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Paradigmenwechsel

1961 rief John F. Kennedy seine amerikanischen Landsleute auf, nicht zu fragen, was ihr Land für sie tun könne, sondern zu prüfen, was sie für ihr Land tun können. Der Bundespräsident Roman Herzog forderte in seiner berühmten Adlon-Rede 1997, dass ein Ruck durch Deutschland gehen möge und er erwarte, dass sich sämtliche gesellschaftlichen Kräfte einschließlich der Politik in diese Richtung bewegen.

Diese Zitate haben viele Ansprachen garniert, aber eine gesellschaftliche Verinnerlichung ist bisher nicht erkennbar. Das ist bei einer Vorteilsgesellschaft, die stark davon geprägt ist, Ansprüche zu stellen und auch zu realisieren, um die eigene Existenz zu sichern und auszubauen, auch nicht passend. Es sollte aber bedacht werden, dass sich Gesellschaften weiterentwickeln und bisherige Gesellschaftsmodelle entweder versagen oder ausgedient haben können.

Die gängigen Lebensbewältigungsmethoden enthalten kein Fortschrittsversprechen. Bedenken wir, dass ein weit verbreitetes Anspruchsverhalten immer weitere Ansprüche generiert, die trotz eines hohen Sättigungsgrades an ertrotzten Zuwendungen nicht zur Befriedigung der Anspruchsteller führen wird. Sollten wir in der Lage sein, dies zu erkennen, wäre ein Paradigmenwechsel dahingehend angezeigt, dass wir das „Geben“ statt des „Nehmens“ als gerecht empfinden, und diese Erkenntnis als Rechtsgewährungspflicht ohne Rücksicht auf jegliche Anspruchsstellung ausformulieren.

Da sich im Nehmen, wie im Geben alle Menschen gleich sein könnten, würde die Änderung der Sichtweise viele neue Möglichkeiten eröffnen, die sich nicht in der Reaktion auf Anspruchsstellungen erschöpfen würde. Im privaten Bereich könnten z. B. erbrechtliche Zuwendungen unter dem Blickwinkel der Notwendigkeit einer Absicherung der Nachkommen neu bedacht werden. Früher durchaus geläufige Allmende-Erfahrungen könnten wiederbelebt und strukturell neu genutzt werden. Das Streben nach eigenen Vorteilen könnte einer günstigeren Erfahrung des gemeinsamen Gewinns unter Einsatz aller dazu zur Verfügung stehenden Ressourcen Platz machen.

Die Organisationsformen, seien diese Stiftungen, Genossenschaften oder Gesellschaften mit gebundenem Vermögen, stehen zur Verfügung. Sie könnten nicht nur in einem Land, sondern grenzüberschreitend entwickelt werden und über den kommunalen bis in den persönlichen Bereich hinein wirken. Es könnten die Instrumente für ein generationenübergreifendes Miteinander im Wohnquartierbereich bis hin zur Generationenbank auf eine sehr praktische Art und Weise umgesetzt werden.

Die Vorteile für ein nachhaltiges Wirtschaften im Interesse der Menschen, der Tiere, der Natur allgemein, zur Lebensverbesserung und zum Klimaschutz liegen auf der Hand. Diese Verhaltensweise ist im Gegensatz zu fast allen bekannten bisherigen Lebensverwirklichungsformen nicht mit Ideologien befrachtet, sondern speist ihre Rechtfertigung ausschließlich aus dem gleichberechtigten, pragmatischen Verhalten aller Teilnehmer bzw. Stakeholder. Wir können es uns erlauben, etwas für unser Land, für die Natur und andere Menschen zu tun. Wir haben die Kraft und die Fähigkeit dazu und können schließlich Freude daran haben. Möge der Ruck gelingen!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski