitung Konflikte auslösen können. Der einzelne Mensch kann Grenzen setzen und erklären, bis dahin und nicht weiter. Um diese Grenzziehung zu verteidigen, muss er entweder darauf vertrauen, dass ein anderer diese Grenze achtet oder er bei Missachtung den Grenzverletzer zur Rechenschaft ziehen kann.

Wie die äußeren Grenzen sind folglich auch die inneren Grenzen von der Machtfrage geprägt, aber nicht nur. Innere Grenzziehungen beruhen auf dem Kalkül, dass deren Überschreiten Störungen verursacht, die den Verlust sozialer Anerkennung des Grenzverletzers mit einschließt. Das System der inneren Grenzen hat sich seit Bestehen der Menschheit bewährt und stellt daher den Kompass für eigenes Verhalten und das Verhalten anderer Menschen dar.

Aber gerade heute stellen wir vermehrt fest, dass Menschen bewusst zu Grenzverletzungen neigen. Sie verletzen diese bewusst, um die Konsequenzen zu erfahren oder deren Konsequenzlosigkeit. Eine beispielhafte Konsequenzlosigkeit der Grenzverletzung macht den Menschen aber hilf- und wehrlos. Wenn er sieht, dass er mit seinen Appellen an Recht, Moral und Menschlichkeit nicht mehr weiterkommt, wird er möglicherweise selbst zum „Kannibalen“ und zerstört alles, was ihm in seinem Furor noch im Wege steht.

Eine entgrenzte Gesellschaft kennt also ad hoc Bünde der Macht, der Gier, der Ziellosigkeit und des schlechten Geschmacks. Eine Welt ohne innere Grenzen ist zudem so langweilig, dass sie selbst die permanenten Grenzverletzer nach Wegfall aller Hemmungen um den Triumpf ihres Verhaltens bringt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Bilder

Keiner wird dies bezweifeln wollen: Unsere Wahrnehmung wird wesentlich durch Bilder bestimmt. In den Medien sehen wir einen Menschen, der eine rote Krawatte trägt, ständig auf etwas zeigt oder den Daumen nach oben reckt, verschlossenes Gesicht und Föhnfrisur. Das Bild ist eingängig: der amerikanische Präsident.

Wir sehen auch andere Bilder: Bilder verstorbener Kinder, an Land gespült oder in irgendeinem Kriegsgebiet dieser Welt. Ein nacktes Mädchen fliehend vor einer Napalmwolke in Vietnam; Bilder von Menschen, die gleich sterben werden und die umgebracht wurden, Bilder von Auschwitz und Theresienstadt. Bilder des Papstes und der Flüchtlingsströme. Bilder von Demonstrationen und Faschingsfeiern, Bilder mörderischer Anschläge und einzelner Taten. Bilder der Freude und der Trauer.

Alle diese Bilder kommen bei uns an, werden vermittelt durch Medien oder eigene Erlebnisse. Was bei uns ankommt, was wir zulassen, entscheiden wir. Das „Wir“ ist dabei nicht ganz persönlich gemeint, sondern vor allem die kollektive Wahrnehmung entscheidet über die Bereitschaft der Aufnahme von Bildern in unseren Beurteilungsraum oder deren Ablehnung.

Nicht alle Bilder sind willkommen. Nicht willkommen sind meist Bilder, die uns zum Handeln zwingen könnten oder unsere Ohnmacht offenbaren. Die Bilder des zerstörten Aleppo, sterbende Kinder und Frauen im Fernsehen, zappen wir gerne weg; dies nicht wegen der unerwünschten Flüchtlinge, sondern weil die Bilder dieser Wirklichkeit keine Übereinstimmung mit unserer Wahrnehmungsmöglichkeit mehr haben.

So sind auch Ausschwitz und Theresienstadt etwas Unnahbares, Fremdes. Wir sehen die Bilder und doch können wir oft nichts damit anfangen. Damit Bilder wirken, müssen sie ergänzt werden. Die Bilder aus dem Leben Anne Frank´s zum Beispiel gehen uns etwas an, weil sie nicht nur zu sehen sind, sondern auch von ihr selbst in Tagebuchaufzeichnungen besprochen wurden. Um der Bilder habhaft zu werden, müssen wir zerstörte Städte wie Aleppo sprechen lassen. Sie müssen sprechen von ihrer Normalität, ihrer geschichtlichen Bedeutung und dem Leben, das in ihnen wogt. Es müssen Erzählungen der Hoffnung und der Überwindung sein, die Resonanz in uns erzeugen können. „Wir schaffen das.“

Denn Merkel´schen Kampfruf entspricht die Suggestion eines anderen Bildes: „Die schaffen das.“ Gemeint sind die Bürger von Aleppo und andere zerstörten Städte und Dörfer. Wenn die den Wiederaufbau schaffen, dann sollte das Bild nach unserer Wahrnehmung einschränkungslos gut gelungen sein. Mehr davon. Wir können nicht genug davon haben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski