Läge er nicht so faul wie Oblomow auf dem Ofen, würde der Mensch etwas tun. Es wäre daran zu denken, dass der Mensch arbeitete, um sich zu beschäftigen, sozusagen als spezielle Form der Therapie. Arbeit könnte auch Ablenkung bedeuten, vor allzu viel Nachdenken über den Sinn des Lebens. Möglicherweise erfüllt die Arbeit auch erotische Wünsche, verdeckt andere Motive und dient schließlich im Ausnahmefall auch dem Gelderwerb.
Gegen Letzteres spricht, dass mit engagierter Arbeit kaum eine geldadäquate Kompensation für den Verlust von Lebenszeit geschaffen werden kann. In dieser Erkenntnis haben sich auch alle Glücksritter und Geldexperten frühzeitig den Spekulationsgeschäften zugewandt. Sie nehmen dabei billigend in Kauf, dass sie außer Angst, Schweiß und Tränen für diese Form des Gelderwerbs nichts leisten, sie nehmen weiter billigend in Kauf, dass das Gewonnene sofort wieder verrinnt. In diesem Spiel des Lebens kennen Sie sich aus und kommen daher auch nicht auf die Idee, die Arbeit als einen schlichten Prozess der Daseinsvorsorge zu begreifen.
Arbeit hat ihre wahre Bedeutung im gemeinsamen Tun. Hier gewinnt die Arbeit an Statur. Arbeit als Kampfmittel. Arbeit als Protz und Selbstbehauptung. Arbeit als moralische Herausforderung. Arbeit als Wirtschaftsmotor. Arbeit als Glücksspender. Arbeit als Verbindungsglied zwischen Genossen, Kommunisten und Gewerkschaftern. Arbeit als etwas Grundlegendes. Ein institutionelles Menschenrecht. Die Verletzung des Arbeitsrechts würde zur Verweigerung führen. Keiner käme ungestraft auf die Idee, dass es heute noch eine Arbeitspflicht geben könnte, dass also jeder Einzelne einer Gemeinschaft für seine eigene Beschäftigung im Sinne des Lebenserhalts sorgen müsste. Hierfür haben wir Staat, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände.
Das ist nützlich. Das ist bequem und dient dem Profit. Ist es nicht mehr profitabel, ergeben sich Konflikte. Die Arbeit ist unerwünscht. Sich loszusagen von der Arbeit ist allerdings schwer. Hinter dem Träger der Arbeitsleistung steht schließlich ein Mensch, der, wenn er ohne Arbeit ist, nicht nur ungerecht behandelt wird, sondern auch der Gemeinschaft zur Last fällt.
Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los (Goethe, Zauberlehrling). Der Tarifvertrag, die Dienstordnung und das Kündigungsschutzgesetz sind die ‚Grundlagen-Dokumente‘ unseres Kamikazebetriebes. Es besteht aber die moralisch-ethische Verpflichtung des Arbeitgebers, das von ihm durch seine Beschäftigung und deren Beendigung geschaffene Vakuum zu füllen. Was denn sonst? Der Arbeitnehmer ist doch nicht zynisch, er hat nur Angst. Der Arbeitgeber ist möglicherweise zynisch, allerdings hat er in aller Regel weder Angst, noch will er schaden. Der Arbeitgeber hat nach einiger Zeit einfach die Nase voll. Erwerbsprozesse orientieren sich im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht nur an Angebot und Nachfrage. Der Erwerbsprozess ist auf die Qualifizierung der Güterverteilung und der Daseinsvorsorge angelegt, sowohl was die Grundversorgung als auch die Dienstleistung angeht. Daher sollte jeder, der noch arbeitet, daran denken, dass er dies weder für seinen Verband tut noch für den Arbeitgeber oder den Konsum, durch den er die Wirtschaft nach Auffassung bestimmter Volksverführer wieder ankurbeln soll.
Der Mensch könnte getrost von seinem Ofen steigen und arbeiten, weil er daran Gefallen findet, weil er für sich und seine Familie arbeitet, weil er das Risiko schätzt und wach bleibt.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski