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Gemeinsinn

Jeder Autofahrer macht die Erfahrung, dass sich sein Vordermann nur an seinem eigenen Fortkommen interessiert zeigt. Kurz vor der Ampel stoppt er nochmal, um dann bei gelb-rot die Kreuzung zu queren. Der Hintermann muss stehen bleiben. An der nächsten Kreuzung setzt der Vordermann keine Lichtzeichen, sondern blockiert die ihm Nachfahrenden durch zögerliches Abbiegen in die kreuzende Straße nach links.

Hundehaufen mitten auf Gehwegen sind ebenso bleibende Ärgernisse, wie Rauchen auf U-Bahnhöfen und lärmende Bässe in öffentlichen Parks oder Wohnungen. Jeder Bürger hat hier seine individuelle Liste von Vorkommnissen, die ein gemeinschaftswidriges Verhalten von Mitmenschen belegen. Keiner ist beileibe frei davon, sondern wird oft selbst zum Täter und sei es nur aus Rache für das Verhalten anderer. Aber, worauf beruht dieses Verhalten? Ist es die Absicht, andere zu schädigen oder Gleichgültigkeit?

Es ist schwer, für den Menschen die Gemeinschaft, auf die er angewiesen ist, wirklich auch zu ertragen. Er muss Kompromisse eingehen und lernen, auch dann Ruhe zu bewahren, wenn Vorkommnisse gegen sein eigenes Gerechtigkeitsgefühl verstoßen. Es gibt soziale Hierarchien, auch wenn wir dies gern verschweigen würden. Menschen, die ständig mit anderen Menschen in bedrängten und bedrängenden Situationen konfrontiert werden, müssen mehr soziale Konflikte ertragen, als diejenigen, die sich durch Geld und den damit verbundenen Annehmlichkeiten freikaufen können.

Die sozialen Konflikte, die sich in Alltäglichkeiten ausdrücken, breiten sich im großen Umfange aus und impfen unsere Gesellschaft mit einer sich stets erneuernden Unzufriedenheit. Da hilft es leider wenig, stets unser wunderbares wirtschaftsmächtige Land zu beschwören, sondern es ist erforderlich, die Perspektive auf ein prosperierendes Miteinander in Freiheit, Ausgleich und Rücksichtnahme zu lenken. Der Bürgersinn kommt nur da zum Tragen, wo er auch belohnt und kontrolliert wird. Von allein geschieht nichts, weder auf der Straße, noch im Verhältnis zwischen Jung und Alt, Reich oder Arm.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski