Buridans Esel ist sehr hungrig. Er kann sich aber zwischen den prall gefüllten Hafersäcken, die links und rechts vor ihm stehen, nicht entscheiden und verhungert. Dieses literarische Gleichnis soll uns verstehen lassen, dass ein Überangebot an gemeinnützigen Events den Gedanken der Philanthropie auszehren könnte. Bei aller Begeisterung für den Boom des Stiftungswesens und die Entwicklung einer Kultur sozialer Unternehmen dürfen wir deren Stabilität nicht aus den Augen verlieren. Diese Stabilität erfahren philanthropische Unternehmen nicht nur durch Zuführung finanzieller Mittel und ihre Organisationsform, sondern auch durch ihre Wehrhaftigkeit gegen Auszehrung. Kaum haben echte Mäzene, Wohltäter, Steuersparer, Neo-Stifter aber auch Banken die wunderbare Welt der Philanthropie entdeckt, treten schon die klugen Verwerter dieser Entwicklung auf den Plan. Das sind solche, die unter meist wohl klingendem Namen auf der Angebots- und Nachfrageseite selbst gemeinnützige kaum überlebensfähige Einrichtungen schaffen, um von der erfreulichen Entwicklung des 3. Sektors zu profitieren. Deren Angebot und Nachfrage umfasst die Entwicklung der Bauernscheune als ländliches Denkmal bis zur Einrichtung eines Kieztheaters. Gegen ein solches Engagement ist grundsätzlich nichts einzuwenden, problematisch kann es aber sein, wenn die Bemühungen der Handelnden vorwiegend darauf gerichtet sind, fremdes Geld für eigene Zwecke einzuwerben. Fast jede Stiftung oder gemeinnützige Einrichtung erhält täglich eine Flut von Anfragen, meist per E-Mail, die darauf abzielen, einen oft nicht näher bestimmten finanziellen Förderbeitrag für ein bestimmtes Projekt zu erhalten. Viele dieser Anfragen müssen wir zurückweisen, weil sie mit dem Satzungszweck unserer Stiftung nicht in Überstimmung zu bringen sind, andererseits uns aber auch das Vorhaben selbst nicht zu überzeugen vermag. Die standardisierten Absagen enthalten meist die bittere Lüge, dass man an sich das Projekt befürworte und gutes Gelingen wünsche. Dies ist aber nicht richtig. Tatsächlich stellt sich bei vielen Projekten die Frage, warum sich die Beteiligten gerade damit beschäftigen und nicht mit einem anderen Thema oder überhaupt die Finger davon lassen. Es ist festzustellen, dass es inzwischen eine Inflation an beliebigen Projekten gibt. Das Fehlen eines detaillierten, mit Zahlen unterfütterten Wirtschaftsplans weist zudem darauf hin, dass der Vorhabenträger selbst gar nicht genau weiß, ob er das Projekt auch tatsächlich verwirklichen wird. Es schadet daher dem Gedanken der Philanthropie, dass diesen Unternehmen finanzielle Beiträge zugewandt werden, ohne dass die Strukturen für die Durchführung des Projekts genauestens geklärt sind. Dazu gehören nicht nur ein präziser, mit Zahlen unterlegter Vorhabenplan, sondern auch die Benennung der handelnden Personen und deren eigenen wirtschaftlichen Interessen. Gegen eine Entlohnung der Arbeit ist nichts einzuwenden, denn diejenigen, die etwas im Bereich der Philanthropie bewirken, sind und bleiben Partner in einer Gesellschaft, die wesentlich durch finanzielle Kompensation für Leistung bestimmt ist. Um die zarte Pflanze der Philanthropie zu stärken, wird es in der Zukunft aber besonders wichtig sein, sehr genau hinzuhören und hinzuschauen, um diejenigen Vorhaben, die tatsächlich förderwürdig sind, von denjenigen zu trennen, die man als „Masche“ bezeichnen muss, also denjenigen, die in erster Linie Eigennutz der Anspruchsteller im Sinn haben. Entwaffnend wurde mir dies einmal in einem Förderantrag einer Frau dargelegt, die mir mitteilte, dass sie Hartz-IV-Empfängerin sei, die staatlichen Zuwendungen nicht ausreichen würden und sie daher um einen finanziellen Beitrag unserer Stiftung bitte. Ablehnungen von Subventionen bzw. Förderbeiträgen werden oft erfahrungsgemäß nicht klaglos entgegengenommen. Wir haben es zuweilen mit hartnäckigen Nachfragen zu tun, die auf den Zahn fühlen sollen, ob nicht doch noch eine nennenswerte Zuwendung möglich sei. Die Erwartungshaltung der Anspruchsteller ist meist sehr bestimmt, d. h. zuweilen wird sogar offenes Unverständnis darüber geäußert, dass gerade unsere Stiftung dem bedeutenden Projekt, das uns in den schillerndsten Farben geschildert wird, nicht die notwendige finanzielle Unterstützung zukommen lassen will. Wenn wir statt finanzieller Förderung strukturelle Hilfen anbieten, erleben wir oft, dass unsere Gesprächspartner zurückhaltend erklären, dass man auf dieses Angebot noch zurückkommen wolle. In keinem der mir bekannten Fälle ist dies dann auch geschehen. Wahrscheinlich will man sich doch nicht zu tief in die Karten gucken lassen. Diese Entwicklung auf dem philanthropischen Markt beirrt uns aber nicht. Wir kooperieren mit niemandem und fördern und zertifizieren keine Einrichtung, von deren philanthropischem Nutzen wir nicht selbst überzeugt sind. Wir haben Hilfe zur Selbsthilfe in der Form unserer Theater Task Force entwickelt. Mit diesem zielgerichteten Angebot an Theater konnten wir bisher gute Erfolge erzielen. Wichtig ist auch die Hilfestellung, die wir denjenigen bei der Projektverfolgung ermöglichen, denen wir bereits einen Förderbeitrag haben zukommen lassen. Sie sind meist nicht nur auf unsere Hilfe angewiesen, sondern wir selbst müssen unsere Hilfeberechtigung zur „Conditio sine qua non“ unserer Förderung machen.
Ein Zuviel im philanthropischen Engagement ist aber nicht nur im Nachfragebereich, sondern auch im Angebotsbereich zu verzeichnen. Es führt zur Aushöhlung des philanthropischen Gedankens, wenn während eines Tages, und zwar dies oft mehrfach, umfassende Selbstdarstellungen von Vereinen, Stiftungen und Einzelpersönlichkeiten abgeliefert werden, die ihrerseits wieder auf eine Fülle weiterer philanthropischer Veranstaltungen verweisen. Diese philanthropische Event-Collection verfolgt möglicherweise das Ziel der Fundraising-Optimierung und verspricht dabei großes gesellschaftliches Engagement, wogegen eine Untersuchung der Einzelaktivitäten zeigen würde, dass sie auch ohne Unterstützungsleistungen durchgeführt werden könnten oder sogar nutzlos sind. Das Internet ermöglicht diesen kollektiven philanthropischen Wahn. Aber nicht nur die Darstellung von Einzelinteressen in den Medien belastet die philanthropische Bewegung, sondern auch die Verschleierung der Aktivitäten durch Begriffe wie Mikrofinanzierung, Nachhaltigkeit oder soziales Unternehmertum. Die inflationäre Nutzung von Schlagworten entkräftigt deren Bedeutung und führt zur Abschottung derjenigen Bürger, deren Aktivitäten durch unternehmerisches Denken bestimmt ist, die in der Philanthropie keine Spielwiese für Glücksritter sehen, sondern eine Alternative und ein Angebot an unsere wirtschaftlich bestimmte reale Welt, künftige notwendige Vorhaben in unserer Gesellschaft menschlicher, effektiver und nicht allein finanziell renditeorientiert zu organisieren.
Der Gedanke der Philanthropie folgt keinem sozialstaatlichen Gebot. Es gibt keinen Anspruch von Einzelnen oder Gruppen darauf, dass ihre Grundsicherung durch Stiftungen und andere philanthropische Einrichtungen gewährleistet ist. Das Selbstbewusstsein der Philanthropie beruht auf ihrer bürgerlichen Eigenständigkeit. Um die wunderbare Welt der Philanthropie zu erhalten, müssen wir darauf verzichten, sie mit üppigen Angeboten zu überladen, sondern Buridans Esel eher per Hand füttern und ihn dabei auch noch ein wenig kraulen.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski