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Wozu

Manche von uns kennen noch die lateinische Ermahnung: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Kaum einer von uns hat während der Schulzeit für diesen Spruch Verständnis aufbringen können, denn wie sollten wir begreifen, dass das, was wir lernen für unser Leben Nutzen haben sollte? Diese Erkenntnis kam erst später. Beispielsweise ist es sehr nützlich, Gedichte und Lieder zu kennen, wenn man einmal längere Zeit im Stau steht oder seine Kinder beruhigen will. Der mahnende Spruch ist so wahr, dass es verwundert, dass er kaum eine allgemeinere Geltung erfahren hat.

Nicht für den Dienstherrn oder unsere Konsumfähigkeit arbeiten wir, sondern für das Leben. Angesichts der Realität erscheint diese Meinung aber als eine Form der Provokation. Die meisten von uns arbeiten, um Geld zu verdienen und ihr Vermögen zu mehren. Dass dies sinnvoll und erforderlich ist, bestreitet wohl niemand. Wir haben Verpflichtungen und diese sind ohne Geld nicht zu erfüllen. Ohne Arbeit ist dies in der Regel nicht möglich.

Aber, Gelderwerb und auch Vermögensaufbau haben sich jedenfalls nach meiner Einschätzung vom Leben sehr weit entfernt. Wir haben gesellschaftliche Prioritäten gesetzt und diese Prioritäten bestimmen unser Denken und Handeln. Wer nicht arbeitet, erfolgreich ist und kein Geld verdient, ist nichts wert. Wir prahlen mit unserer durch Geld erworbenen Verfügungsmacht, den Möglichkeiten des Konsums und der Ordnung.

Kaum vorstellbar erscheint es uns, dass Menschen früher einmal anders gelebt haben, sich während ihres Lebens an der Natur, den Zufällen und neuen Möglichkeiten ausbildeten. „Für das Leben lernen wir“ bedeutet, dass wir offen sind für alles Neue und uns einstellen können auf Veränderungen und unbekannte Erfahrungen. Das Leben ist reich an Möglichkeiten, sich zu verändern, eigenes Denken und Handeln zu überprüfen und Wagnisse einzugehen. Nicht erst die Arbeit und dann das Vergnügen, sondern das Vergnügen mit anderen Menschen teilen und eigene Möglichkeiten entdecken, sollte unser Handeln bestimmen.

Ich glaube, unsere daraus erwachsene Zuneigung gegenüber dem Leben anderer Menschen könnte die Stagnation eines Ich-bestimmten, aber misstrauischen Erwerbsprozesses überwinden helfen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski