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Groß und Klein

Am Grunde der Moldau wandern die Steine.
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag …

So Brecht und Eisler in ihrem Lied von der Moldau. Was für die Moldau gilt, gilt auch für unser Leben. Vieles ist wichtig, aber nicht so wichtig, dass wir es über die Nacht hinaus noch immer behaupten müssten. Das gilt für die Empörung, wie für die Gleichgültigkeit. Im Sinnbild des Gleichmuts eines Flusses beginnt immer wieder etwas Neues, entwickelt sich aus der Nacht der Tag. Oft nehmen wir wichtig, was uns, aber noch mehr, was andere, beschäftigt.

Das ist ein Quäntchen gut so, weil jede Form der Auseinandersetzung Entwicklung schafft. Das Beharren allerdings auf Wichtigkeiten, deren Haltbarkeitsdatum schon überfällig ist, ist nichts als nur Inszenierung. Je hohler und witzloser diese ist, umso beharrlicher wird auf die Werthaltigkeit dieser Inszenierung verwiesen.

Ob es sich um religiöse, politische, kriegerische oder sonst geartete soziale Inszenierungen handelt, ihnen wohnt inne, sich aufzuplustern, bedeutsam zu bleiben, und zwar auch dann noch, wenn der Zug schon längst weitergefahren ist. Wem oder was nützen Phrasen, wenn sie keinen Fortschritt mehr bringen können? Wem nützt eine Vergangenheit, die nicht zu lehren bereit ist? Welchem Sinn folgt eine inszenierte Zukunft, wenn sie auf Zerstörung gerichtet ist?

Gelänge es den Menschen, dem Einzelnen oder der Gruppe einmal das zuweilen Komische ihres Tuns aus einem gewissen Abstand betrachten zu können, sie müssten so lachen, dass der Tag wieder mit Freude begönne.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski