Schlagwort-Archive: Gewinnmaximierung

Arbeit

Arbeit ist weder ein Menschenrecht, noch eine Menschenpflicht. Arbeit wird durch das Ver­sprechen aufgeladen, dafür eine Gegenleistung zu erlangen, die es dem Menschen ermöglicht zu leben. Arbeit, wie wir sie kennen, ist kein Naturgesetz und kein Lebensbegriff. Tiere arbeiten nicht, wenn wir sie nicht in Arbeit bringen und in der vorindustriellen Zeit haben die Menschen nicht auf die uns heute bekannte Art und Weise gearbeitet, sondern sich im Sinne ihrer Lebenserhaltung beschäftigt.

Der Tag der Arbeit ist auch kein Verpflichtungstag für den Arbeiter, sondern will an seinen Schutz erinnern. Sklaverei, Ausbeutung anderer Menschen zur Gewinnmaximierung Einzelner oder Gruppen hat es immer gegeben. Diese Form der Unterwerfung ist dem Machtbegriff und nicht der Arbeit zuzuordnen. Auch Ausbeutung und Selbstausbeutung sind keine notwendigen, das Leben zwingend begleitenden Verhaltensweisen.

Der Arbeit verwandt, aber nicht dasselbe, ist die Beschäftigung des Menschen. Die ganze Komplexität des menschlichen Verhaltens vom Denken angefangen, über Fühlen und Handeln, ist darauf gerichtet, sich zu beschäftigen. Die Beschäftigung des Menschen ist nicht an Arbeit gekoppelt, sondern betrifft die Familie genauso wie sportliche Betätigung, Gartenpflege oder das Lesen eines Buches. Der Mensch ist in eigener Verantwortung auf Arbeit nicht angewiesen.

Wenn stolz von Politikern oder Unternehmensinhabern verkündet wird, man habe wieder etliche Frauen, aber auch Männer in Arbeit gebracht, wird vergessen darauf hinzuweisen, dass dies nur geschieht, um durch diese einen Mehrwert zu erzielen. Dieser einzige Grund wird verschleiert durch die Behauptung, die Arbeit der Frau trüge emanzipatorischen Charakter und der Mensch müsse arbeiten, um sich und seine Familie zu unterhalten. Wenn aber Arbeit als gesellschaftliche Verabredung so unumgänglich sein sollte, wie es behauptet wird, was wird dann mit den Menschen geschehen, wenn es diese Arbeit nicht mehr gibt bzw. von Maschinen übernommen werden kann?

Die Propagandisten der Arbeit haben hierauf keine Antwort. Es gibt keine Beweise dafür, dass der Mensch arbeiten muss, um glücklich zu sein. Der Mensch erfährt seine Wertschätzung nicht durch Arbeit, sondern er erfährt sie durch Nachfrage nach seiner Person, die Anerkennung seines Verhaltens in der Familie, unter Freunden und in der Gesellschaft. Der nicht arbeitend beschäftigte Mensch erfährt die Möglichkeiten seines sinnstiftenden Handelns durch das Nichtstun, das Sehen und Erfahren und die Zeit als eine Möglichkeit der Ausdehnung seiner Kräfte und des sich Kümmern als eine neue sinnstiftende Beschäftigung.

Wenn es nicht abschätzig gemeint wäre, dürfte man diese Utopie, die einmal Wirklichkeit werden wird, als Schlaraffia bezeichnen. Ein Garant für das Funktionieren einer solchen Gesellschaft ist dann die Einsicht, das Geben und Fördern keine Last, sondern eine gesellschaftliche Bereicherung darstellt. Es ist wichtig, in einer freien Gesellschaft schon heute eine Umsteuerung vorzunehmen. Damit soll verhindert werden, dass wir eine Zukunft ohne Arbeit als Bedrohung und nicht als verheißungsvolle Herausforderung begreifen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kochen (Teil 1)

Ich koche für Dein Leben gern! Es ist etwas erschreckend zu erfahren, dass überhaupt nur noch 1/3 der deutschen erwachsenen Bevölkerung kocht. Das ist erstaunlich, weil Kochsendungen einen hohen Anteil am Programmangebot des Fernsehens bieten. Kochbücher sind sehr beliebt und von den ausgeklügelsten Rezepten liest man querbeet durch alle Zeitschriften und Zeitungen. Und doch: Der moderne Mensch scheint nicht mehr zu kochen, sondern geht entweder ins Restaurant, lässt sich bekochen oder reißt zu Hause die Verpackungstüten von Fertiggerichten auf. Convenience Food ist das Stichwort für modernes Konsumverhalten in Sachen Essen. Es vermittelt die Vorzüge einer passgerechten Ernährung, die auf Zeit und Umstände reagiert, gut schmeckt und deren Überbleibsel schnell zu entsorgen sind. Die Verpackung dient als Teller, das Besteck wird oft schon mitgeliefert. Es entfällt der Abwasch. Der Mensch kann sich schnell wieder seiner Arbeit oder dem Vergnügen zuwenden. Auch Gäste können anstrengungslos bewirtet werden. Selbstmachen ist anscheinend nicht mehr in.

Wenn eine ganze Gesellschaft sich im Mainstream befindet, prüft sie auch nicht mehr nach, ob das Verhalten gesundheitlich noch tragbar und umweltverträglich ist. Die Bilanz könnte sich als erschreckend erweisen. Schon ein Blick auf die Zusammensetzung des Essens und seiner Begleitstoffe dürften die Menschen aufhorchen lassen. Die Zusammenstellung der Zutaten kommt nicht nur aus EU-Ländern. Der Weltmarkt steht offen für das, was wir essen sollen. Mohrrüben aus China oder Ägypten, Kohl aus Neuseeland und Salat aus Bolivien. Die ganze Welt als einziges Anbaufeld – Lieferanten der Essenszutaten handeln nur unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit und Gewinnmaximierung. Das ist leider selbstverständlich geworden. Was die Zutaten ge­schmacklich nicht vermögen, wird durch Fettzugaben, Zucker und Aromen ge­schaffen. Wir täuschen so unseren Geschmackssinn und auch unseren Körper.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

BÜRGERGESELLSCHAFT

Zuweilen muss der Gebrauch des Begriffs der Zivil- bzw. Bürgergesellschaft heute als „Kampfbegriff“ derer bezeichnet werden, die unter diesem Mantel die Durchsetzung eigener Ansprüche erstreiten wollen, und solcher, denen dieses Schlagwort ausreicht, um uns einzuschläfern.

Eine Bürgergesellschaft gibt es in einem entwickelten Sinne noch nicht. Eine Bürgergesellschaft, die dieses Prädikat verdienen würde, müsste selbstbewusst ihre eigenen Politikentwürfe fertigen und diese den staatlichen Autoritäten zum Zwecke der Umsetzung andienen. Sie müsste auch, soweit dies machbar ist, umfassend in eigener und kollektiver Verantwortung philanthropische Einrichtungen entwickeln, die es ausschließen, eigene mögliche Handlungsoptionen wieder an den Staat zu delegieren und sich über Kürzungen von Steuern und Abgaben freizukaufen. Eine verantwortliche Gesellschaft kann eine Bürgergesellschaft darstellen. Eine Gesellschaft, die insgesamt gemeinwohlorientiert ist und erkennt, dass der Profit des Handelns nicht in erster Linie in der Gewinnmaximierung liegt, kann bestimmte bürgerliche Attribute aufweisen.

Der Staat als Körperschaft profitiert derzeit noch vom Delegationsprinzip – die anderen sollen es machen – und hat, soweit die Steuereinnahmen dies zulassen, gerne die Rolle des Lehr- und Zuchtmeisters beziehungsweise des Vertriebschefs staatlicher Leistungen inne. Die Bürger erkaufen sich durch steuerliche Abgaben so ihre Abhängigkeit vom Staat. Wie widersprüchlich dieses Verhalten ist, belegt der meist vom Bürger nicht wahrgenommene Umstand, dass der Staat eigentlich nur durch eine bürgerliche Willensentscheidung Bestand hat. Nur die Bereitschaft, gesellschaftlich maßgebliche Fragen selbst zu klären, lässt eine Bürgergesellschaft zu. Sie kann nicht als Nebengebilde ohne neue Aufgabenverteilung zwischen Staat und Gesellschaft existieren. Der Staat als Ordnungs- und Gestaltungsmacht, innenpolitisch wie   außenpolitisch,   ist   unverzichtbar. Der Staat mit seinem verfassten Rechtssystem ist ebenfalls unverzichtbar. Der Schutz des Menschen bleibt staatliche Aufgabe. Hierfür ist und wird Politik immer nötig sein. Eine neue Aufgabenverteilung zwischen Staat und Gesellschaft ist andererseits nötig, und zwar nicht zur Entlastung des Staates, sondern zur Aufgabenstärkung der Gesellschaft. Die prinzipiellen Lebensentwürfe müssen mitten aus der Gesellschaft kommen. Die Gesellschaft selbst muss überall unmittelbar aktiv werden, von der Krankenversorgung bis zur Ressourcenschonung und Umwelterhaltung, von der Bildung bis zur Pflege kultureller Einrichtungen. Der Staat hat diese Aufgabenteilung zu moderieren und gerät nun in die Rolle eines Umsetzungsbevollmächtigten des Bürgers.

Bürgerstiftungen sind schon heute ein Beispiel dieser Zukunftserwartung. Ihr zunehmend hoher Stellenwert in unserer Gesellschaft, die rasante Entwicklung ihrer Gründungen lässt das Verlangen der Bürger nach Selbstorganisation und Partizipation an gesellschaftlichen Aufgabenlösungen deutlich erkennen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski