Schlagwort-Archive: Fremdheit

Gesellschaftliche Herausforderung

In einem neuzeitlichen Konversionsprozess wird die Gesellschaft mit folgenden Herausforderungen konfrontiert:

Fremdheit unter den Bevölkerungsgruppen, Integrationsunfähigkeit einerseits und Zurückweisung anderer Lebensformen, Anschlussversagen, Verstärkung des Aggressionsverhaltens   bei Fundamentalisten und Randgruppen

  • existenzielle Herausforderung des Menschen infolge des Klimawandels mit der Konsequenz zunehmender Auseinandersetzungen über Zukunftsfragen auch im nichtstaatlichen Raum; nachhaltige Erhaltung der Natur als Grundlage des Lebens auf diesem Planeten
  • fortschreitende Technologisierung unseres Lebens aufgrund wissenschaftlichen Fortschritts mit der Folge religiöser Überhöhungen und/oder nihilistischer Tendenzen
  • Gestaltung der weltweiten Internet-Community ohne eindeutige Regulierung dieses Bereiches
  • neuzeitliche Migrationsformen und in Folge dessen die Wiederbelebung massiver Verteilungskämpfe
  • Veränderung des erwerbsorientierten Lebens durch Anwachsen der Alterspyramide und Schaffung neuer Herausforderungen an unser Lebens- und Alterssicherungspaket
  • globaler Impact und regionaler Behauptungswille der Bürger
  • Subsidiarität staatlichen Handelns bei einem erstarkten bürgerschaftlichen Engagement einschließlich dessen Verwirklichungen durch Stiftungen, sonstige philanthropische Einrichtungen, Bürgerproteste, Bürgerversammlungen und sonstigen Aktionen
  • gesellschaftliches Ungleichgewicht infolge extensiver Marktmacht von Banken und Wirtschaftsunternehmen
  • Demokratiedefizite; eigenverantwortliches Handeln versus staatliche Bevormundung; Stärkung der Familienstrukturen
  • Wege aus der Endkulturalisierung unserer Gesellschaft durch Bildungsschwund, durch Ruhelosigkeit und mediale Überflutung

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Fremdes

Unser Leben besteht aus Selbstversicherungen. Wir gestatten uns, auf Wagnisse nur kontrolliert einzugehen oder im Spiel, weil es da nichts kostet. Bei allen anderen möglichen Wagnissen in unserem Leben rechnen wir das Risiko mit dem Gewinn auf, und zwar auch dann, wenn dieser sich letztlich nicht einstellen sollte.

„Wer wagt, gewinnt“, so heißt es zwar im Sprichwort, aber in Wirklichkeit ist uns das unbekannte Risiko nicht geheuer. Das ist zum einen genetisch bedingt, zum anderen fehlt uns die positive Erfahrung mit dem Fremden, dem Unbekannten, dem Wagnis. Dabei haben wir die ungewissen Möglichkeiten doch ständig im Blick, ob bei der Geburt oder dem ersten Baumausschlag im Frühling.

Diese Fremdheit anzunehmen, könnte sich bewähren. Sie kann auch methodisch gutgeheißen werden. Ganz anders verhält es sich allerdings mit Risiken, deren Wirkung wir nicht von vornherein abschätzen und kalkulieren können. Diese Fremdheit macht uns nicht nur Angst, sondern steht auch in Konkurrenz zu unserer Gewissheit. Das Fremde könnte uns herausfordern, uns überlegen sein. Deshalb sind wir gegenüber dem Fremden, selbst wenn es uns nützen könnte, eher kritisch und ablehnend.

Dabei ist es nur eine Frage der Anschauung und des Vertrauens, zu sehen, wie sich das Fremde entpuppt, ihm eine Chance zu geben und auf den eigenen Mehrwert bei der möglichen Bereicherung unseres Lebens zu hoffen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Fremdheit und Nähe

Als ich vor einiger Zeit in Afrika war, spürte ich etwas ganz Besonderes: die Fremdheit. Diese Fremdheit war mir nicht unangenehm, sondern entsprach den unbekannten Gegebenheiten. Ich bewegte mich in einer Gegend, wie ich sie zuvor noch nicht kennengelernt hatte. Ich begegnete Menschen, die ich nicht kannte, weder deren Lebensgewohnheiten noch ihre persönliche oder ihre soziale Verhaltensweise. Sie waren mir fremd, auch, aber nicht nur deshalb, weil sie schwarz waren. Ihnen ging es genauso und sie ließen es mich wissen. Kinder, die in abgelegenen Dörfern in meine Nähe kamen, erschreckten sich vor mir, dem weißen Mann. Nur die mutigsten der Kinder wagten sich in meine Nähe, wurden nach langer Zeit zutraulich oder gar frech. Sie überwanden die Distanz, auch wenn wir uns fremd blieben. Erst mit der Zeit begriff ich, wofür diese Fremdheit gut sein könnte. Sie schärft den Blick für das Andere, hält eine Distanz, die Erfahrungen erst möglich macht. Das, was nahe ist, ist vertraut, verliert oft aber an Schärfe. Nähe herzustellen im privaten Umfeld vermittelt Sicherheit, aber meist auch Bequemlichkeit und mindert oft den Respekt. Wie auch draußen in der Welt scheint es mir im kleinen persönlichen Bereich wichtig zu sein, sich die Fremdheit zu erhalten, um jederzeit in dem anderen Menschen den nicht Verfügbaren zu sehen, jemanden, der es lohnt, immer wieder neu kennengelernt zu werden. Selbst anderen fremd zu sein ist aufregend, erhält die Neugier und schafft Distanz. Der Fremde ist für Andere nicht manipulierbar, sondern prüft, wägt ab und lässt zu. Die Nähe des Fremden ist kostbar, eine willentlich intellektuelle oder auf Gefühl basierende Hinwendung, um in der Überwindung des Fremden etwas Besonderes zu erfahren. Das Fremde, welches ich in Afrika erfuhr, hat meine Sehnsucht geweckt und mich neugierig gemacht auf die Menschen und ihre Kultur. So will ich sie mir erhalten und nicht eindringen in ihren Bereich, um sie gar zu Vasallen oder Komplizen meines Lebens zu machen. Es würde mein Machtgefühl stärken, wenn ich die Herrschaft über sie gewonnen hätte, alles besser wüsste und sie in ihrem Verhalten beeinflusste. Es machte mich aber nicht stärker, wenn ich nicht der Erfahrende bin, wir uns nicht auf Augenhöhe begegnen. Der Respekt vor dem Fremden ist eine Bereicherung unseres Lebens und sicher ein Teil unserer Selbstausbildung.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski