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Tradition

Unserem Zeitverständnis entsprechen die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Deshalb ist es schwer, in bestimmten wesentlichen Fragen des Zusammenlebens auf unserem Planeten eine Übereinstimmung zu finden. Wenn die Zukunft eine geringe oder überhaupt keine Rolle spielt, können Klimakrisen, Naturkatastrophen, überhaupt Szenarien, mit der sich unsere Kinder und Enkelkinder auseinanderzusetzen haben, in keiner Weise aufschrecken.

Das mangelnde Verständnis für die Zukunft führt konsequent zur eingeschränkten Tätigkeit in der Gegenwart. Alle Kulturen fühlen sich zwar aufgerufen, die Gegenwart zu gestalten, aber mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Während zukunftsgewandte Kulturen die kommenden Generationen mit bedenken, bedienen sich Kulturen, bei denen nur Vergangenheit und Gegenwart zählen, der überlieferten Erfahrungen als Instrument der Gegenwartsbewältigung.

Die Vergangenheit ist sicher ein guter Lehrmeister, wenn es darum geht, aus Irrtümern und Fehlern Schlüsse zu ziehen und zu lernen, wie alles besser gemacht werden könnte. Wenn allerdings die Vergangenheit nur die Blaupause für die Gegenwart darstellt im Sinne einer Selbstvergewisserung, dass unsere Väter und Mütter schon die richtigen Entscheidungen getroffen hätten und auch alles gut gegangen sei, so verkennt diese Betrachtungsweise, dass sich Gegenwart und Zukunft ohne Rücksicht auf vergangene Gewissheiten entwickeln wird.

Klimakrisen, wie die derzeitige, gab es in der Weltgeschichte zwar auch schon, waren aber von Menschen nicht erlebbar, weil sie noch nicht vorhanden waren. Schon eine agrarisch geprägte Menschengesellschaft entsprach nicht mehr einer Gesellschaft zu Zeiten der industriellen Revolution und diese ist auch nicht mit unserer heutigen vorwiegend digital geprägten Gesellschaft vergleichbar. Wer aus der Tradition nicht das Bemühen um Zukunft abzuleiten vermag, wird vermutlich scheitern.

Darin besteht zudem das heute erkennbare Problem fundamentalistischer Religionen, denn sie verschließen sich der Zukunft. Das Christentum hat offensichtlich ein anderes Zeitverständnis und bedient sich der Tradition als Versicherung der Zukunft der Menschen auf dem Weg zu ihrer Erlösung. Insofern sind christliche Religionen in der Regel zukunftsgewandt und könnten versucht sein, Phänomene, wie die Digitalisierung in den religiösen Vorstellungskodex zu integrieren.

Das Problem dabei ist allerdings, dass Religionen, die generell keine weiteren Götter zulassen, eine große Konkurrenz in gottähnlichen Avataren haben, die sich im Internet entwickeln könnten. Die christliche Religion überzeugt den Menschen davon, dass der Mensch Gottes Werk sei und ihm alle Eigenschaften verliehen sind, die ihn zum Menschen machen einschließlich Sprache, Emotionen und Handlungsweisen.

KI, AI, Chatbots und jedes roboterähnliche Wesen verweisen auf eine Schöpfungsgeschichte, die den Menschen selbst ermächtigt und eine religiöse Vergewisserung unnötig macht. Während christliche Religionen noch hilflos mit dieser ungenauen Zukunft umgehen, haben traditionalistische Religionen sich zur Unterdrückung und Abwehr entschieden. Traditionell haben alle Religionen und Kulturen etwa das gleiche Verständnis vom Menschen, unterscheiden sich aber fundamental in der Gegenwarts- und Zukunftsbetrachtung.

Die Zukunft zu begreifen ist aber unerlässlich, um in der Gegenwart so zu handeln, dass unsere Kinder und Enkelkinder eine Zukunft haben. Trotz allem kulturellen Verständnis ist die Zukunft kein religiöses oder philosophisches Phänomen, sondern sehr real.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski