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„Politisch korrekt“

Wenn ich, einmal abgesehen vielleicht von Straßenfeger und Motz, die Zeitungen aufschlage oder überhaupt dem gesamten medialen Ansturm trotze, stelle ich verblüfft fest, dass dort die Menschen überhaupt nicht vorkommen, denen ich täglich in der U- und S-Bahn begegne. Weniger, dass es mich erschreckt, aber deshalb umso wichtiger für mich ist es zu sehen, dass viele von diesen Menschen überfordert, abgestumpft, kindisch, unbeholfen, überfettet, rücksichtslos, gelegentlich insgesamt verwahrlost wirken. Und, das ist ein großer Teil, nicht ein kleiner Teil unserer Bevölkerung, den diejenigen nicht kennenlernen und auch nicht kennenlernen wollen, die es vorziehen, sich möglichst nicht auf der Straße zu bewegen, insbesondere nicht die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Aber diese, von mir beschriebenen Menschen, gibt es.

Es ist auch kein Geheimnis. Diejenigen, die wie ich, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, unterhalten sich gelegentlich darüber. Nicht, um ihre Abscheu über diese Menschen zum Ausdruck zu bringen, sondern ganz im Gegenteil, darüber nachzudenken, was in unserem Gesellschaftssystem falsch läuft, dass ehemals Kinder, die mit so großem Enthusiasmus in die Welt gekommen sind, eine derartige Beeinträchtigung Ihres Lebens erfahren müssen. Politisch korrekt sind meine Aussagen sicher nicht. Sie werden infolgedessen auch mit Sicherheit heftig angegriffen werden, auch von denjenigen, die von sich meinen, meiner Beschreibung zu entsprechen. Aber auch diejenigen werden mich angreifen, die an dem Status quo überhaupt nichts ändern wollen. Denn die Menschen, so wie sie jetzt sich präsentieren, sind willfährig, kaum geneigt zur Revolte gegen ihre miserable Situation. Schuld an diesem Elend ist nicht nur soziale Kälte, wie sie oft schlagwortartig beschrieben wird, sondern die Perspektivlosigkeit des Menschen. Als Konsument, als Steuerzahler ist er tauglich. Das reicht dem Staat und der Wirtschaft. Der Medienindustrie ist er tauglich, ebenfalls als Konsument auf Augenhöhe. Möglichst Sitcoms, um keine Herausforderungen entstehen zu lassen. Um die Ruhe zu halten, wird belohnt und wieder belohnt, entweder durch Konsumgüter, die der Belohnte selbst kaufen muss oder das von ihm erworbene Genussgut, welches sein Gemüt besänftigen soll. Natürlich muss der Genuss gesteigert werden, aber zwischen jeder schon verbrauchten Droge und der künftigen klafft ein Entzugsmoment. Der Mensch erkennt, dass sich an seinem Leben nichts ändert, er nicht wirklich bereichert wird, sondern einfach nur so für sich dahinlebt. Als Kind hätte er sich gegen diese Wahrnehmung vehement gestemmt und für sich Perspektiven eingefordert. Jetzt, als erwachsener Mensch nimmt er das Geschehene hin. Was wäre zu tun? Zunächst den Menschen, insbesondere den jungen Menschen aus dieser Abhängigkeit herauszunehmen. Ihm zu verdeutlichen, dass er ein selbstbestimmtes Leben führt und Konsum nicht sein größtes Glück sein kann. Das müsste der Kern des Bildungsauftrages sein. Weiter müsste der Überforderung durch Unterforderung entgegengewirkt werden. Die Nivellierung auf unterem Niveau fördert zunächst nur die Bequemlichkeit, dann aber die Apathie. Ein Mensch, der nicht gefordert wird, strengt sich irgendwann auch nicht mehr an. So wird insbesondere der junge Mensch verkannt. Der ist nicht nur leistungsfähig, sondern leistungsbereit. Er braucht Vorbilder und Leistungsanreize, die es ihm ermöglichen, seine gesamten Potentiale anzubieten. Da ist die Gesellschaft gefordert, die den Staat in die Pflicht nimmt und ihm auferlegt, nicht durch Kindergarten und Schulreglementierung einen willfährigen Staatsbürger zu formen, sondern einen grundgesetzkonformen Rebellen, der für sich uns eine Mitmenschen die Schutzwürdigkeit der Würde jedes einzelnen Menschen als Auszeichnung und mit Stolz annimmt.

Der freie Mensch akzeptiert die Regeln der Gesellschaft und die Gesetze, gestaltet aber gleichwohl seine Räume mit selbst und verzichtet auf die scheinbaren Wohltaten der Abhängigkeit vom Staat und seinen Trägern. Der freie Mensch hat nicht nur Freude an seinem Leben, sondern bereichert durch seinen Schöpfungswillen auch unser Leben. Selbst, wenn er den augenblicklichen Konsum abschüttelt, wird er gerade deshalb in der Lage einerseits einzusparen, andererseits neue Wege des gesellschaftlichen finanziellen Ausgleichs zu finden, der alle bereichert, auch diejenigen, die heute noch mit Macht eine derartige Entwicklung verhindern wollen, damit ihre eigene Überlegenheit nicht in Gefahr gerät. Es sollten alle Schlüsse aus dem öffentlichen Nahverkehr ziehen, bevor es gänzlich vorbei ist mit der Gemütlichkeit.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski