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Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!
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So heißt es im „Abendlied“ von Matthias Claudius. Schlaf als Bitte für sich und andere. Verständlich, wenn man bedenkt, was Schlaf zu bewegen vermag. Schlaf erfrischt, schlaf heilt, schlaf verarbeitet Erlebtes zu handhabbaren Mustern, behütet den Erwachenden von den gleichen Fehlern des Vortages und schont damit andere auch.
Finde ich nicht mehr in den Schlaf, fürchte Strafen nicht und ist mir auch mein Nachbar völlig gleichgültig, dann lebe ich in der Zumutung einer Freiheit, die Konsequenzen hat. Ich darf mich auf Kosten anderer bereichern, ohne eine soziale Stigmatisierung befürchten zu müssen. Bedenklicher ist, dass auch der schamloseste Missbrauch der mir anvertrauten Macht Bewunderung auslöst. Ich fördere künftig nur denjenigen, der mir nützt und investiere auch nur dort, wo ich mit einem Gewinn rechnen kann. Von wegen Gier. Ich bin doch nur Realist.
Es ist so einfach, sich vor sich selbst zu rechtfertigen ohne abwägen zu müssen zwischen eigenem Verhalten und mitmenschlicher Herausforderung. Es ist so einfach, anderen die Schuld für ihr missglücktes Leben allein zuzuweisen, wie von den Schwächeren die Stärkeren oft für ihr eigenes Missgeschick verantwortlich gemacht werden.
Es ist leicht zu durchschauen, wenn wir nur so tun, als ging uns das Leid anderer Menschen etwas an. Es ist ein geringes Opfer und zeugt oft von großer Eitelkeit, etwas zu spenden, dies zu publizieren und dabei zu verschweigen, dass es doch eher um steuerliche Vorteile geht. Gesellschaftliche Verantwortung kann man nicht erzwingen, auch nicht durch angeordnete Umverteilung. Der Weg dorthin führt nur über Patriotismus und die Bereitschaft, Vorbild zu werden, um mit Demut sich zuzumuten, anderen Menschen den Schlaf zu ermöglichen und sie dabei vor Schlimmem zu behüten.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski