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Zumutung als Herausforderung

(…)
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!
(…)

So heißt es im „Abendlied“ von Matthias Claudius. Schlaf als Bitte für sich und andere. Ver­ständlich, wenn man bedenkt, was Schlaf zu bewegen vermag. Schlaf erfrischt, schlaf heilt, schlaf verarbeitet Erlebtes zu handhabbaren Mustern, behütet den Erwachenden von den glei­chen Fehlern des Vortages und schont damit andere auch.

Finde ich nicht mehr in den Schlaf, fürchte Strafen nicht und ist mir auch mein Nachbar völlig gleichgültig, dann lebe ich in der Zumutung einer Freiheit, die Konsequenzen hat. Ich darf mich auf Kosten anderer bereichern, ohne eine soziale Stigmatisierung befürchten zu müssen. Bedenklicher ist, dass auch der schamloseste Missbrauch der mir anvertrauten Macht Bewunderung auslöst. Ich fördere künftig nur denje­nigen, der mir nützt und investiere auch nur dort, wo ich mit einem Gewinn rechnen kann. Von wegen Gier. Ich bin doch nur Realist.

Es ist so einfach, sich vor sich selbst zu rechtferti­gen ohne abwägen zu müssen zwischen eigenem Verhalten und mitmenschlicher Herausfor­derung. Es ist so einfach, anderen die Schuld für ihr missglücktes Leben allein zuzuweisen, wie von den Schwächeren die Stärkeren oft für ihr eigenes Missgeschick verantwortlich ge­macht werden.

Es ist leicht zu durchschauen, wenn wir nur so tun, als ging uns das Leid ande­rer Menschen etwas an. Es ist ein geringes Opfer und zeugt oft von großer Eitelkeit, etwas zu spenden, dies zu publizieren und dabei zu verschweigen, dass es doch eher um steuerliche Vorteile geht. Gesellschaftliche Verantwortung kann man nicht erzwingen, auch nicht durch angeordnete Umverteilung. Der Weg dorthin führt nur über Patriotismus und die Bereitschaft, Vorbild zu werden, um mit Demut sich zuzumuten, anderen Menschen den Schlaf zu ermög­lichen und sie dabei vor Schlimmem zu behüten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

ARBEITSMARKT (Teil 1)

Der Arbeitsmarkt orientiert sich an dem herzustellenden Produkt. Die frühe Produktionsgesellschaft war individualistisch geprägt. Die von Individuen bestimmte Erwerbsgesellschaft wurde erst modifiziert im Zeitalter der maschinell verfahrenden, seriellen Fertigung von Produkten. In patriarchalisch geführten Betrieben versuchte der Dienstherr, die Übersicht zu wahren und seinen Mitarbeitern Fürsorge angedeihen zu lassen. Das familiäre Prinzip war damit nicht durchbrochen.

Mit der Massenvergesellschaftung der Arbeit indessen war die Bindung auf Dauer nicht mehr möglich, sondern dem Kollektiv der Arbeiter wurden die Arbeitsabläufe vorgegeben, ohne dass es auf diese Strukturen noch irgendwelchen nennenswerten Einfluss gehabt hätte. Die Tätigkeit eines Fließbandarbeiters oder einer Fließbandarbeiterin ist dafür ein beredtes Beispiel. Die Gleichförmigkeit der Beschäftigung machte Arbeiter und Arbeiterinnen im Prinzip austauschbar.

Auch heute noch ist der arbeitende Mensch in der Regel kollektiv bestimmt, das heißt er stellt sich darauf ein, genormte Arbeitserwartungen erfüllen zu müssen. Für den Dienstherrn, der heute in der Regel weit weg von den Produktionsabläufen selbst seine Übersicht zu wahren sucht, bedeutet dies keine Einschränkung wirtschaftlicher Vorhaben, sondern Gestaltungssicherheit bei der Verfolgung der Unternehmensziele. Im Zuge dieses Transformationsprozesses haben sich nicht nur die Arbeiter von ihrer Arbeit entfremdet, sondern auch die Unternehmensführer von dem Produkt des Unternehmens.

„Shareholder“ und ihre Sachwalter sind heute vorwiegend renditeorientiert und nehmen die Gesellschaft und ihre gesellschaftliche Verantwortung, den Betrieb und dessen betriebliche Verantwortung nur im Rahmen der von Beratern konzipierten Betriebsverfassung und etwaiger Marketingstrategien wahr. Dabei herrscht kein böser Wille, sondern das Verhalten der Verantwortlichen   folgt der   bisherigen Erfahrung, dass betriebliche Abläufe zwar evaluiert, aber in ihrer Konfiguration nicht nachhaltig verändert werden können.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski