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Und es bewegt sich doch

Vom Vermögen ist die Rede. Was vermag der Mensch? Oder was vermag das Geld? Vermag der Mensch mit dem Geld oder vermag das Geld mit dem Menschen etwas zu bewegen? Irgendwelche Wechselbeziehungen scheinen zu bestehen. Diese drücken sich in der Verfügbarkeit des anderen aus, landläufig in der Verfügbarkeit des Geldes. Geld bewegt die Welt. Aber stimmt das denn? Für ein Teil der Geldmengen sicher ja, denn Geld wird benötigt, um den Lebenskreislauf in Bewegung zu halten. Vermögen ist allerdings in erster Linie dafür da, vermehrt zu werden. Dieses Vermögen ist mit seiner Gegenwart meist nicht für den Verzehr bestimmt, sondern soll weitere Gewinne ermöglichen, meist durch die bloß abstrakte Gegenwart des Geldes.

Dieses Vermögen wird nicht bewegt, sondern es verharrt unerschütterlich im Hintergrund. Ein Garant des Wohlstandes. Vermögen als die gezähmte Kraft des Möglichen. Im Vermögen sind sämtliche Phänotypen der Gestaltungsmacht angelegt. Ein Hinweis auf das Vermögen genügt, schon kann der Inhaber des Vermögens die Puppen tanzen lassen, ohne dass er sein Vermögen selbst in irgendeiner Form antasten muss. Mit den Erträgen des Vermögens lassen sich steuerliche Vorteile, geschäftliche Zusatzerfolge und vor allem soziale Anerkennung erwirtschaften. Der Vermögensstock selbst bleibt unangetastet. Vermögensverluste, das heißt die Partizipation anderer am geschaffenen Vermögen, würden zur Sinnkrise des Vermögenden führen. Die Erkenntnis des Vergeblichen und dass er trotz aller Mühen nichts mehr oder nicht mehr so viel, wie er sich vorgestellt hat, vermag, wäre der Anfang vom seinem Ende, sein Tod.

Vermögensverlust bedeutet Verlust der Lebenskraft, Ansteckungsgefahr, nicht nur im Sinne des schwindenden Geldes, sondern auch der schwindenden Gesundheits- und Lebensfreude. Lebensfreude? Denkbar. Vermögen bedeutet vielleicht auch Freiheit, Unabhängigkeit und Erkenntnis. Erkenntnis ist mit Argwohn verwandt. Die Wahrheit des Vermögenden ist: Ohne mein Vermögen bin ich nichts oder noch unbeholfener gegenüber dem Leben als diejenigen, die niemals Vermögen besessen haben oder Vermögen besitzen werden. Die Konkurrenz schläft nicht. Diejenigen, die über kein finanzielles Vermögen verfügen, müssen ein anderes Vermögen entwickeln. Ein Vermögen an körperlicher oder geistiger Potenz, ein Vermögen der Lebensbejahung und des Natursinns. Ein Vermögen der Gaumenfreuden, der Zuwendungen gegenüber anderen Menschen und der Liebenswürdigkeit. Dieses andere Vermögen ist sicher auch vermehrbar und sicher auch gefährdet durch Neid, Missgunst und Ausnutzerei. Was bleibt, ist aber die Fähigkeit, dieses Vermögen entsprechend seiner Anlage immer wieder neu aus sich selbst heraus entstehen und wachsen zu lassen. Es ist nicht inflationsgefährdet, keinem wirtschaftlichen Zusammenbruch ausgeliefert. Dieses Vermögen ist beständig, aber zuweilen nicht so attraktiv wie das abstrakte finanzielle Vermögen. Das ist verständlich. Denn dieses Vermögen wächst, einmal in Gang gesetzt, nicht von alleine, sondern bedarf der ständigen Erneuerung und Fürsorge. Der finanziell Vermögende ist gelangweilt, denn welchen Anteil hat er noch am Zuwachs seines Vermögens? Um seinen Einfluss zu komplettieren, versucht er, auch das Vermögen von Künstlern und Intellektuellen noch unter seine Fittiche zu bekommen. Er lässt deren wahres menschliches Vermögen an Kreativität und Lebenssinn für sich arbeiten und verspricht Belohnung aus den Erträgen seines Vermögens. Dabei stellt er die Dinge auf den Kopf, denn die Fähigkeiten eines Menschen stellen das wahre Lebensvermögen da, die finanzielle Entsprechung ist dabei eher nebensächlich und sollte ausschließlich dazu dienen, den herz- und verstandvermögenden Menschen das Leben zu erleichtern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Philanthropie als Motor der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

Land auf, Land ab ist davon die Rede, dass der Innovationsstandort Berlin verbessert werden müsse. Eine Verknüpfung der Kreativen mit den „Machern“, die Ideen wirtschaftlich umsetzen können, sei notwendig. Es müssten weitere Ausbildungsstandorte und vor allem solche der wirtschaftsnahen Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen geschaffen werden. Es heißt auch, in Berlin müsste eine neue Industrie entstehen.

Für die wirtschaftliche Entwicklung sei es außerordentlich wichtig, Patente zu erzeugen und für weit gefächerte staatliche und europäische Fördermaßnahmen zu sorgen. Wie das alles geschehen soll und welchen Nutzen unser Gemeinwesen von horrenden Investitionen in immer neue Standorte haben wird, hinterfragt niemand. Das wirkliche Ziel ist derart im Nebel, dass es leicht fällt, sich unterzuhaken und gemeinsam zu beschwören, was im Interesse einer wirtschaftlichen Entwicklung unbedingt von Nutzen sei. Da der Zusammenschluss von Kreativität und wirtschaftlicher Ausbeute so verheißungsvoll klingt, wird in Kauf genommen, dass ein solches Vorhaben völlig übersteuert ist, keiner den Nutzen dieses komplexen Gedankens erklären kann und schließlich überhaupt nicht nach den Protagonisten derartiger Überlegungen gefragt wird.

Die Jugend ist heute auch nicht kreativer, als die Jugend es früher war. Kreativität kann man nicht verordnen. Sie ist vielleicht in ihrer Pluralität gar nicht so wichtig, wie sie bedeutungsschwer in den Worten mancher Politiker anklingt. Die Jugend ist daran interessiert, wie alle Generationen davor auch, sich einigermaßen wirtschaftlich zu entwickeln, ein soziales Netz zu pflegen, ein Familienleben zu gestalten und individuellen Freizeitaktivitäten nachzugehen. Um diesem Lebenszweck gewachsen zu sein, ist die Jugend generell fleißig und betriebsam, lässt mit anderen Worten Industria walten, um sich gemeinschaftlich und auch individuell in diesem Leben behaupten zu können. Das war schon immer so. Unser Leben hat sich aber verändert. Technisch ist es durch die Computerwelt, wirtschaftlich durch Massenproduktion und sozial durch eine sich entwickelnde Bürgergesellschaft bestimmt.

Das ist der Jugend sehr wohl bewusst und deshalb sind sehr viele Jugendliche auch via Internet außerordentlich daran interessiert, das Potenzial philanthropischer Einrichtungen zu ergründen. Eine der ganz großen Möglichkeiten philanthropischer Einrichtungen ist zunächst deren Ungebundenheit und Freiheit von unmittelbarer staatlicher Bevormundung. Der Staat ist für gesellschaftlichen Fortschritt nicht zuständig, sondern seine Bürger, individuell und in der Gemeinschaft. Im philanthropischen Bereich werden eine Fülle von Dienstleistungsformen unterschiedlichster Art entwickelt, auch Werte und Patente geschaffen, die eingesetzt werden können.

Der philanthropische Bereich gewährt Arbeitsplätze, stellt Minikredite, auch Venture Capital zur Verfügung und lässt es vor allem zu, über die Grenzen der Realwirtschaft hinaus multiple Fähigkeiten zu erproben. Die Philanthropie sollte von der Realwirtschaft profitieren, weil Handlungsabläufe verbessert und der Gesamtauftritt effektiver gestaltet werden könnten. Andererseits verfolgt die Philanthropie nicht nur profitwirtschaftliche Gesichtspunkte mit dem Ziel, das Erworbene finanziell zu erhalten und zu mehren, sondern versucht zu vermitteln, dass Geben bereichert, der Einsatz für andere sich auszahlt und die Seinsbestätigung durch Zuwendungen erfolgreich ist. Das erkennen Jugendliche sehr genau und gerade die Verbindung zwischen ideeller Zielsetzung und wirtschaftlicher Betätigungsmöglichkeit erlaubt es Jugendlichen, ihre gesamten vielfältigen Fähigkeiten und Potenziale, also ihre Kreativität, auszuspielen. Sie können grenzenlos spinnen, neue Erfahrungen normativ bändigen und dadurch für wirkliche Innovationen in unserer Gesellschaft sorgen. Wertvoll ist das, was der Mensch als wertvoll erkennt. Wenn der Mensch die Kraft der Philanthropie zu erkennen vermag, steht die Tür weit auf für ganz neue sinnbildende Erfahrungen für alle Generationen, die jungen und die alten Kreativen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Elite

Landauf, landab werden Diskussionen über Werteverfall, Regulierungsmaßnahmen und Verantwortung der Eliten geführt. Beklagt wird das Verhalten der Funktions- und Positionseliten, die fehlende Sichtbarkeit der Gestaltungseliten angesichts der dringenden Aufgaben.

 Die Welt können wir nicht ändern und auch den Menschen nicht. Wir können aber seine Potenziale erschließen und damit die Gestaltungshoheit für die wirklichen gesellschaftlichen Eliten zurückgewinnen. Der Mensch ist, wie er ist. Er ist eigensüchtig, weil er es sein muss für seine Familie, seinen Clan und für sich. Er muss leben für seine Familie und für sich. Deshalb wird er auch seinen Macht- und Einflussbereich erweitern. Das sind normale Vorgänge. Diesem Muster widerspricht nur die Erkenntnis, dass der ausgeprägte Fremdnutzen auch den Eigennutzen befördert. Ohne eine Vielzahl von Autofahrern und die dafür erforderlichen Straßen würde dem Einzelnen sein Kraftfahrzeug überhaupt nichts nützen. Gleiches gilt für den gesamten gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bereich. Jeder Eigennutz, der den Fremdnutzen nicht im Auge hat, gefährdet den Erhalt des durch Eigennutz Erreichten. Von daher ist auch der dem Eigennutz dienende Mensch dem Fremdnutzen verpflichtet.

Fremdnutzen ist das, was die Gesellschaft benötigt. Dies ist keine Frage des Altruismus oder idealisiert die menschliche Gemeinschaft, sondern nimmt auf vernünftige Weise die komplexen Anforderungen an unsere Gesellschaft zur Kenntnis. Unsere Gesellschaft muss funktionieren, damit alle ihren Nutzen davon haben. Um diesen Nutzen zu gewährleisten, ist es erforderlich, die Zugangssperre zu den gesellschaftlichen Eliten zu lockern und die nur auf Machterhalt und Eigensicherung bedachten Positions- und Funktionseliten zu irritieren. Zur Stabilisierung unseres Gemeinwesens bleiben Eliten nach wie vor unverzichtbar. Sie benötigen allerdings Funktionszuweisungen und Verantwortlichkeitsparameter, die sie zwingen, den an sie gestellten Aufgaben jenseits ihrer Persönlichkeit gerecht zu werden. Sie sind den Bürgern gegenüber verantwortlich.

Die Beteiligung des Bürgers an der Elitenfindung ist von großer Wichtigkeit. Die Elite organisiert sich nicht durch Wahlen und Renditeerwartungen gegenüber Wirtschaftsunternehmen, sondern wird durch Gemeinsinn, allgemeine Anschauung, Tradition und neue Erkenntnisse aktiv und argumentativ befördert. Was zählt, ist das Argument, nicht die Position, die Funktion oder das Herkommen.

Die Welt ist komplex. Wir können sie nicht vereinfachen, aber bei Beachtung kybernetischer Ansätze bei der Bewältigung unserer Aufgaben besser überschauen, als uns dies heute aufgrund unserer Selbstbeschränkungen oft gelingt. Wir benötigen nicht nur den ausgebildeten, sondern den gebildeten Menschen aus der Mitte unserer Bürgergesellschaft, der argumentativ, aber auch situativ und reflexiv Platz nehmen kann an den Gestaltungsorten unserer Gesellschaft, sei es in der Politik, in den Medien oder in der Wirtschaft. Dabei gilt selbstverständlich auch, dass nicht nur das gute Argument Beachtung finden sollte, sondern die insgesamt integere Einstellung, die keineswegs die eigene Position vergisst, aber aufzeigt, dass nur integeres Verhalten Vertrauen schafft und dies ideell und wirtschaftlich unsere Gesellschaft weiterbringt. Integrität ist nicht nur am äußeren Verhalten erkennbar, sondern auch zu spüren. Wir selbst wissen genau, was wir tun dürfen und was nicht. Wir empfangen und versenden permanent unsere verschlüsselten Botschaften. Wenn wir uns täuschen lassen, so tun wir dies stets wider bessere Überzeugung. Es gilt, die Zugangssperren für Vorbilder und Gestaltungseliten abzubauen und ein wenig mehr der Aufrichtigkeit unserer gesellschaftlichen Verantwortungselite zu trauen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Authentizität

Der Charakter eines Menschen wird bestimmt durch die Eigenschaften, die er hat. Manche sind genetisch bestimmt, andere werden im Laufe des Lebens erworben. Ein Mensch ändert sich nicht. Er kann auch sich selbst nicht infrage stellen, denn ansonsten verlöre er seine Authentizität. Der Verlust der Authentizität macht den Menschen unberechenbar für andere Menschen und schafft ein Potenzial der Gefährdung für sich und andere. Was ist gut daran und was ist schlecht daran, dass sich der Mensch nicht ändert? Um mit dem Schlechten zu beginnen: Keiner der wohlmeinendsten Lebensentwürfe wird von den Menschen um seiner selbst willen übernommen.

Das Gute daran ist, dass wir uns darauf verlassen können. Sicher ist der Mensch verführbar, wenn ihm der Verführer und der Gegenstand der Verführung Vorteile versprechen. Sein Charakter ist aber eine träge und zähe Masse, die durch die Verführung zwar bewegt wird, aber nur wenig aus dem Gleichgewicht kommt. Veränderte Umstände, andere Herausforderungen und schon wirkt ein anderes Versprechen. Der Mensch ist verführbar, sein Charakter zumindest vorübergehend verformbar, aber er birgt auch Potenziale, die zu entdecken und zu fördern sich lohnt. Durch Vorhaltungen ist das nicht zu bewirken. Weder durch die Androhung von Strafen noch durch das Versprechen von Vergünstigungen. Der Mensch, der sich treu bleibt, breitet seine Eigenschaften aus wie auf einem Basar, bietet sich an, lädt ein zur Abgabe von Gegenangeboten, die wir ihm unterbreiten. In jedem anderen Menschen ist ein Stück von uns selbst in seiner Natürlichkeit, in seinem Charakter und seiner Einmaligkeit. Das nötigt uns einerseits dazu, unseren Eifer zu zügeln, wenn wir versuchen, aus ihm etwas anderes zu machen, als er selbst ist, zum anderen sind wir so gezwungen, ihn für die gemeinsame Sache zu gewinnen. Diese ist dann seine Sache und auch unser aller Sache.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Querung

Straßen sind gefährlich. „Schau nach links und schau nach rechts, bevor du über die Straße gehst“, so lautet die Ermahnung der Eltern an ihre Kinder. Verkehrserziehung. So lautet der Sammelbegriff aller Maßnahmen zum Schutz des Menschen.

Und die Wirklichkeit? Die Autofahrer, die eigentlichen Damen und Herren der Straße. Sie fahren wie immer schnell und zügellos, wenn sie nicht durch Ampeln und Verkehrseinschränkungszeichen gebremst werden. Dasselbe gilt für Motorradfahrer. Und für Fahrradfahrer. Im Rudel oder sehr individuell schießen sie aus allen denkbaren Ecken in den Verkehr hinein, von vorne, von hinten, von links, von rechts, egal wie die Straße verläuft oder die Fahrtrichtung. Weder Verkehrszeichen noch Ampelanlagen halten sie auf. Flächen ihres sportlichen Engagements sind aber nicht nur Straßen, sondern auch Gehwege und Plätze. Der Protest des Fußgängers bleibt nicht aus. Was der Fahrradfahrer kann, kann ich schon lange. Ampeln werden ignoriert, aber vor allem der Verkehr insgesamt. Individuelle Straßenquerung als Zeichen des Selbstbewusstseins. Sollen die Kraftfahrzeuge doch damit zurechtkommen. Und wenn etwas geschieht, dann ist doch ohnehin der Kraftfahrer schuld, denn in seinem Fahrzeug ist die Gefahr beheimatet. Ein gefährliches Werkzeug. So sagen die Gerichte.

Die Kommunen stimmen zu, legen verkehrsberuhigte Straßen an, verstümmeln sie mit Pollern und sonstigen Fahrhindernissen, heben Fußgänger, Radfahrer in die Ebenbürtigkeit mit Kraftfahrzeugen oder erteilen schließlich sogar Fahrrädern den Vorrang vor jeder anderen Art der Fortbewegung: die Fahrradstraße. Und? Werden die Straßen sicherer? Wohl nicht. Aber der Verunfallte hat seinen Kontrahenten, den anderen Verkehrsteilnehmer, von dem er immerhin möglicherweise Schadenersatz verlangen kann. Dadurch erhöht sich leider die allgemeine Unvorsichtigkeit und wird nicht gemindert. Verkehrsteilnehmer rechnen nicht mehr miteinander, sondern sie rechnen miteinander ab. Sie rechnen nicht damit, dass jemand sie überfährt, weil sie den Verkehr ignorierend die Straße gekreuzt haben. Sie orientieren sich nicht am Verkehr, sondern gehen davon aus, dass schon nichts passiert, weil Gesetze und Rechtsprechung ihnen das versprechen. Ein früher Merkspruch lautete: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Ist heute die Gefahr gebannt, weil verkannt? Der Prozess der Verdrängung des Verkehrs als Gefahrenquelle geht einher mit jeder Form der Wirklichkeitsverdrängung in unserer Gesellschaft. Dabei mag die Hoffnung Pate stehen, es passiere ja nichts, und wenn etwas passiere, gäbe es dafür wieder eine Entschuldigung oder Schadenersatz.

Das Leben aber ist eine Risikogemeinschaft, der mit Verdrängung nicht beizukommen ist. So wie die Verkehrsteilnehmer den Straßenverkehr zu verdrängen trachten, indem sie ihn aus ihrer Beobachtung nehmen, verdrängen viele Menschen heute die Gefahren ihres Essverhaltens, des Konsums der medialen Langeweile und der mangelnden Bildungsbereitschaft. Sie wähnen sich in der Sicherheit der sozialen Verschränkung mit anderen und bedenken meist nicht, dass sie trotzdem wachsam sein müssen und ihre Vorsicht bei der Überquerung der Straße von keinem anderen übernommen werden kann. Wenn ein Mensch überfahren wird, so ist er tot oder schwerverletzt. Die Frage der Verantwortlichkeit und des Schadenersatzes ist dabei nebensächlich. Ein verantwortlicher Mensch schaut genau hin, was passiert. Im Verkehr genauso wie im restlichen Leben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Haben und Sein

In seinem 1976 erschienen Buch „Haben oder Sein“ versucht Erich Fromm zu belegen, dass der am Haben orientiere Mensch Opfer der Warenwelt sei und an diesem Fetisch scheitern müsse. Der Mensch, der nach dem Sein strebe, lerne dagegen alle Aspekte der Liebe kennen und erfahre dadurch inneren Reichtum und Zuwendung. Natürlich habe ich in dieser Zusammenfassung das Anliegen von Erich Fromm äußerst stark und subjektiv gekürzt und bin fernab davon, diesem Werk in irgendeiner Weise inhaltlich gerecht zu werden. „Haben oder Sein“ habe ich mit großer Faszination gelesen und meine, dass Fromm in vielen Punkten den Nagel auf den Kopf trifft. Es gibt aber einen Generalvorbehalt gegen das Werk: Zuerst kommt der Mensch und dann die Moral. Was will ich damit sagen. Der Mensch ist. Der Mensch will haben. Er will haben als Sammler und Jäger. Er orientiert sich an seinen Vorteilen und ist stets darauf bedacht, sein Überleben zu sichern.

Die Eigenschaften des Menschen kann man nicht a priori ändern. Mit diesen Eigenschaften müssen der mit ihnen ausgestattete Mensch und auch wir alle mit ihm in Gemeinschaft leben. Zudem ist kein Mensch dem anderen gleich. Die Nuancen des Habenwollens sind vielfältig und reichen von scheinbar ausschließlicher materieller Gier über ein abgestuftes System der Selbstbelohnung bis hin zum Habenstolz des wohltätigen Menschen. Aber gerade darin liegt das Problem der Schrift von Erich Fromm. In der fehlenden Anerkennung des habenden Menschen. Der Mensch hat einen Charakter. Er hat gute und schlechte Eigenschaften. Er hat materielle Lebens­angst. Er hat Sorgen. Er hat Ehrgeiz und Verstand. Er hat den an sich selbst gerichteten Anspruch, für andere etwas zu tun. All dies ist dem Haben-Bereich des Menschen zuzuordnen und sollte ihm nicht abgesprochen werden. Auch der verstockteste Mensch will sein. Als Baby will er angenommen werden, und dies womöglich sein ganzes Leben lang. Doch es will ihn keiner haben. Das vielleicht. Oder es will ihn jemand haben, er wird geliebt und kann lieben. Dann ist er womöglich im Sein und hat noch vieles, um zu geben.

Wer gibt, kann haben, was er gibt. Er muss auf das Haben nicht verzichten, um zu geben. Möglicherweise ist er nicht daran interessiert, seinen Besitz anzuhäufen oder tut das auch nur, um noch nachhaltiger geben zu können. Wer vermag dies zu entscheiden? Aber wir wollen, dass der Mensch gibt, dass er seine Integrität anerkennt, man ihm vertrauen kann und er dem Sein verbunden ist. Um dorthin zu gelangen, ist es nicht hilfreich, dem Menschen vorzuhalten, was er alles falsch mache und wie viel besser es wäre, wenn er im Sein und nicht im Haben leben würde. Was würde der Mensch dann tun? Er wird vielleicht sagen: Haben ist mir lieber. Dumm. Er wird möglicherweise, weil er sich schämen würde, auf das Haben reduziert zu sein, behaupten, er lebe im Sein. Er würde sich und seine Eigenschaften alle dem Sein unterordnen, obwohl sie gerade das Gegenteil offenbaren. Vielleicht würde er glauben, was er behauptet. Auch der Mensch zählt dazu, der, dem Sein eigentlich von Herzen zugewandt, bei seiner Selbstprüfung erfährt, wie er vom Haben angezogen wird. Würde er diesen Widerspruch mit sich selbst klären können oder weiter heucheln und lügen? Das kennen wir genug aus der Geschichte aller Kirchen und Religionen. Der Rigorismus, mit dem Gegensätze geschaffen werden, ist daher nicht hilfreich, sondern fördert gerade das, was vermieden werden soll. Im Sein findet der Mensch seine Vollendung. Um dahin zu gelangen, müssen Zweifel und Irrtümer überstanden werden. Der Mensch muss aber auch lernen, alle seine Eigenschaften zu nutzen. Naheliegenderweise würde ein Persönlichkeitsberater sagen, „gehe deinen eigenen Weg“. Der eigene Weg ist, zu erkennen, dass es sinnvoll ist, zu helfen, denn der, der hilft, dem wird auch geholfen. Alles Binsenweisheiten, von denen der Mensch profitieren kann. Wichtig erscheint mir angesichts des Respekts vor anderen Menschen und ihren Fähigkeiten und Eigenschaften, diese positiv herauszufordern, indem man ihnen erklärt, dass man nichts von ihnen erwartet und sie nicht bestimmen will. Es ist ihre Entscheidung, zu haben oder nicht zu haben. Es ist ihre Entscheidung, zu sein oder nicht zu sein. Den Weg, den sie zu gehen gedenken, können sie selbst wählen und dabei mit Hilfe rechnen. Sie dürfen jagen und sammeln, aber wenn es anderen dabei gut geht, geht es ihnen noch besser. Keiner trachtet mehr nach ihrem Haben und spricht ihnen den Willen zum Sein ab. Sie sind selbstbestimmte Menschen und dürfen dies sein. Jeder Mensch hat immer wieder Chancen, zu lernen. Und dies ein ganzes Leben lang.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Der moderne Hiob

Vielleicht vermögen einige von uns, sich an Hiob zu erinnern, diesen alttestamentarischen Leidensmenschen, dem Gott sämtliche Pestilenzen und Krankheiten schickt, um ihn dadurch in seinem Glauben zu erproben. Hiob zweifelt zwar, wird aber von Krankheit zu Krankheit stärker und zögert schließlich nicht, das Leid der ganzen Welt auf sich zu nehmen, um sich seiner Fähigkeit, Gott trotz aller Strafen zu vertrauen, sicher zu sein.

Der moderne Hiob glaubt nicht mehr und findet fast für jedes Leid irgendeinen Arzt, zumindest eine Tröstung. Also hat Hiob abgedankt. Es gibt ihn heute nicht mehr.

Weit gefehlt! Die Prämissen haben sich verschoben. Der leidensmächtige Hiob ist Sinnbild des gemarterten Menschen. Dadurch, dass viele Gott als die Autorität des Lebens nicht mehr anerkennen, wird das menschliche Leid nicht beseitigt. Aids, Alzheimer und Krebs, um nur drei moderne Geißeln zu benennen. Auschwitz steht für sich, aber es gibt auch Kambodscha und Ruanda. Folter in Kriegen, Folter in Gefängnissen, Vergewaltigungen von Kindern und Frauen, wo immer diese stattfinden. Elend, Not und Entwürdigung. Nicht auf Gottes Geheiß, sondern aus eigenem Antrieb erproben wir unsere Überlebensfähigkeit als Täter und Gedemütigte. Dies aber nicht nur mit an Schwären und Wunden leicht sichtbaren Erkrankungen, sondern auch mit denen im Geheimen und Verborgenen. Die Spuren sollen nicht mehr festgestellt, die Tat unerkannt bleiben. Warum diese Exerzitien? Wollen wir uns in unserer Leidensfähigkeit vollenden? Wollen wir, indem wir andere beschädigen, uns davor schützen, selbst gedemütigt zu werden? Das würde von der Kurzsichtigkeit der Täter und Opfer zeugen. Wie hieß es zu Zeiten der französischen Revolution? „Die Revolution frisst ihre Kinder.“ Und so war es auch. Kaum einer der Täter kam davon. Gleiches gilt für die Oktoberrevolution und deren Folgen in Russland. In Stalins Gulags landeten später auch die Täter. Von Reue und Sühne keine Spur. Ein Kreislauf des Unrechts. Der Mensch als Täter um den Preis des Verlustes seiner Integrität, aber geklammert an die Hoffnung, selbst noch einmal davonzukommen.

Der moderne Hiob. Das große Menschheitsdrama ist profane alltägliche Geschichte. Nichts hören von dem Leid anderer Menschen, nicht teilnehmen müssen an deren Schicksal, sondern wegschauen. Vielleicht trifft es mich nicht. Das ist die Regel, aber die Rechnung geht nicht auf. Auch wenn der moderne Hiob seinen Glauben verloren hat, bleiben ihm doch die gleichen Herausforderungen, er muss dulden und erdulden, um in seiner Überzeugung des Richtigen fest zu werden. Die Formung seiner Integrität ist das Vorhaben. Die zu gewinnende Erkenntnis lautet: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch seine Würde. Mit dieser Erkenntnis setzt er alle Täter gegenüber dem Opfer ins Unrecht. Für immer.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

„Politisch korrekt“

Wenn ich, einmal abgesehen vielleicht von Straßenfeger und Motz, die Zeitungen aufschlage oder überhaupt dem gesamten medialen Ansturm trotze, stelle ich verblüfft fest, dass dort die Menschen überhaupt nicht vorkommen, denen ich täglich in der U- und S-Bahn begegne. Weniger, dass es mich erschreckt, aber deshalb umso wichtiger für mich ist es zu sehen, dass viele von diesen Menschen überfordert, abgestumpft, kindisch, unbeholfen, überfettet, rücksichtslos, gelegentlich insgesamt verwahrlost wirken. Und, das ist ein großer Teil, nicht ein kleiner Teil unserer Bevölkerung, den diejenigen nicht kennenlernen und auch nicht kennenlernen wollen, die es vorziehen, sich möglichst nicht auf der Straße zu bewegen, insbesondere nicht die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Aber diese, von mir beschriebenen Menschen, gibt es.

Es ist auch kein Geheimnis. Diejenigen, die wie ich, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, unterhalten sich gelegentlich darüber. Nicht, um ihre Abscheu über diese Menschen zum Ausdruck zu bringen, sondern ganz im Gegenteil, darüber nachzudenken, was in unserem Gesellschaftssystem falsch läuft, dass ehemals Kinder, die mit so großem Enthusiasmus in die Welt gekommen sind, eine derartige Beeinträchtigung Ihres Lebens erfahren müssen. Politisch korrekt sind meine Aussagen sicher nicht. Sie werden infolgedessen auch mit Sicherheit heftig angegriffen werden, auch von denjenigen, die von sich meinen, meiner Beschreibung zu entsprechen. Aber auch diejenigen werden mich angreifen, die an dem Status quo überhaupt nichts ändern wollen. Denn die Menschen, so wie sie jetzt sich präsentieren, sind willfährig, kaum geneigt zur Revolte gegen ihre miserable Situation. Schuld an diesem Elend ist nicht nur soziale Kälte, wie sie oft schlagwortartig beschrieben wird, sondern die Perspektivlosigkeit des Menschen. Als Konsument, als Steuerzahler ist er tauglich. Das reicht dem Staat und der Wirtschaft. Der Medienindustrie ist er tauglich, ebenfalls als Konsument auf Augenhöhe. Möglichst Sitcoms, um keine Herausforderungen entstehen zu lassen. Um die Ruhe zu halten, wird belohnt und wieder belohnt, entweder durch Konsumgüter, die der Belohnte selbst kaufen muss oder das von ihm erworbene Genussgut, welches sein Gemüt besänftigen soll. Natürlich muss der Genuss gesteigert werden, aber zwischen jeder schon verbrauchten Droge und der künftigen klafft ein Entzugsmoment. Der Mensch erkennt, dass sich an seinem Leben nichts ändert, er nicht wirklich bereichert wird, sondern einfach nur so für sich dahinlebt. Als Kind hätte er sich gegen diese Wahrnehmung vehement gestemmt und für sich Perspektiven eingefordert. Jetzt, als erwachsener Mensch nimmt er das Geschehene hin. Was wäre zu tun? Zunächst den Menschen, insbesondere den jungen Menschen aus dieser Abhängigkeit herauszunehmen. Ihm zu verdeutlichen, dass er ein selbstbestimmtes Leben führt und Konsum nicht sein größtes Glück sein kann. Das müsste der Kern des Bildungsauftrages sein. Weiter müsste der Überforderung durch Unterforderung entgegengewirkt werden. Die Nivellierung auf unterem Niveau fördert zunächst nur die Bequemlichkeit, dann aber die Apathie. Ein Mensch, der nicht gefordert wird, strengt sich irgendwann auch nicht mehr an. So wird insbesondere der junge Mensch verkannt. Der ist nicht nur leistungsfähig, sondern leistungsbereit. Er braucht Vorbilder und Leistungsanreize, die es ihm ermöglichen, seine gesamten Potentiale anzubieten. Da ist die Gesellschaft gefordert, die den Staat in die Pflicht nimmt und ihm auferlegt, nicht durch Kindergarten und Schulreglementierung einen willfährigen Staatsbürger zu formen, sondern einen grundgesetzkonformen Rebellen, der für sich uns eine Mitmenschen die Schutzwürdigkeit der Würde jedes einzelnen Menschen als Auszeichnung und mit Stolz annimmt.

Der freie Mensch akzeptiert die Regeln der Gesellschaft und die Gesetze, gestaltet aber gleichwohl seine Räume mit selbst und verzichtet auf die scheinbaren Wohltaten der Abhängigkeit vom Staat und seinen Trägern. Der freie Mensch hat nicht nur Freude an seinem Leben, sondern bereichert durch seinen Schöpfungswillen auch unser Leben. Selbst, wenn er den augenblicklichen Konsum abschüttelt, wird er gerade deshalb in der Lage einerseits einzusparen, andererseits neue Wege des gesellschaftlichen finanziellen Ausgleichs zu finden, der alle bereichert, auch diejenigen, die heute noch mit Macht eine derartige Entwicklung verhindern wollen, damit ihre eigene Überlegenheit nicht in Gefahr gerät. Es sollten alle Schlüsse aus dem öffentlichen Nahverkehr ziehen, bevor es gänzlich vorbei ist mit der Gemütlichkeit.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Loyalität

Loyalität kenne ich. Viele Menschen und ich haben uns aufeinander eingelassen, wir haben uns wechselseitige Versprechungen abgegeben, an die wir uns halten. Dieser Pakt ist geschlossen.

Illoyalität kenne ich. Wo ich ihr begegnete, habe ich sofort reagiert und gar nicht versucht zu verstehen, sondern mich sofort von dem illoyalen Menschen getrennt, selbst dann, wenn eine gewisse Flexibilität und ein bestimmter Opportunismus vorteilhafter gewesen wäre.

Warum? Vertrauen wiederherzustellen ist unmöglich. Illoyalität und Korruption ist nur entdeck­bar, aber nicht heilbar. Es ist wie bei einer Liebesbeziehung: Trust never comes back, when lost.

Und dann die Form der Loyalität, die alleine auf Vorteilserkenntnis beruht und vergleichbar ist mit dem symbiotischen Verhältnis zwischen Putzfisch und seinem Wirt. Solange beide Vorteile daraus ziehen, bleiben sie sich erhalten, anderenfalls frisst der eine den anderen auf. Aus Kalkül, mit wenig Emotion, aber aus gutem Grund.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Stolz

Kaum ein Amerikaner hätte ein Problem damit zu bekennen, dass er stolz auf sein Land sei. I´m proud to be an american. Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein? Wie klingt das anders, fremd? Stolz ist weitgehend aus unserem Sprachschatz verbannt. Stolz scheint anzuknüpfen an eine schlimme Vergangenheit Deutschlands, scheint verbunden zu sein mit Überheblichkeit und Ei­gennutz. Im unter­schiedlichen Sprachgebrauch schwingt dies sicherlich auch mit. Stolz hat die Aura des Triumphalen, signalisiert Macht. Wer stolz ist, kann sich dies leisten. Ist damit Stolz das Privileg der Arrivierten? Im Englischen klingt dies anders. Gerade derjenige, der am Rande der amerikani­schen Gesellschaft steht, verkündet so seinen Stolz. Der Stolz ist das, was noch bleibt, wenn der Mensch abgewirtschaftet hat. Der Arme verkündet seinen Stolz. Wenigstens also. Wer hier bekennt, stolz auf sein Land zu sein und nicht der politischen Meinungsfüh­rerschaft Deutschlands angehört, muss dagegen fürchten, für einen verkappten Nazi gehalten zu wer­den. Stolz geht allenfalls im kleinen privaten Raum, zum Beispiel stolz auf seine Kinder zu sein, die das Abitur bestanden haben oder eine Lehr­stelle bekamen. Stolz darauf, Vater zu werden, stolz auf ein Lob oder einen Preis, aber mehr Stolz ist nicht drin. Kann man aber so dem Stolz gerecht werden? Ist wirklich nicht mehr drin oder verstehen wir einfach nicht, stolz zu sein? Woher kommt Stolz? Was sind seine Bestandteile? Bei der Bewusstwerdung geht es nicht um eine etymologi­sche Ableitung, sondern darum, welche Signale Stolz setzt. Stolz ist derjenige, der etwas er­reicht hat. Eine Leistung ist vollbracht, und zwar zunächst eine eigene. Zunächst also ist Stolz sehr per­sönlich, festgemacht an der Fähigkeit, zufrieden mit den eigenen Umständen oder einer Leis­tung zu sein. Dies wiederum hat mit der generellen Selbst­wahrnehmung eines Menschen zu tun. Ich bin es mir selbst wert, dass ich stolz sein kann. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Damit wird auch gleichzeitig signalisiert, dass der würdige Mensch bereit ist, stolz zu sein auf sein eigenes Verhalten, seine Leistungen und das, was er für an­dere tut. Stolz und Würde sind Geschwisterpaare der selben Eltern. Die Würde des Menschen erlaubt diesen Stolz. Der Stolz muss aber nicht persönlich bleiben, sondern aus der Summe des Stolzes jedes einzelnen Menschen formt sich das ganze, und zwar das stolze Wir-Gefühl, abge­leitet von der Erkenntnis, dass nicht nur ich alleine, sondern jeder andere Mensch in einer Gesell­schaft eben­falls viel dazu beiträgt, dass das Werk gelingt, der Gemeinde, den Staat, Europa und Menschen überhaupt die Hilfe zuteil wird, die sie benötigen, aber oft nicht selbst organisieren können. Stolz ist die Bekräftigung des Willens, im Erreichten nicht stehenzubleiben, sondern sich weiter zu engagieren, im persönlichen, privaten Bereich genauso wie in der Gesellschaft. Stolz ist so gese­hen ein wichtiger Beweger der Bürgergesellschaft. Im bin stolz, dieser anzugehören.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski