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Urknall

Goethe wollte sich selbst befragend wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Substantiell können Forscher dies heute sicher nachweisen. Weitgehend sind die Forscher inzwischen auch mit ihren Analysen in den Weltraum vorgedrungen und können das interstellare Gefüge so beschreiben, dass auch hier jedem eine Ordnung vermittelbar ist.

Es soll einen Urknall gegeben haben und dann stoben Partikel in einen unendlichen Raum, gestalteten Galaxien und verantworteten nicht sichtbare Materie, weil deren Gravitation so schwer war, dass sie selbst das Licht verschlungen hat. Das Universum vermessen wir nach Lichtjahren und machen es nach unserer Einschätzung einigermaßen gefügig. Selbst Hawkings hat schon über Parallelwelten spekuliert, die allerdings ähnlichen Gedankenmustern gehorchen müssen, wie die Welten, die wir als erfassbar begreifen.

Sehen wir jedoch einmal davon ab, was uns der Mystizismus anbieten könnte und unterstellen wir die Wirksamkeit des Urknalls, müssen wir uns doch eingestehen, dass wir überhaupt nicht einschätzen können, was diesen Urknall zwingend ausgelöst hat und wie der Raum tatsächlich beschaffen ist, in dem sich seither das gesamte Spektakel vollzieht. Alles, was wir wahrnehmen können, beruht auf unseren Annahmen, unserem Verständnis von Zeit und Raum und unserer Sucht nach Erkenntnis, die die eine Erkenntniswahrscheinlichkeit zwingend zur Folge hat.

Wenn sich im Nichts sämtliche Phänotypen des Etwas verbergen, stellt sich uns unwissenden Menschen die Frage, warum sich das „Nichts“ uns mit „Etwas“ offenbart. Aus menschlicher Sicht wäre auch denkbar, dass wir gleichzeitig das Nichts und das Etwas wahrnehmen und nach Opportunitätsgesichtspunkten verteilen. Solange wir selbst die Maßstäbe für unsere Weltenerfahrungen setzen, werden wir stets mit etwas bedacht werden, das dem undefinierbaren Nichts völlig unbedeutend, aber uns existenziell wichtig sein könnte.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Identitär

Ich bin ich, denk´ ich mal. Ich kenne mich seit meiner Kindheit. Irgendwo zwischen Schwaben und Franken bin ich geboren und seit langem ein typischer Berliner, d. h. nicht von hier. Ich fühle mich auch in Jordanien und Russland zu Hause, familiär verbunden mit vielen Menschen anderer Nationen. Ich bin so herrlich deutsch, trotz allem. Ich bin sparsam. Ich bin ordentlich.

Ich liebe meine Heimat, ich arbeite gerne, habe Goethe und Stefan Zweig gelesen, Bach ist mir nahe und Händel. Aber, du liebe Güte, die anderen alle auch. Ich bin trotz Rolling Stones und ABBA deutsch. Keiner kann mir das Deutschsein nehmen, weil ich die Vielfältigkeit der Welt und Ihre Anregungen liebe. Wie gerne war ich auch in Aleppo, Damaskus oder Amman.

Andererseits finde ich Jerusalem und die Menschen dort großartig. Palästinenser und Juden sind meine Freunde, mit Russen bin ich verwandt. Ich muss kein Coca Cola trinken oder Cheeseburger essen, um die USA zu mögen. Ich behalte meine Identität als Deutscher mit Bratwurst und Sauerkraut.

Ich liebe das, auch den deutschen Wein und das nach deutschem Reinheitsgebot gebraute Bier. Ich freue mich über deutsche Erfolge beim Fußballspielen, und zwar auch dann, wenn nicht alle Mitspieler in Deutschland geboren wurden. Es ist mir egal. Ich setze auf Anregungen und Vielfältigkeit, auf Geschmäcker und Augenweide, auf das Deutschsein als grandiose Lebensform der Möglichkeiten. Für mich und meine Kinder. Viva l´Allmagne!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Augenblick der Betrachtung

„Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!“

So hat Goethe Faust sein Ende beschreiben lassen. Verweilen als Aufgabe der Unrast, Bereitschaft abzuschließen mit einem tätigen Leben. Diese Sichtweise ist zwar literarisch verbürgt, aber verweilen kann weit mehr implizieren, als die Beschaulichkeit der Endlichkeit. Verweilen ist auch innehalten, das Wägen und Prüfen eines Umstandes und Wahrnehmung des Augenblicks der Besinnung und des Resets.

Ein Weiler gewährt dem Reisenden Geborgenheit, beschützt ihn und lässt, bevor er weiterzieht, seine Kräfte erstarken. Wenn ich verweile, begegnet mir möglicherweise auch die Langeweile wieder, die unendliche Zeit des üppigen nichts tun müssen oder nichts tun können. Die Langeweile entspannt, entwickelt Empfindungen, Bilder und Gerüche, hat Einfluss auf die Zeit.

Wer verweilt, hat die Möglichkeit, sich körperlich, geistig und seelisch zu erholen, wird aber auch konfrontiert mit Sinneseindrücken, die die Geschäftigkeit des Alltags unterdrückt hat. Sehnsucht stellt sich ein, Sehnsucht nach dem, was unerreichbar erspürt wird. Ein Gefühl der Verlassenheit paart sich mit einer Ahnung des Möglichen, mahnt den Verweilenden zum Aufbruch nach einer Zeit des Innehaltens.

Das Verweilen ist dem Kind sehr nahe, geht aber im geschäftigen Leben abhanden. Um die Kraft des eigenen Seins wieder zu spüren und in der Erkenntnis, dass das Leben nicht durch die Hetze wertvoll gemacht wird, sollten wir uns auf das Verweilen einlassen, wieder mit uns selbst, unserer Familie und Freunden. Eine Gesellschaft, in der das Verweilen wieder Mode wird, kann ihre Lebenszeit auf erquickende Weise dehnen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Freeze

Sich einfrieren zu lassen, um Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende später wieder aufzutauen, was für ein interessanter Gedanke. Menschen tun dies insbesondere dann, wenn sie an einer derzeit unheilbaren Krankheit leiden, aber davon ausgehen, dass es ein Wundermittel irgendwann geben wird, das ihrem Leiden ein Ende bereitet.

Woraus nährt sich diese Zuversicht? Angenommen, es gäbe diese Möglichkeit, wären dann die wieder aufgetauten Menschen nicht nur Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen, würden seziert und malträtiert im Namen der Wissenschaft? Ein normales Leben, kaum denkbar!

Vielleicht ein Teil, das zu leben beginnt in einem anderen Körper, Gehirntransplantation in einen anderen Menschen oder in eine Maschine? Der Mensch kann doch nichts für seine Geburt. Es ist eine Laune der Natur, dass er geboren wurde. Es ist eine Laune der Natur, wann und wie er stirbt. Warum will der Mensch dieser Laune widerstehen und die Schöpfung in Frage stellen?

Der in einem Sarg eingefrorene Mensch verachtet die Geburt als Naturerlebnis oder spirituelle Sensation, sieht seinen Körper als hinderlich bei der Gestaltung des ewigen Lebens und mutet dem neuralen Flunkern seines Gehirns die gesamte objektive Wahrheit des Seins zu. Ist die Seele auch konservierbar? Hat der gefrorene Klumpen Gehirn ein Langzeitgedächtnis? Kann man Gefühle einfrieren und wieder auftauen? Erinnerungen? Gerüche? Nein, denn alles hat seine Zeit. Und solange du das nicht hast: dieses Stirb und Werde! Bist du nur ein trüber Gast auf der dunkeln Erde … (Goethe).

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski