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Hiob

Hiob, so verrät uns die Bibel, legt sich mit Gott an, hält das, was ihm im Leben widerfährt und für das er Gott verantwortlich macht, für ungerecht und grundlos. Er ist den Prüfungen Gottes nicht gewachsen, erkennt seine Fehler, wird demütig und verändert seine Einstellung und sein Verhalten. Gott belohnt ihn daraufhin mit Zuneigung und Prosperität.

Beispiele aus der Bibel sind nicht unmittelbar übertragbar auf unser Zusammenleben, aber da die Bibel von Menschen für Menschen geschrieben wurde, können wir auch aus diesem Buch der Erfahrungen, die Menschen schon seit langer Zeit gemacht haben, lernen. Die „Hiobsbotschaft“ ist uns als feststehende Begrifflichkeit bekannt. Auch heute empfangen wir viele derartige Botschaften, z. B. zu Krieg, Zerstörung, Artensterben, Klimakatastrophen, Hungersnöten und Krankheiten. Eine unendliche Liste von Plagen, die uns heute heimsuchen, haben bereits ihre Ankündigungen in Schriften, die tausende von Jahren alt sind.

Auch wir halten die Katastrophen, die über uns kommen, für nicht gerecht, beklagen uns über diese, bezichtigen andere oder irgendwelche Mächte, die uns das eingebrockt haben sollen und fordern kurzfristige Abhilfen von denselben. Unsere eigene Verantwortung, unsere Demut, unser Wille, die Plagen als selbstverschuldet anzunehmen, uns zu ihnen zu bekennen und aus der Erkenntnis heraus etwas zu verändern, wie steht es damit?

Sehr schlecht! Immer ist es angeblich nicht der richtige Zeitpunkt und man selbst sieht sich stets als Opfer, hilflos und voll Wut und Hass angesichts der vermeintlichen Ungerechtigkeit. Und wenn das Erkennen beginnt, was dann? Es beginnt wie ein Hürdenlauf.

Die erste Hürde ist besonders schwer zu überwinden, weil es unsinnig erscheint, für den schwierigen Hürden-Parcour verantwortlich zu sein, um dann selbst springen zu müssen. Es sind unter anderem die Hürden: Noch nicht! Und wann? Mit welchen Mitteln? Wozu? Warum ich? Aber mit jedem Sprung kann es mir gelingen, eine Hürde besser zu überwinden und mich dem Ziel, erleichtert von der Last meiner Versäumnisse und Fehler, zu nähern. Wie auch Hiob erhalte ich schließlich im Ziel meine Belohnung dafür, dass ich den Herausforderungen und Prüfungen mutig und entschlossen begegnet bin. Dass der Weg das Ziel ist, das weiß ich, wie jeder andere Mensch, auch schon längst.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Blumenreigen

Im Zeit-Magazin vom 22.03.2018 las ich ein aufregendes Interview mit Stefano Mancuso, der als Botanikprofessor an der Universität Florenz lehrt. Er hat ein Buch geschrieben über die Intelligenz der Pflanzen und behauptet in dem Interview nicht nur die Denk- und Merkfähigkeit von Pflanzen, sondern auch ihre Möglichkeit, miteinander zu spielen. Er mahnt an, die Pflanzen so zu nähren, wie sie es wünschen und darauf zu vertrauen, dass sie sich auch wehren können. Die Pflanzen brauchen kein Glyphosat, so eine seiner erstaunlichen Aussagen. Er beschreibt auch die neuronale Vernetzung der Pflanzen untereinander und ihre großen Potentiale, den Menschen bei der Gestaltung der Welt hilfreich zu sein. Pflanzen empfinden keinen Schmerz und können es auch zulassen, verspeist zu werden. Sie sind anpassungsfähig an ihre Umwelt und Überlebenspartner der Menschen.

Doch warum nehmen wir dies nicht wahr? Ich vermute, weil wir nicht aufmerksam sind und verdrängt haben, dass der Apfel der Erkenntnis, den Eva im Garten Eden für Adam gepflückt hatte, kein schlechter war. Diese gänzlich unwahre Bibelgeschichte ist für uns Menschen betrüblich wahr. Wir scheuen uns vor der Erkenntnis, weil diese uns in Verantwortung zwingen würde. Auch Gott wollte nie diese Verantwortung verhindern, sondern den Menschen Gelegenheit geben, durch wahres Erkennen des Lebens die Potentiale des Entwickelns und des Scheiterns zu ergründen. So ist das biblische Gleichnis eine Aufforderung, der wir bis heute nicht gerecht werden. Schon im Apfel der Erkenntnis hat sich uns die Natur offenbart, aber wir haben darin nur unsere Nacktheit erkannt und nicht die Botschaft des Wachsens, des Reifens und Lernens.

Wir haben aber die Chance, den uns dargebotenen Apfel immer wieder zu ergreifen, ihn zu kosten und wahrzunehmen, was uns die Natur mitzuteilen hat. Dies betrifft nicht nur die Angebote der Nahrungsaufnahme und der Schönheit, sondern auch der Entschlüsselung von Düften, Ritualen und unbekannten Fähigkeiten. Nur ein Beispiel will ich nennen: Würden wir die Möglichkeit der pflanzlichen Natur als Speichermedium erkennen, würden wir wahrscheinlich auch hieraus Nutzen ziehen für den dringend benötigten Energiespeicher für uns alle.

Würden wir für Pflanzen einen Energiekompass entwickeln, wären sie in der Lage, uns zu zeigen, wie wir uns sinnvoll ernähren und gesünder unser Leben bestreiten können. Würden wir Pflanzen als Partner sehen und respektieren, würden sie bereit sein, mit uns die Welt zu retten. Davon bin ich überzeugt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Influenzer

Führe uns nicht in Versuchung … So murmeln die Christen aller Welt diese Stelle aus dem „Vater Unser“. Noch tun sie dies, allerdings ist ein großer Streit darüber entbrannt, ob diese Stelle aus dem Gebet noch akzeptabel ist. Es gibt die starke Meinung, dass nicht Gott uns in Versuchung führt, sondern Satan. Aber, was wissen wir denn schon von Gott, um zu glauben, dass der Vater im Himmel davon absehen sollte, uns herauszufordern, Prüfungen der Versuchung zu bestehen? Satan will uns vielleicht verderben, aber Gott will, dass wir der Versuchung, Böses zu tun, widerstehen.

Das Alte Testament enthält eine Ansammlung von Prüfungen, die Gott dem Menschen auferlegt, ihn also in Versuchung führt, gegen die göttlichen Gebote zu verstoßen. Gott und Teufel sind Influenzer, aber mit ganz unterschiedlichen Zielrichtungen. Beide aber wollen wissen, wie wir uns entscheiden, wenn wir ihre Angebote erhalten, sie um uns werben. Geschieht es nach Opportunität, nach Lust oder Bequemlichkeit? Wollen wir uns weiter bereichern, vermeintliche Ansprüche realisieren oder uns wehren und auf Vorteile verzichten?

Die von Gott und Teufel gestellten Fragen mögen ähnlich sein und uns in der Werbung, im menschlichen Zusammenleben und auch in Zwiegesprächen mit uns selbst immer wieder begegnen. In welchem Zusammenhang auch immer, wir werden dabei auf die Probe gestellt und müssen wählen. Entscheidungen zu treffen, das fällt uns Menschen schwer, vielmehr lassen wir lieber die Dinge auf uns zukommen, erlauben uns zu verführen durch Passivität. Später heißt es dann, dass man ja nichts dafür könne und man sei halt verführt worden.

Alles Ausreden, die keinen Bestand haben, weder vor Gott, noch den Menschen und auch nicht vor uns selbst. Wir müssen der Versuchung widerstehen, ob diese göttlich oder teuflisch daherkommen mag. Auch als verführbare Menschen haben wir eigene Verantwortung für das sich einstellende Ergebnis, ganz gleich, ob dieses gut oder schlecht ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gott

Zumindest die drei großen Weltreligionen beanspruchen Gott für sich als Maßstab aller Dinge. Es geschehe auf der Welt nichts ohne den Willen Gottes. Die Wahrnehmung des einzigen Gottes hindert sie allerdings nicht daran, miteinander tief verstritten zu sein und sogar in Feindschaft zu leben. Das ist typisch menschlich, aber sicher nicht göttlich. Bringt man es auf den Punkt: Die Behauptung zu wissen, was Gott will und von uns erwartet, ist im höchsten Maße atheistisch.

Was für eine Anmaßung, Gott Eigenschaften zu unterstellen, die menschliche Qualitäten aufweisen. Was für eine Anmaßung, Gottes Willen zu verkünden und in die Sprache der Menschen zu übersetzen. Was für eine Anmaßung zu glauben, durch Zweifel Gott selbst in Frage stellen zu können. Alles, was den Zweifel, die Anmaßung und den menschlichen Nutzungsgedanken anbetrifft, ist in einem Programm zusammengefasst, was man gemeinhin Religion nennt.

Religion ist dabei allerdings nicht nur Opium für das Volk, sondern auch ein Ordnungsrahmen, der Sinn erklärt und Hoffnungen erlaubt. Religion ist menschliche Sachverwaltung. Mit Gott selbst hat das aber nichts zu tun, denn dessen Kraft und Herrlichkeit benötigt keine Interpreten, sondern erklärt sich selbst.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Das Wort

„Am Anfang war das Wort“, so heißt es bei Johannes 1:1. Das Wort war bei Gott. Vermutlich wird Gott auch das letzte Wort haben, in der Zwischenzeit jedoch haben wir Menschen uns des Wortes bemächtigt. Immerzu wird unsere Welt mit Worten in allen organischen und technischen Varianten überflutet. Der Wort-Tsunami wird nicht nur von wortsüchtigen Menschen – alles ist gesagt, aber noch nicht von mir – sondern auch von Bots gebildet. Das Wort erschließt seine Bedeutung aus der Verabredung mit dem Empfänger, das Wort in Zusammenhängen zu denken, für sich zu bewahren und zu entwickeln. Das unermessliche Angebot aller Medien macht Worten die Vorrangstellung streitig.

Mächtiger als Worte sind Bilder, ausdrucksstarke Darstellungen von Gefühlen und Techniken. Worte sind zuweilen nur noch die Brücken zu wirkungsmächtigeren Eindrücken. Kaum gesprochen oder gelesen, vergehen sie, werden ersetzt oder verbannt. Es sind ja nur Worte. An Worte ist die Welt nicht mehr gebunden. Ihnen ist nur noch selten zu trauen. Lügen verbreiten sich in den für sie passenden Worten. Worte der Wahrheit werden aus Buchstabensuppen gefischt.

Wenn wir Menschen dem Wort keinerlei verlässliche Bedeutung mehr beimessen können, dann hat es sein göttliches Geheimnis offenbart.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Nachsicht

Gott vergibt… Django nie! Wenigstens die Älteren unter uns erinnern sich noch an diesen grandiosen Film von Giuseppe Colizzi. Wir Zuschauer waren alle einverstanden mit Django und seiner Unerbittlichkeit, mit der er alle Schurken aus dem Weg räumte. Nehmen wir dies als Metapher für unser Leben im Allgemeinen. Sind wir bereit zu vergeben?

So einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten. Bestimmte Taten kann man nicht vergeben. Das planvolle Morden im Dritten Reich oder das Wüten des Pol-Pot-Regimes in Kambodscha. Hier kann die ungeheuerliche Tat nur als Mahnung dienen, um uns davon abzuhalten, sie immer wieder zu begehen. Ich habe jetzt natürlich zwei sehr bekannte Beispiele für Taten benannt, die nicht vergeben werden können. Es muss aber nicht die Dimension eines Genozid sein, dass Taten unvergebbar werden.

Jede absichtsvolle Beschädigung eines Menschen, um ihn daran zu hindern, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist unverzeihbar. Die Zeit mag darüber hinweggehen und dem Geschehenen seine Aktualität nehmen, aber die Störung der Integrität eines Menschen bleibt in unser aller Gedächtnis ewig vorhanden. Eine Skandalisierung des Nichtvergebenkönnens erfolgt merkwürdigerweise dort, wo ein Vergeben problemlos möglich ist.

Mehrere markante Politikerinnen und Politiker sollen ihre Doktorarbeit gefälscht oder darin nicht richtig zitiert haben. Es geht auch um gefälschte Lebensläufe und nicht abgeführte Steuern. Überall dort, wo Skandalisierung ein mächtiges Zugpferd für die Missetat darstellen kann, ist jede Nachsicht offenbar vergeblich. Was hat uns der frühere Verteidigungsminister zu Guttenberg denn eigentlich angetan? Er hat, als er noch jünger war, eine Doktorarbeit gefälscht und damit sich selbst geschadet. Als es aufflog, musste er gehen. Er wurde aber nicht Politiker oder gar Verteidigungsminister, weil er eine Doktorarbeit geschrieben hat.

Und doch, wenn es darum geht, einen Beleg für einen Schurken in Nadelstreifen zu finden, wird er benannt und gleichzeitig darauf verwiesen, wie er so selbstgefällig als Minister am Times Square posiert hätte. Gleiches ließe sich von Annette Schavan berichten oder anderen bekannten Persönlichkeiten, die irgendwann einen, wenn auch entscheidenden Fehler, in ihrem Leben getan haben. Die Verdienste von Frau Schavan um unser Gemeinwesen sind unbestreitbar und dennoch ist sie medial „Persona non grata“.

Worauf beruht diese Unnachsichtigkeit gegenüber anderen, insbesondere im öffentlichen Leben stehenden Menschen, eine Unnachsichtigkeit, die wir gegenüber unserem eigenen Fehlverhalten niemals entwickelt haben. Das gerade scheint mir der springende Punkt zu sein. Indem wir andere Verfehlungen bezichtigen und diese Bezichtigungen lebendig halten, sind wir in der Lage, von unserer eigenen Unzulänglichkeit im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen und Institutionen abzulenken.

Der nicht erkannte Tierquäler, Falschbezieher von Sozialleistungen oder Kinderpornokonsument aus dem Internet findet an seiner Verhaltensweise meist nichts Unanständiges, um selbst desto nachdrücklicher keine Nachsicht denjenigen zu gewähren, die Ähnliches im öffentlichen Raum getan haben. Diese Bigotterie wird nicht aufzulösen sein, aber man sollte sich dessen bewusst bleiben, wenn man leichtfertig in den Chor derjenigen einstimmt, die unnachsichtige Bestrafung anderer für deren Vergehen fordern, statt sich selbst an die Regeln zu halten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zumutung als Herausforderung

(…)
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!
(…)

So heißt es im „Abendlied“ von Matthias Claudius. Schlaf als Bitte für sich und andere. Ver­ständlich, wenn man bedenkt, was Schlaf zu bewegen vermag. Schlaf erfrischt, schlaf heilt, schlaf verarbeitet Erlebtes zu handhabbaren Mustern, behütet den Erwachenden von den glei­chen Fehlern des Vortages und schont damit andere auch.

Finde ich nicht mehr in den Schlaf, fürchte Strafen nicht und ist mir auch mein Nachbar völlig gleichgültig, dann lebe ich in der Zumutung einer Freiheit, die Konsequenzen hat. Ich darf mich auf Kosten anderer bereichern, ohne eine soziale Stigmatisierung befürchten zu müssen. Bedenklicher ist, dass auch der schamloseste Missbrauch der mir anvertrauten Macht Bewunderung auslöst. Ich fördere künftig nur denje­nigen, der mir nützt und investiere auch nur dort, wo ich mit einem Gewinn rechnen kann. Von wegen Gier. Ich bin doch nur Realist.

Es ist so einfach, sich vor sich selbst zu rechtferti­gen ohne abwägen zu müssen zwischen eigenem Verhalten und mitmenschlicher Herausfor­derung. Es ist so einfach, anderen die Schuld für ihr missglücktes Leben allein zuzuweisen, wie von den Schwächeren die Stärkeren oft für ihr eigenes Missgeschick verantwortlich ge­macht werden.

Es ist leicht zu durchschauen, wenn wir nur so tun, als ging uns das Leid ande­rer Menschen etwas an. Es ist ein geringes Opfer und zeugt oft von großer Eitelkeit, etwas zu spenden, dies zu publizieren und dabei zu verschweigen, dass es doch eher um steuerliche Vorteile geht. Gesellschaftliche Verantwortung kann man nicht erzwingen, auch nicht durch angeordnete Umverteilung. Der Weg dorthin führt nur über Patriotismus und die Bereitschaft, Vorbild zu werden, um mit Demut sich zuzumuten, anderen Menschen den Schlaf zu ermög­lichen und sie dabei vor Schlimmem zu behüten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Legerwall

Ein alter Juristensnack lautet: „Vor Gott, vor Gericht und auf hoher See bist du alleine“. Stimmt das wirklich? Vor Gott mag das so sein, sicher aber nicht vor Gericht oder auf hoher See. Bei Gericht stehen Rechtsanwälte ihren Mandanten bei, Gesetze und Regeln schaffen ein hohes Maß an Orientierung und auf hoher See trotzt der Steuermann den widrigen Gefahren.

Schwierigkeiten, Gefahren und Probleme gehören zum Leben. Damit umzugehen muss man in der juristischen Welt, wie auf hoher See lernen. Wenn das Schiff droht, aufgrund der Windverhältnisse an Land gedrückt zu werden und zu zerschellen, ist es eine brenzlige Situation, die in der Seemannssprache mit „Legerwall“ benannt ist. Dank seiner Erfahrung und mit Hilfe des Kompasses steuert der Steuermann dann das Schiff aus der Gefahr in ruhigere Gewässer und in den rettenden Hafen.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, ob auf hoher See oder in den endlosen Weiten des juristischen Meeres. Gott sei Dank ist jeder Mensch auch dort niemals wirklich allein, muss allerdings darauf achten, wem er sich anvertraut.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Menschwelten

Verheerungen, Verwirrungen und Verständnislosigkeiten. Neue Formen der kriegerischen Aus­einandersetzungen, Terrorismus und Fundamentalismus. Warum ist das so?

Das kann doch kei­ner wollen! So scheint es zu sein und doch folgt dieser Schrecken einer inneren Logik, einem Plan. Um diesem Plan zu verstehen, müssen wir nicht von höheren Wesen, also von Gott auf uns, schließen, sondern begreifen, dass es unserer Entwicklung entspricht, so zu handeln, und zwar von Anfang an, wenn es diesen Anfang überhaupt gibt. Wir sind da, weil es einem Plan entspricht, der nicht von außerhalb ersonnen wurde, sondern ein Teil unserer Entwicklungsge­schichte ist, die sich von Entwicklungsschritt zu Entwicklungsschritt sublimiert. Wir werden geboren, nicht weil unsere Eltern sich ein wunderbares Kind wünschen, sondern weil wir ge­boren werden müssen. Das ist die entwicklungsbiologische Anforderung des Lebens.

Wie alles in der Natur in Konkurrenz zueinander steht, aber sich auch unterstützt, sobald es dem gattungsgemäßen Fortkommen dient, befindet sich der Mensch in ständiger Konkurrenz zu anderen Menschen auf allen Gebieten. Es scheint wichtig zu sein, dies zu erkennen, damit Fehlschlüsse uns nicht dazu verleiten, allzu persönlich auf Lebensumstände zu reagieren, die wir nicht verstehen. Um dies zu verdeutlichen, verweise ich auf die augenblickliche Flücht­lingsthematik.

Flüchtlinge, so sie heute zu uns kommen, sind unsere Konkurrenten. Sie hatten die Gelegenheit, in ihrem Heimatland sich zu arrangieren oder zu uns zu kommen. Sie kamen zu uns, weil sie hier bessere Chancen des Überlebens sehen, als in ihrem Heimatland. Auch für uns gibt es dabei Optionen. Die eine Option ist, den Flüchtling als Konkurrenten abzu­lehnen oder festzustellen, ob und wie wir uns mit seiner Hilfe weiter qualifizieren können. Selbstverständlich hat der Flüchtling genau dieselben Optionen. Wir sind also Konkurrenten und können davon profitieren, wenn wir wach und aufmerksam die Herausforderungen an­nehmen oder verlieren, wenn wir im Bösen oder Guten nur zusehen, was geschieht, also pas­siv bleiben.

Das Muster ist immer dasselbe, ob es sich um Krieg und Wiederaufbau, Flüchtlinge, wirt­schaftliche Unterwerfung oder jede andere Form der Auseinandersetzung auch im religiösen Bereich handelt. Auch die Mechanik ist immer die Gleiche. Es besteht die Wahl anzunehmen oder abzulehnen. Der Code ist 1 oder 0, wie uns dies aus der digitalen Welt geläufig ist. Die Verheißung lautet, dass dann, wenn wir das nächste Ziel erreicht haben, es uns besser geht. Diese Verheißung ist wichtig, sozusa­gen der Motor, der die Walze antreibt, die unsere Lebensmatrix prägt.

Weil wir das Ziel all unserer Bemühungen nicht kennen, benennen wir Gott. Die Sinnlosigkeit des Lebens würde uns erschöpfen. Aber ist das Leben tatsächlich sinnlos? Sicherlich nein. Auch unter großen Anstrengungen, immensen Verlusten, Kriegen, Krankheiten und Katasthrophen, wir verbes­sern uns ständig, bis wir eines Tages mit unseren Vorstellungen, unseren Projektionen mit dem alles in sich aufnehmenden Ich digital verschmelzen, körperlich überflüssig geworden sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Und die Bibel hat doch recht?

Seit ein paar Wochen lese ich jeden Morgen einen Abschnitt in der Bibel. Mit dem Alten Testament habe ich begonnen. Ich weiß, dass es Gott gibt, auch wenn ich ihn nirgendwo verorten kann. Da es vermutlich nur einen Gott gibt, ist dieser zuständig für alle Menschen, ganz gleich welche Religion diese ausüben. Auch im Alten Testament ist von Gott ausgiebig die Rede, jedoch stelle ich zu meinem Erstaunen fest, dass die Menschen, zum Beispiel beginnend mit Adam und Eva, etwas unternehmen, um alsdann die Anerkennung oder Verdammnis Gottes zu ihren Tagen zu erfahren.

Dieses Verhalten ist zwar wenig erkenntnisorientiert aber trotz aller Trickserei erfolgreich. Die Bibel als Sitten- und Sozialgeschichte der Menschheit und als psychologisches Handbuch für den Tagesgebrauch. So hatte ich die Bibel bisher nicht gesehen, nehme es aber mit Verwunderung und Erstaunen wahr. Ich gestehe: ich muss oft herzlich lachen über den Erfindungsgeist in der Verschleierung von Begehrlichkeiten und Anmaßungen, in der Rechtfertigung von Fehltritten und Überhöhung von Banalitäten.

Wenn es unbequem wird, ist Gott dafür verantwortlich, wenn es gelingt aber auch. Der Vorteil: Der Mensch ist stets auf der sicheren Seite und kann je nach Opportunität Vorteile gewähren oder wieder nehmen. Dieses heitere, wenn auch zuweilen grausame Spiel mit sich selbst und anderen Menschen ist möglicherweise schicksalbestimmt. So sind wir halt.

Und keiner weiß, wofür es gut ist. Da helfe uns Gott. Wenn aber dieser Gott überhaupt nicht zur Verfügung steht? Wenn es jenseits unserer menschlichen Anmaßung ist, auf ihn Einfluss nehmen zu können? Ein Gott, der nicht darauf angewiesen ist, dass wir ihn anbeten, ihm Loblieder singen oder sein Handeln verstehen. Wird uns dann etwas genommen? Ich glaube nicht. Eine Kraft, die höher ist, als jegliche menschliche Vernunft ist das Sublimat umfassender Unabhängigkeit auch im Verständnis für alle unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten. Deshalb lese ich die Bibel täglich mit großem Vergnügen, als Anregung.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski