Schlagwort-Archive: Gewerkschaften

Team

Lasst uns ein Team bilden! Teambuilding ist in der Moderne eine so selbstverständliche Anforderung an eine Verhaltensweise, die – wie zum Beispiel zum Thema „Gendergerechtigkeit“ – keinen Widerspruch zulässt. Wer in einer bestimmten Situation nicht für Teambuilding ist, sondern seinen eigenen Weg gehen will, muss sich vergegenwärtigen, als Ausgrenzer gebrandmarkt zu werden. Nicht stets andere Menschen mit „an Bord zu nehmen“, sondern diese vielleicht sogar abzuweisen, gilt oft als sozial bedenklich. „Gemeinsam sind wir stark“, „we work“, „kooperatives Handeln“ oder „WeQ statt IQ“.

An unserem gemeinsamen Handeln werden wir gemessen, ob in Betrieben, Kultureinrichtungen und sogar privat. Die moderne Form der Teilhaberschaft wird begründet mit ihrem Mehrwert, ihrer demokratischen Legitimation, Inklusion und sozialer Verantwortung. Sie findet ihre Bestätigung in Vereinen, Verbänden, Selbsthilfegruppen und Gewerkschaften.

Neu ist das natürlich nicht. Waren es früher Brigaden oder Volksgemeinschaften, formieren sich heute wieder Gruppen oder Teams, deren Verhalten auf ein gemeinsames Ziel gerichtet ist. Ein solches Verhalten kann wirkungsmächtig sein. Zu befürchten ist allerdings, dass es auch Widersprüche verhindert, Kreativität lähmt und persönliche Verantwortung unterbindet. Deshalb sollte sich jede teambildende Gemeinschaft einem Regelwerk stellen, welches Widerspruch zulässt und niemanden ächtet, der eigene Wege geht, den Nutzen abwägt und sich dem Team verweigert.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zwischenwelten

Wenn wir etwas von Zwischenwelten hören, denken wir fast zwangsläufig an Science-Fiction-Geschichten. ´Zwischenwelten´ ist ein nicht ganz fassbarer Ort, unkonkret, gefährlich und mächtig. Genau so aber verhält es sich mit Zwischenwelten, die wir kennen und von denen wir wissen, dass sie sich in unserem Alltag komfortabel eingerichtet haben. Die Rede ist von Organisationsformen, wie Gewerkschaften, Parteien und Glaubensgemeinschaften. Deren Einfluss auf unsere Gesellschaft ist unbestreitbar und wird täglich erlebt. Fraglich ist jedoch deren Legitimation.

Die genannten Institutionen sind Vereinen ähnlich, aber in ihrer Wirkung greifen sie weit über ihre eigene Mitgliederstruktur hinaus. Gewerkschaften engagieren sich nicht nur für Arbeitsbedingungen, Gehaltserhöhungen und die Freizeit ihrer Mitglieder, sondern vermögen auch Regelungen für diejenigen zu treffen, die weder Mitglieder sind, noch persönlich beabsichtigten, die Interessensvertretung zu legitimieren.

Meist mit, aber auch gegen den Willen Einzelner können Tarifverträge nicht nur ausgehandelt, sondern auch verbindlich mit Arbeitgebervertretern abgeschlossen werden. Gewerkschaften sind keine staatlichen, auch keine halbstaatlichen, individuellen oder kollektiv privaten Einrichtungen, sondern intermediäre Interessensvertretungen, die ihre Legitimation von grundrechtlich geschützten Interessen ableiten.

Ähnlich verhält es sich mit Parteien. Auch sie verpflichten nach Wahlen unsere Gesellschaft zu einem Verhalten, das nicht davon abhängt, ob wir Parteimitglieder sind oder nicht. Sind sie mehrheitlich gewählt, nehmen sie auch Minderheiten in die Haft für ihr Programm. Dies geschieht ohne Ansehung persönlicher Interessen oder staatlicher Verfasstheit. Parteien bedienen sich dieser Einrichtungen, allein aufgrund ihrer Legitimität.

Auch Kirchen und Glaubensgemeinschaften greifen in ihrer Wirkungsmacht stets weit über die Individualität des einzelnen Gläubigen und der durch sie verfassten Institution hinaus. Sie halten sich allgemein für Daseinsfragen und auch des Jenseits für zuständig und rechtfertigen sich weder durch Mitgliedschaften, noch Zustimmung. Auch sie sind intermediäre Einrichtungen, Teil einer Zwischenwelt, deren Legitimität nicht zur Überprüfung gestellt wird.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Arbeit

Läge er nicht so faul wie Oblomow auf dem Ofen, würde der Mensch etwas tun. Es wäre daran zu denken, dass der Mensch arbeitete, um sich zu beschäftigen, sozusagen als spezielle Form der Therapie. Arbeit könnte auch Ablenkung bedeuten, vor allzu viel Nachdenken über den Sinn des Lebens. Möglicherweise erfüllt die Arbeit auch erotische Wünsche, verdeckt andere Motive und dient schließlich im Ausnahmefall auch dem Gelderwerb.

Gegen Letzteres spricht, dass mit engagierter Arbeit kaum eine geldadäquate Kompensation für den Verlust von Lebenszeit geschaffen werden kann. In dieser Erkenntnis haben sich auch alle Glücksritter und Geldexperten frühzeitig den Spekulationsgeschäften zugewandt. Sie nehmen dabei billigend in Kauf, dass sie außer Angst, Schweiß und Tränen für diese Form des Gelderwerbs nichts leisten, sie nehmen weiter billigend in Kauf, dass das Gewonnene sofort wieder verrinnt. In diesem Spiel des Lebens kennen Sie sich aus und kommen daher auch nicht auf die Idee, die Arbeit als einen schlichten Prozess der Daseinsvorsorge zu begreifen.

Arbeit hat ihre wahre Bedeutung im gemeinsamen Tun. Hier gewinnt die Arbeit an Statur. Arbeit als Kampfmittel. Arbeit als Protz und Selbstbehauptung. Arbeit als moralische Herausforderung. Arbeit als Wirtschaftsmotor. Arbeit als Glücksspender. Arbeit als Verbindungsglied zwischen Genossen, Kommunisten und Gewerkschaftern. Arbeit als etwas Grundlegendes. Ein institutionelles Menschenrecht. Die Verletzung des Arbeitsrechts würde zur Verweigerung führen. Keiner käme ungestraft auf die Idee, dass es heute noch eine Arbeitspflicht geben könnte, dass also jeder Einzelne einer Gemeinschaft für seine eigene Beschäftigung im Sinne des Lebenserhalts sorgen müsste. Hierfür haben wir Staat, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände.

Das ist nützlich. Das ist bequem und dient dem Profit. Ist es nicht mehr profitabel, ergeben sich Konflikte. Die Arbeit ist unerwünscht. Sich loszusagen von der Arbeit ist allerdings schwer. Hinter dem Träger der Arbeitsleistung steht schließlich ein Mensch, der, wenn er ohne Arbeit ist, nicht nur ungerecht behandelt wird, sondern auch der Gemeinschaft zur Last fällt.

Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los (Goethe, Zauberlehrling). Der Tarifvertrag, die Dienstordnung und das Kündigungsschutzgesetz sind die ‚Grundlagen-Dokumente‘ unseres Kamikazebetriebes. Es besteht aber die moralisch-ethische Verpflichtung des Arbeitgebers, das von ihm durch seine Beschäftigung und deren Beendigung geschaffene Vakuum zu füllen. Was denn sonst? Der Arbeitnehmer ist doch nicht zynisch, er hat nur Angst. Der Arbeitgeber ist möglicherweise zynisch, allerdings hat er in aller Regel weder Angst, noch will er schaden. Der Arbeitgeber hat nach einiger Zeit einfach die Nase voll. Erwerbsprozesse orientieren sich im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht nur an Angebot und Nachfrage. Der Erwerbsprozess ist auf die Qualifizierung der Güterverteilung und der Daseinsvorsorge angelegt, sowohl was die Grundversorgung als auch die Dienstleistung angeht. Daher sollte jeder, der noch arbeitet, daran denken, dass er dies weder für seinen Verband tut noch für den Arbeitgeber oder den Konsum, durch den er die Wirtschaft nach Auffassung bestimmter Volksverführer wieder ankurbeln soll.

Der Mensch könnte getrost von seinem Ofen steigen und arbeiten, weil er daran Gefallen findet, weil er für sich und seine Familie arbeitet, weil er das Risiko schätzt und wach bleibt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski