Schlagwort-Archive: Gentrifizierung

Null Toleranz

Kann sich noch jemand daran erinnern, in welchem Zustand sich New York Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts befand? Nein? Die Stadt drohte zu verwahrlosen. Alle Regeln des menschlichen Zusammenlebens schienen außer Kraft gesetzt. Die Polizei war machtlos angesichts der sich häufenden Verbrechen, Gewalttätigkeiten und Drogendelikten. Es häufte sich auch der Müll nicht nur im Central Park. Die Stadt schien mit bröckelnder Fassade eher auf eine Apokalypse, anstatt auf eine blühende Zukunft zuzutreiben. New York ist aber nicht untergegangen. Trotz aller Herausforderungen an eine sehr große Stadt, Gentrifizierung, Turbokapitalismus und unendlichen Problemen bei der Erhaltung der innerstädtischen Kommunikationswege.

Die Stadt ist wieder da. Sie ist großartig und liebenswert. Im Central Park gibt es keine freilaufenden Hunde, aber ein Sonderterrain für Hunde, keine überfüllten und halb entleerten Papierkörbe, umhertreibende Restbestandteile von Partys, wenig Ruhestörung, stattdessen Erhaltung und Erneuerung der Stadt, wohin man schaut.

Null Toleranz. Diese kurze Formel erfunden von dem früheren Bürgermeister Giuliani war das Rezept, das heute noch wirkt. Dabei ging es nicht darum, die Vielfältigkeit einer Stadt anzutasten, sondern gerade diese Vielfältigkeit zu erweitern durch Respekt und Toleranz, aber auch Einhaltung von Regeln. Dies ist für die Entwicklung jeder Gemeinschaft, ob Stadt, Land, Dorf von entscheidender Bedeutung. Es gibt Regeln, die wir strikt einhalten müssen, ob als Autofahrer, als Radfahrer oder Fußgänger, als Nachbar, als Eigentümer oder Obdachloser, als Christ, Muslime oder Jude, als hier Geborener oder Hierhergekommener, als Tourist oder Einheimischer. Null Toleranz gegen Übertretung unserer Regeln.

Wir müssen an Erfahrung gewinnen, dass diejenigen, die Regeln erlassen haben, diese auch durchzusetzen bereit sind. Wir müssen erfahren, dass es für uns besser ist, diese Regeln nicht zu missachten, sondern sie für uns aus eigener Überzeugung zu verinnerlichen. Wir müssen uns einmischen, wenn wir glauben, dass Regeln überprüft, verändert, erweitert oder abgeschafft gehören. Aber solange diese Regeln und Gesetze gelten, sind auch sie für uns verbindlich. Nur, indem wir auch anderen zeigen, dass wir bereit sind, diese Regeln zu achten, werden wir die noch Unentschlossenen dafür gewinnen, dies ebenso zu tun, sei es aus Pragmatismus oder Überzeugung.

Nicht nur eine Großstadt wie Berlin benötigt diese Regeln, wobei für Berlin zu prognostizieren ist, dass bei fehlender Umsetzung eines Programms zur Einhaltung von Regeln, diese Stadt über kurz oder lang sich mit den gleichen Problemen konfrontiert sieht, wie es New York in den 80er/90er Jahren tat. Es wäre schade um Berlin, eine Stadt, die dann zwar noch arm, aber nicht mehr sexy, sondern nur noch problematisch wäre. Deshalb sollten Politiker und wir alle Verantwortung für die Einhaltung unserer Gesetze und Regeln übernehmen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski