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Hanefi Yeter

Hanefi, dir bin ich nahe. Und auch immer wieder fern. In diesem Augenblick, in dem ich an dich denke, weiß ich nicht genau, wo du bist, wie es dir geht und was du machst. Du bist vermutlich entweder in Bodrum oder in Istanbul. Du hast Berlin verlassen. Mich aber nicht, denn ich habe Bilder von dir. Sie halten die Verbindung aufrecht, wirken wie Lautsprecher und Empfänger. Diese Korrespondenz funktioniert bereits, wenn ich an dich denke. Manchmal denkst du sicher auch an mich, denkst: „Wo bleibt er denn? Wollte er nicht schon längst bei mir sein? Und wie geht es meinen Bildern bei ihm?“

Die folgende Geschichte, Hanefi, habe ich dir oft schon erzählt. Jedes Mal hast du gelacht. Jetzt sollen auch die Leser erfahren, wie ich dich kennengelernt habe.

Irgendwann in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurden einige Bilder von dir in dem schmucken Städtchen Staufen im Markgräflerland ausgestellt. Zufällig auf der Durchreise ins Münstertal kam ich vorbei und war verblüfft. Auf einem der Bilder spielte der virtuose Interpret der klassischen Gitarre Yepes mit einer solchen Inbrunst, dass der ganze Ausstellungsraum vom Klang seiner Instrumente erfüllt schien. Dieses Bild, so war ich mir sicher, musste ich haben. Ich ließ mir deine Telefonnummer in Berlin geben und rief, als ich wieder zurück war, auch sofort an. Du hast dich gefreut über mein Interesse, ja, aber die Ausstellung sei noch unterwegs und wir sollten uns treffen, sobald die Rundreise der Bilder beendet sei. Natürlich hatte ich das vorgehabt, aber du weißt ja, die Umstände. Jedenfalls wurde nichts aus dem Vorhaben. Zeit verging. Öfters habe ich sehnsuchtsvoll an das Bild gedacht, aber nicht mehr gewagt, dich zu erreichen. Dann ein Besuch bei dem Senatsdirigenten der Kultur, Bernd Mehlitz. Dem habe ich von meinem Erlebnis mit diesem Bild und meiner Sehnsucht erzählt. Bernd Mehlitz darauf: „Kein Problem, mit Hanefi Yeter bin ich befreundet.“ Und dann war die Begegnung mit dir auch wirklich kein Problem mehr. Schon tags darauf war ich bei dir. Du hast mich freundlich empfangen. Ich habe dir mein Anliegen vorgetragen. Du stiegst in eine verwinkelte Ecke deines Bilderlagers und schon war er wieder da. Mein Yepes! Und zu meinem Yepes gesellten sich noch viele andere Künstler: Verkünder, Flötenspieler, Sänger und Könner auf dem Bajan. Meine Wände bevölkerten Jongleure, Vögel und nächtliche Sitzungen ernster Menschen. Deine Bilder verströmen Musik, Düfte, Wärme und zuweilen aber auch eine Kälte, die wie ein Schleier der Wehmut über diesem Moment der Vergänglichkeit liegt. Hanefi, deine Bilder sind da, sie sind bei mir, ganz egal wo du bist. Sie bleibt uns erhalten, unsere Freundschaft. Auch wenn ich dich nicht mehr täglich sehe, wir Wein oder Bier trinken, große Fische und das Brot teilen und uns dabei beklagen über das Leben, welches uns niemals, aber auch niemals gerecht werden kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski