Schlagwort-Archive: Gleichheit der Lebenschancen

Die Erfahrung von der kindlichen Vielfältigkeit

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Es ist auch für Eltern oft sinnvoll, dem Volksmund Gehör zu schenken. Tatsächlich beginnt bereits der Fötus zu lernen, der Geburtsvorgang selbst ist eine wichtige Lernerfahrung und alle kommenden Begegnungen mit der Umwelt sind prägend für die Ausbildung der kindlichen Vielfältigkeit. Ich bin davon überzeugt, dass meine erste Begegnung nach der Geburt als Berühren einer kühlen Unterlage, zum Beispiel eines Kissens, stattgefunden hat. Noch heute versuche ich oft im Bett eine etwas kühlere Stelle, einen Bettzipfel oder dergleichen zu erhaschen. Dann erinnere ich mich an meine Geburt. Es muss ein sehr heißer Tag gewesen sein und die Diakonissen auf der Entbindungsstation sollen „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden …“ gesungen haben. All das, aber auch die frühe Zuwendung meiner Mutter, ihre Ansprache, war prägend für mein Interesse an Sprache, Musik und Gesang. In atemberaubender Schnelligkeit adaptiert sich jedes neugeborene Kind an seine Umwelt, nimmt diese Eindrücke auf, verarbeitet sie und legt sie lebenslang in seinem Erinnerungsspeicher ab. Der Erinnerungsspeicher steuert das Verhalten, provoziert die Erprobung verschiedener Möglichkeiten und koordiniert die Reaktionen hierauf. Werden keine Angebote unterbreitet, schaltet sich der junge Mensch ab oder nimmt das Fehlen von Angeboten als das übliche Daseinsmuster wahr. Die Vielfältigkeit reduziert sich auf das bloße Überleben, wobei sich die Unsicherheit gegenüber dem richtigen Maß und den eigenen Chancen verfestigt. Vielfältig stimulierende Angebote an das neugeborene Kind bestärken dieses sehr bald in seiner Erfahrung, dass man beweglich sein darf, um seine Ziele zu erreichen. Die in Ansatz vorhandene Vielfältigkeit des Kleinkindes folgt damit einem Lebensentwicklungs- und Erhaltungstrieb.

Durch Singen und Erzählen, überhaupt ständiges Reden mit dem Kind kann es das ganze Potenzial seiner Fähigkeiten und Möglichkeiten entwickeln. Die Pflege des häufigen körperlichen Kontakts mit dem Kind, indem man es berührt, stimuliert seine Erkenntnisfähigkeit. Durch Begreifen wird das Kind selbstbewusster. Bereits in der frühkindlichen Phase ist es möglich, die Kreativität eines Kindes zu fördern, es durch kneten, malen und basteln Zutrauen in seine eigenen Fähigkeiten entwickeln zu lassen. Alle Impulse, welches das Kind durch körperliche Betätigung, Musik und Sprache erfährt, verharren nicht nur in ihren jeweiligen Disziplinen, sondern wirken sich interdisziplinär auf die Entwicklung der anderen Fähigkeiten aus.

Das in seiner Vielfältigkeit erkannte und geförderte Kind hat später vermutlich weniger Schwierigkeiten, sich in der Welt zurechtzufinden und seine Talente zu nutzen.

Barrieren stellen für diese Menschen keine unüberwindbaren Schwierigkeiten dar, sondern sind Herausforderungen zu noch größeren Leistungen, um diese zu meistern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zeitgeist

Was, bitte schön, ist eigentlich der Zeitgeist?
Ein Geist, der aus der Flasche gekrochen ist und dann, wenn seine Zeit abgelaufen ist, wieder dorthin zurückkehrt?

Aber welche Zeit hat er, um sich hier auszutoben?
Seine Zeit, unsere Zeit, wie sieht die Zeit eines Geistes aus?
Und vor allem: Wo tobt er sich aus und warum?
Wer hat ihn gerufen?
Wer hat die Flasche entkorkt?
Warum mischt er sich ein und macht uns alle verrückt?

Der Zeitgeist.

Natürlich könnte das mit dem Zeitgeist auch ein Missverständnis sein.
Nicht gemeint sein könnte, dass es sich um einen Geist handelt. Es könnte auch sein, dass wir der Geist sind, der in der Zeit, also unserer Zeit aufscheint.

Welchen Geist haben wir denn, den wir zur Verfügung stellen?
Den Geist aller unserer Philosophen, unserer Politiker, unserer Schriftsteller und Liedersinger?
Den Geist des Fernsehens und Rundfunks, der Medien überhaupt?

Wir ahnen schon, dass wir uns dem Kern der Frage nähern. Aber offensichtlich ist das nicht, sondern eher im Hintergrund lauert einer, der die Strippen zieht. Der Geist. Schon außergewöhnlich in einer Welt, wo alles erklärbar scheint, selbst Gott zuweilen ein Sektendasein führt. Und doch waltet da einer, den wir uns und anderen Menschen nicht erklären können. Wir nennen ihn daher den Zeitgeist. Der Zeitgeist verfügt über eine unbegrenzte Macht, unser Leben zu gestalten, andererseits ist er auch nur so etwas Ähnliches wie ein Archivar. Er deutet nichts, hat aber dennoch die wesentlichen Attribute von „hier und jetzt“ an sich geheftet. Eigentlich lebt der Zeitgeist nicht aus sich selbst heraus, sondern entsteht dadurch, dass wir ihn so benennen. Aber auch das ist nicht eindeutig, sondern jeder hat seinen eigenen Zeitgeist, den er ruft. Dabei gefällt er nur wenigen. Die üblichen Ausrufe sind: „Das ist eben der Zeitgeist“ und „Das ist dem Zeitgeist geschuldet!“ Diejenigen, die so argumentieren und lamentieren, wissen oft selbst nicht, was sich dahinter verbirgt, außer ihrem Gefühl unverrückbarer Prinzipien, die für die einen objektiv bestimmbar sind, für die anderen nur magere Anhaltspunkte ausweisen. Der Zeitgeist ist das Unbenennbare, welches über allem schwebt. Das Gefühl von Behagen oder Unbehagen, die ungesicherte Verankerung in der Vergangenheit, damit Zukunft gelingt. Zeitgeist ist nichts und alles. Zeitgeist hat pascalsche Dimensionen, ist ein brodelnder Ozean an Möglichkeiten, ein Rückzugplatz für verpasste Gelegenheiten, eine Herausforderung, Neues zu schaffen oder den Zeitgeist selbst zu überwinden, ihn niederzuringen und in die Flasche zurückzustopfen, woher er kam. Das verschafft eine Pause zum Durchatmen bis zur nächsten Unvorsichtigkeit. Ein Geist wartet auf die nächstbeste Gelegenheit.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Menschengleichheit

Bei allen Unterschieden, die Menschen sind sich erstaunlich ähnlich. In der amerikanischen Verfassung heißt es: „All men are created equal.“ Ähnliche Formulierungen finden sich in vielen Verfassungen der demokratischen Welt. Diese Gleichheit meint die Gleichheit vor dem Gesetz, die Gleichheit der Rassen und der Lebenschancen. Ich will hier eine andere Gleichheit ansprechen, und zwar die dem Menschen innewohnende Gleichheit. Trotz unterschiedlich­ster Ausprägung der Charaktere des Menschen und trotz unterschiedlichster Lebensbedingungen ist festzustellen, dass die meisten menschlichen Verhaltensmuster ganz ähnlich funktionieren. Was meine ich damit?

Der Mensch ist auf Anerkennung angewiesen. Von dieser Anerkennung ist jeder Mensch abhängig, ob Kind oder Greis, ob Geschäftsmann oder Sozialhilfeempfänger. Unterschiedlich sind nur die Rituale der Anerkennung, die Möglichkeiten der Selbstorganisation oder des Abwartenmüssens, einer mittelbaren oder unmittelbaren Anerkennung zum Beispiel einer erbrachten Leistung durch den Chef oder eines Buches durch einen großen Leserkreis, durch viele Freunde und Bekannte oder durch ganz wenige, vielleicht nur einen einzigen Menschen. In den sozialen Verschränkungen selbst sind sich alle Menschen einig. Sie sind sich alle gleich.

Die Menschen sind sich auch in ihren Süchten gleich. Unterschiedliche charakterliche Ausprägungen bestimmen die Art und das Maß der Sucht, ändern aber am Grundsatz des Bedürfnisses nichts. Zum Beispiel die Sucht des Menschen nach Belohnung. Sie wird meist durch einen zu kaufenden Gegenstand befriedigt. Die Belohnung folgt aber gelegentlich auch der guten Tat, die ein Mensch vollbringt. Je flüchtiger eine Belohnung ist, umso stärker muss die Frequenz der Belohnungen gesteigert werden. Diese Sucht ist allen Menschen eigen.

Die Menschen unterscheiden sich auch nicht darin, dass sie frei bestimmt nur das tun wollen, was sie selbst für richtig und für sich als nützlich erachten. Um Widerstände zu brechen, werden Menschen eingeschworen auf Armeen, Regierungen oder sonstige Bünde. Damit soll sichergestellt werden, dass der Mensch nicht ausschert, beginnt, seine eigenen Interessen zu verfolgen. Menschlich ist aber das Letztere. Der Mensch wägt ab, ob das Angebot, das er erfährt, sein eigenes Anliegen fördert, ihm Vorteile bringt oder nicht. Das weiß der Anbietende und versucht daher, bei der Anpreisung seines Produktes den Angebotsempfänger zu überlisten, seinen Widerstand zu brechen. Das mag gelingen, wenn das Produkt besonders verführerisch ist, ändert aber nichts an dem diffusen Unbehagen des Angebotsempfängers, der sich seiner Willensfreiheit beraubt sieht. Er will für die Sache gewonnen werden, emotional oder vernünftig. Er will dabei sein, wenn die fremde Sache seine eigene wird. Anders nicht. Auch darin sind sich sämtliche Menschen gleich.

Was folgt daraus? Der Mensch sollte nicht versuchen, den Widerstand des anderen Menschen, sei es durch den klügsten Gedanken oder die sinnvollsten Emotionen, zu brechen, sondern seinem Mitmenschen Gelegenheit geben, Anregungen aufzugreifen, seine Entscheidung eigenverantwortlich zu entwickeln, um dann am Ende dieses Prozesses behaupten zu dürfen: Das habe ich getan. Das habe ich gewollt. Dafür stehe ich. Ich ganz persönlich. Auch in diesem Verlangen nach Souveränität und persönlicher Würde sind sich alle Menschen gleich.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski