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Sozialblick

Nehmen wir zum Beispiel einmal an, eine ältere Person überquert mit dem Rollator langsam eine Straße, hat aber dann Schwierigkeiten, die Kante des Bürgersteigs mit dem Gerät zu überwinden. Nehmen wir einmal weiter an, eine schwangere Frau mit einem Kleinkind an der Hand besteigt die U-Bahn. Im letzteren Fall, keiner steht auf, im ersten Fall, keiner hilft. Es liegt nahe anzunehmen, dass unsere Gesellschaft immer mehr verroht und Gefühlskälte die Menschen davon abhält, dort einzugreifen, wo es erforderlich ist. Das kann, muss aber nicht zwangsläufig sein. Ausschlaggebend könnte auch sein, dass sich der soziale Blick verändert hat und Teilnehmer am öffentlichen Leben die Nöte und Probleme anderer Menschen nicht mehr oder nur eingeschränkt wahrnehmen.

Als ich im Winter eine junge Frau dabei beobachtete, wie sie ihre Stiefel auf die gegenüberliegende Sitzbank der S-Bahn stellte, sprach ich sie an und wies darauf hin, dass dort möglicherweise später jemand sitzen würde und es für diesen sicher nicht angenehm wäre, im mutmaßlich hinterbliebenen Schmutz der Stiefel zu sitzen. Die junge Frau reagierte erschrocken, nahm sofort ihre Stiefel vom Sitz und murmelte: „Entschuldigung, ich habe das nicht gemerkt.“

Viele Beispiele in dieser oder in anderer Form kenne ich und sicher jeder Leser auch. Die junge Frau in meinem Beispiel war in die Nachrichten ihres Smartphones vertieft, andere ebenfalls in irgendwelche Messages oder Musik. Die sozialen Medien verlangen Aufmerksamkeit und nehmen ihre Nutzer so gefangen, dass sie Vorkommnisse in der Realität außerhalb des eigenen Kommunikationsbereichs gar nicht oder nur eingeschränkt wahrnehmen können. Durch die Verengung des Blicks auf das Gerät verengt sich auch der Bereich des sozialen Schauens.

War es früher so, dass alle Menschen mehr oder minder neugierig in der U-Bahn waren oder die Straße entlanggingen, um etwas zu erfahren, zu beobachten oder auch zu kommunizieren, hat sich heute der Blick nach innen gewandt. Selbst dann, wenn die interaktive Kommunikation mit oder über den Apparat gerade nicht erfolgt, verändert sich der Blick nicht. Der Blick bleibt nach innen gewandt, Gedanken und Gefühle bei der letzten WhatsApp-Nachricht oder einer bevorstehenden Instagram-Aktionsrunde. Es ist also keine persönliche Gedankenlosigkeit oder Böswilligkeit des Verkehrsteilnehmers im öffentlichen Bereich, sondern der Verlust der Möglichkeit, den sozialen Blick zu schärfen, zu erkennen und zu reagieren.

Wenn die Realität allerdings nur eingeschränkt eine Rolle spielt, besteht die Gefahr, auch dann nicht reagieren zu können, wenn unvermutet Dinge geschehen, die eine Selbstgefährdung nicht ausschließen. Der Verlust oder die Einschränkung des sozialen Schauens ist ein Gefährdungstatbestand, der weitreichende Konsequenzen in allen menschlichen Bereichen, kognitiv, emotional und psychisch haben kann. Wir müssen den sozialen Kommunikationsverlusten entgegenwirken und Smartphones nicht als Lebens- sondern allenfalls als Ergänzungsinstrumente begreifen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski