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Miesepeter

In jeder Suppe schwimmt ein Haar. Der Unterschied ist nur, ob man darüber lamentiert, Köche oder Bedienstete beschuldigt und den Gastwirt zur Rechenschaft ziehen will oder alternativ in Betracht zieht, das Haar aus der Suppe zu fischen, sich seinen Teil zu denken und abzuwägen, ob man künftig in dem Restaurant noch Suppe essen sollte, einen diskreten Hinweis dem Restaurantleiter gibt oder die Angelegenheit auf sich beruhen lässt.

Es wird schon nicht wieder vorkommen. Es soll aber auch solche Menschen geben, die krankhaft versuchen, ein Haar in die Suppe zu zwingen, am liebsten einen ganzen Schopf. Sie versuchen, sich selbst und anderen einzureden, dass irgendwelche Vorhaben nicht gelingen, falsch seien oder gefährlich. Sie empfinden sich selbst dabei als Mahner, als Aufklärer und Beschützer der Wahrheit. Je lauter sie dabei werden, umso verdrießlicher machen sie sich allerdings dadurch für uns. Woher wollen die neunmalklugen Biedermänner verdammt viel besser Bescheid wissen als wir? Was macht sie denn in ihrer Haltung so überlegen, so eindeutig? Ist es ihre skrupellose Zweifellosigkeit bezüglich ihrer eigenen Einschätzung?

Es ist für komplex und differenziert denkende Menschen oft schwierig, dagegen zu halten, weil natürlich alles immer bedacht werden sollte, das Für und Wider, bevor eine Entscheidung fällt. Wie soll aber ein Werk gelingen, wenn Miesepeter immer wieder einzelne oder mehrere Haare in der Suppe finden und damit nur eins schaffen, dass die Suppe kalt, nicht gegessen, ausgeschüttet oder abgelehnt wird, dabei wäre es manchmal leichter, das Haar stillschweigend zu beseitigen, um festzustellen, wie gut die Suppe dennoch schmeckt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski