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Kultur in Europa, Teil 2

Es ist erstaunlich, dass sich Europa als kulturelles Gesamtgebilde so schnell verabschieden will, aber nicht verwunderlich angesichts der persönlichen Bedrohung, der sich die Menschen Europas ausgesetzt sehen. Glaubte der Mensch früher, seine Gesetze würden auch auf dem Rathaus gemacht, Pfarrer, Banker, Rechtsanwalt, Notar, Bürgermeister und Stadtverordneter würden es schon richten, erfährt er nun auch bei der klitzekleinsten Herausforderung seine lokale Ohnmacht. Der moderne Europäer weiß, dass es kein Zurück vor der Globalisierung mehr gibt, will aber gerade deshalb zumindest mit einem Teil von sich selbst unter die Käseglocke.

Wie sieht es nun aber unter den europäischen Käseglocken aus? Zunehmend schimmlig und ranzig, wobei dies nicht nur denjenigen zum Vorwurf gemacht wird, die sich dahin zurückgezogen haben. Könnte es die Angst der Politiker selbst sein oder ihre Unsicherheit, da sie einerseits selbst mit unter der Käseglocke sitzen, andererseits nach Europa gehen wollen oder müssen, dazu, dass sich an der Situation nichts ändert? Von der infantilen Gesellschaft ist die Rede, von der Spaßgesellschaft und von der ungebildeten Gesellschaft. Alles ist pauschal richtig. Höhnisch dürfte man noch hinzufügen, dass es eine Gesellschaft mit kindischen Kindern und Gouvernanten geworden ist. Leben wir in einer infantilen Gesellschaft? Ist damit die kulturelle europäische Enge erklärbar? Eines erscheint mir zumindest deutlich zu sein: Eine mit ihren eigenen Ängsten, Schwächen und Unsicherheiten beschäftigte Gesellschaft mag nicht mehr irritiert werden, sondern vollzieht – verbissen – ihre eigenen kulturellen Riten, in der Hoffnung, daran zu gesunden. Ist es eine Stärke, in der eine Kraft liegt? Wir sind uns dessen nicht sicher, wir können uns dessen nicht sicher sein. Wir vermögen nicht mehr zu heilen, sondern versuchen, den Schmerz zu lindern, uns abzulenken von Europa.

Das ist auch der große Moment des Entertainments. In großer Vielfalt kann sich auf unserer Käseglocke ein buntes Repertoire von Gesang, Liedern, Tanz, Musik in allen Varianten abbilden, und zwar ohne uns zu berühren, ohne uns zu belästigen oder zu belasten. Wir sind geschützt, auch wenn sich eine irische Tanztruppe oder Sänger der Mailänder „Scala“ auf unserem Bildschirm einstellen. Wir sind kulturellen Angeboten Europas nicht verpflichtet, sondern nur frei, sie zu konsumieren.

Unsere eigene kulturelle Entwicklung vollziehen wir im Stillen, d. h. unter unserer Käseglocke, im richtigen Empfinden, dass es etwas zu bewahren gibt, und in der Hoffnung, dass das Bewahrte überhaupt noch einen Sinn macht.

Das dürfte ein Fehler sein. Was sich nicht mehr entwickelt, stirbt. Wir sind damit sozusagen an der Schwelle zum Tode: moralisch, geistig, kulturell. Das gilt augenblicklich leider für Europa.

Das muss nicht schlimm sein, wenn man begreift, dass jede Entwicklung irgendwann ihren Höhepunkt hatte und dann langsam zu sterben begann. Wittenberg z. B. bildete im 16. Jahrhundert den Nabel der Welt, heute ist es ein verschlafenes Provinznest.

Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag …

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

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Wir sind getrieben von dem Gedanken, alles im Griff zu haben, ob wir Kriege führen oder anderen Wohltaten zukommen lassen. Wir stehen in der Verantwortung unseres Handelns. Verantwortliches Handeln ist zweckgerichtet, aber nicht moralisch. Für alles finden wir  eine   Rechtfertigung   und   vollenden   mit   dieser   das   scheinbar   Unvermeidliche.  Wenige   wollen   sich   damit auseinandersetzen, dass wir einer enormen interkontinentalen Völkerdurchmischung entgegensehen, die unsere augenblicklichen so vernünftigen Bemühungen um Migrationsgesetze fast als lächerlich erscheinen lassen. Wie sollten wir unsere Vorbereitungshandlungen zur Auflösung der nationalstaatlichen Kompetenzen anders erklären als mit der Sehnsucht, ein großes geeintes Europa zu schaffen. Vielleicht wäre es aber besser zu bekennen, dass das alte Europa zerfällt, um neue Identifikationen im Osten oder Westen zuzulassen. Es liegt in der Logik der Stunde, dass diejenigen, die unsere Fahnen für Europa hochhalten, mit Preisen bedacht werden, aber man diejenigen beargwöhnt, die ahnen, dass unser „good old Europe“ kein unbedingtes Wertesiegel für die Zukunft mehr sein kann. Europa ist schon heute Teil von Asien und Afrika. Europa ist auch Amerika. Europa wird aber politisch implodieren, wenn es kulturell, philosophisch und religiös keine Besonderheiten mehr aufweist. Dies mag provokant klingen, ist aber auch so gemeint, da alles relativ geworden zu sein scheint. Glauben wird Ansichtssache, das Gute und Böse beliebig. Philosophie wird ein Akt des Verhaltenstrainings und Überleben unser einziges Lebensziel. Kommt es soweit, dann gibt es einfach nichts mehr, was zur inneren Stabilität unseres Gemeinwesens beiträgt. Vom „Haus Europa“ ist die Rede, wie kann Europa aber ein Haus sein, wo es vorwiegend als Fluchtpunkt, Jammerstätte oder Schlafplatz dient? In welchem „Haus Europa“ sollen  wir  uns  wohlfühlen,  wenn  die  Preise  steigen  und  der Orientierungsmaßstab  unseres  Wohlgefühls  nur  der  Profit  ist. Begreifen wir, dass erst die Arbeit kommt und dann das Geld? Nicht die Leistung zählt, sondern unsere Leistung. Derjenige, der von den Leistungen anderer profitiert, hat damit nichts geleistet, was unsere Anerkennung wert wäre. Das hat nichts mit Gleichmacherei zu tun sondern mit Werteschaffung. Verantwortung für Europa heißt, Lust dabei zu empfinden, für andere etwas zu tun. Im Hause Europa herrscht Langweile, weil wir Langweiler sind. Durch Kategorisierung und Versächlichung versuchen wir Distanz zu schaffen zu unseren eigenen Sehnsüchten, die sich in der permanenten Diskrepanz zu den äußeren Umständen erschöpfen.  Wir  Europäer  befinden  uns  in  einer  endlosen  Warteschleife  durch  Äußerlichkeiten  geprägter  Eindrücke,  deren

Wahrnehmung wir ständig, wohl um uns des Lebens zu versichern und die anderen in Sicherheit zu wiegen, repetieren, ohne auch nur den geringsten Anspruch darauf zu erheben, etwas infrage zu stellen. Aber nur aus Brüchen, Widersprüchen, Konfrontationen und wieder gewonnenem Verständnis könnten wir lernen. Durch unsere über Jahrtausende hinweg erworbene Begabung, Dinge zu erfassen, Dinge infrage zu stellen, uns zu verändern, könnten wir uns erneuern, ohne unterzugehen. Das tun wir aber nicht, sondern rechtfertigen permanent unser Verhalten und vermögen dies auch gekonnt zu tun, da sich scheinbar alle anderen Menschen kein bisschen anders verhalten als wir selbst. Dies ist angewöhnte Sicherheit, die allerdings mit den Außenverhältnissen nichts, aber auch überhaupt nichts zu tun hat. Die Welt ist anders, als wir sie verstehen. Dies ahnen wir, ohne etwas dagegen zu tun. Wir versäumen es, unsere „common principles“ neu zu definieren. Wir verzichten auf eine Politik, die Mosaike, d. h. die Unterschiede und Vielfältigkeiten, zu einem neuen Ganzen fügt. Durch Konsens und Konzentration gewinnen wir Stärke, durch Fantasie und Mut Selbstbewusstsein. Die Sprachen Europas gestalten die Bildung und die Kommunikation unter den Bewohnern des Hauses Europa. Andere müssen wir willkommen heißen, weil sie sonst kommen, ohne anzuklopfen. Wir müssen Türen und Fenster öffnen zur Welt, anstatt sie zu verschließen. Wir müssen wieder bescheiden und demütig werden und neugierig sein auf das andere. Globalisierung versteht nur derjenige falsch, der sich in seinem Besitzstand abschotten möchte, und auch derjenige, der hegemoniale Ziele hat. Globalisierung für Europa muss die Öffnung der Herzen und des Verstandes im Sinne eines Angebots an die Welt sein, uns zu besuchen.