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Abstammung

Ja, ich weiß, woher ich stamme,
ungesättigt gleich der Flamme,
glühe und verzehre ich mich …

So beginnt ein Gedicht von Friedrich Nitzsche. Wir Menschen sind nicht vom Himmel gefallen, auch kein Storch hat uns gebracht oder uns eine Mutter als „Neuling“ geboren. Wir stammen ab. Wir stammen ab von unseren Eltern, Großeltern und vielen weiteren Menschen vor uns. Das wird natürlich von uns allen zustimmend bestätigt und dann gleich ein Deckel auf diese Betrachtung gelegt mit den Worten, dass wir Menschen doch alle irgendwie miteinander verwandt wären, abstammten von Adam und Eva. Biologisch oder religiös mag das so sein, je nach Betrachtungsweise.

Darum geht es mir aber nicht. Ich möchte den Blick darauf lenken, dass die Abstammung nicht nur ein biologischer Prozess ist, sondern einer des Lernens und der Verantwortung, wenn man bereit ist, dies anzunehmen. Mit älteren Geschwistern ist man nicht nur blutmäßig verwandt, sondern steht mit diesem in einer sozialen Verbindung seit der Geburt, in der Erziehung, der Zuneigung und der Kontroverse. Von den Eltern lernen, heißt auch Verantwortung zu übernehmen für sich selbst und andere in der Familie. Die Geschichte der Eltern, ggf. auch Momente der Flucht oder der Vertreibung, der Heimat, des Aufgenommenwerdens durch andere Menschen sind Teil der Geschichte jedes Kindes.

Wie die biologische DNA ist auch die DNA des Erinnerns wesentlich für unser Leben und die Möglichkeit, verantwortlich für uns selbst, unsere Kinder, überhaupt die Gesellschaft zu entscheiden. Wir sprechen von entwurzelnden Menschen. Auch die entwurzelten Menschen haben die gleiche DNA des Erinnerns, wie diejenigen, die über Generationen hinweg den gleichen Flecken Erde als Heimat bezeichnen konnten. Sie werden sich dessen aber nicht mehr bewusst, haben vergessen oder keiner hat ihnen beim Erinnern geholfen. Sich erinnern, teilhaben an der Geschichte der Vorfahren und der Gemeinschaft aller Menschen ist aber wichtig für die Positionsbestimmung jedes einzelnen Menschen.

Das Erinnern ist nur durch einen Prozess des Erzählens machbar, denn Fernsehen, Rundfunk und sonstige Medien vermögen nicht, das persönliche und familiäre Erleben zu ersetzen. Auch, wenn moderne Medien oft den Eindruck erwecken, als wollten sie das Erinnern verallgemeinern, ist doch erkennbar, dass sich gerade junge Menschen gern an das Besondere erinnern wollen. Sie entwickeln ihre eigene soziale DNA, und zwar in der Hoffnung, dass andere, ggf. dann ihre Kinder diese wieder aufrufen können, wenn es soweit ist, den familiären Staffelstab weiterzugeben. Wenn dies eine gute Möglichkeit ist, das Erzählen zu bebildern und aufrechtzuerhalten, soll es mir recht sein.

Allen Menschen rate ich, ihren Kindern und Enkelkindern das zu erzählen, was sie selbst und ihre Eltern und Großeltern erlebt haben. Dieser Reichtum der Erfahrung wird den Generationen den richtigen und verantwortlichen Weg auch in die Zukunft weisen und verhindern, dass wir Menschen entwurzelt auf der Strecke bleiben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Contrat Social

Jeder Mensch hat das Recht auf ein würdevolles Leben. Ihm die Chance der Verwirklichung dieses Lebens zu gewährleisten, ist menschliches und rechtliches Gebot. Dies gilt für Flüchtlinge in gleichem Maße wie für uns.

Flüchtlinge haben eine Heimat. Wenn sie diese verlassen, um an einem anderen Ort Zu­flucht finden, haben sie komplexe Gründe: Zum einen die Flucht aus einer lebensbedrohlichen Situation, zum anderen aber Selbstverwirklichung auch in wirtschaftlicher Hinsicht.

Keiner käme zu uns, wenn ein selbstbestimmtes, freies, würdevolles, beschäftigungsorien­tiertes Leben ohne Gefahr in seiner Heimat gewährleistet wäre. Deshalb sind wir vordringlich in der Pflicht, diejenigen Konfliktherde zu beseitigen, die Menschen veranlassen, ihre Heimat zu verlassen. Gleichzeitig sind wir gehalten, Infrastrukturvoraussetzungen in den konfliktbe­lasteten Gebieten zu schaffen und zu unterstützen, die Alternativen für Menschen aufzeigen, in ihrer Heimat zu bleiben und sich selbst zu verwirklichen. Solange es uns nicht gelingt, gemeinsam mit anderen Staaten, politischen Einrichtungen und den betroffenen Men­schen selbst eine befriedigende Lösung für sie und ihre Heimat herbeizuführen, werden sie zu uns kommen. Um diese Aufgabe zu bewältigen, müssen wir einen Integrationskompass erarbeiten, dem eine Wunschliste beigegeben ist, in der Flüchtlinge und Migranten, als auch die aufnehmende Gesellschaft ihre Erwartungen, Wünsche und Erfahrungen fortschreiben können, um daraus kontinuierlich ein genaueres Profil für die Umsetzung der Integration zu gewinnen.

Staat, Bürger, die Wirtschaft und gemeinnützige Organisationen sind gefragt, um gemeinsam mit allen Beteiligten auf der Grundlage eines solchen Integrationskompasses die Flüchtlings-Policy zu erarbeiten, die dann in einem Contrat Social mit der Gesellschaft und dem Staat verabredet wird und uns allen Gelegenheit gibt, den Eingliederungsprozess zu verstehen und zielorientiert und nachhaltig zu handeln. Dies verhindert Aggressionen und Ängste und fördert den Integrationsprozess menschlich und vernünftig.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Heimatliebe

Mancherorts wird davon berichtet, dass die Landbevölkerung schrumpfe und Gemeinden mit Bedauern feststellen, dass ihre Bevölkerung abwandere. Was für Städte und Gemeinden gilt, erfasst auch ganze Gebiete und Länder. Migration. Das ist eigentlich nichts Schlimmes und auch nichts Besorgniserregendes. Das Wandern selbst vermittelt neue Eindrücke, entfaltet Kreativität und stärkt die Gemeinschaft. Solange die Gesellschaft insgesamt in Bewegung bleibt, ist dieser Austauschprozess in der Bevölkerung hilfreich. Verhält es sich aber so, dass der Abwanderung kein entsprechender Zuzug gegenübersteht, verkümmern Städte und Gemeinden, sind nicht nur wirtschaftlich, sondern auch vor allem strukturell nicht mehr in der Lage, eine selbstbewusste Bürgerschaft hervorzubringen, geschweige denn zu unterhalten. Warum ziehen Menschen weg?

Naheliegend aus wirtschaftlichen Gründen. Das ist es aber nicht alleine. Sie ziehen auch weg, weil sie sich von dem Dorf oder der Kleinstadt, in der sie wohnen, keine Anregungen mehr versprechen, erprobte Begegnungsstätten werden geschlossen, die Menschen sind sich aufgrund der Ablenkungen durch Medien fremd geworden. Sie leben in ihrer vertrauten Umgebung zwar noch eine Zeit lang aus Gewohnheit, die vertraute Umgebung vermag sie aber nicht mehr zu halten, ihre Heimatliebe schwindet. Heimatliebe bedeutet die Erkenntnis, hierher an diesen Ort zu gehören, weil die Eltern und Großeltern schon da gewesen sind und man selbst auch seine Kindheit hier verbracht hat. Heimatliebe bedeutet, seinen Kindern auch diese Heimat bieten zu wollen. Dazu müsste man auf sie stolz sein. Stolz ist heute ein schwer verdauliches Wort, bedeutet aber eigentlich nichts anderes als den Ausdruck eines Gefühls: ich erkenne, ich vertraue und ich entwickle. Sobald der Heimatstolz Platz greift, entstehen auch die Ideen, wie diese Heimat erhalten und gestärkt werden könnte, zum Beispiel durch Organisation von Kindergärten und Schulen, durch Aufbau von handwerklichen Betrieben und Gewerbe. Alles ist möglich, setzt aber den Willen voraus, sich engagieren zu wollen.

Sich für das, was man liebt, einzusetzen. Das ist lohnend, und zwar ideell und finanziell. Landflucht ist der einfachere Weg, verspricht staatliche Unterstützung, Genuss, zum Beispiel in der Großstadt, und anonyme Begegnungen mit anderen Menschen. Aber im Vergleich der Intensitäten, meine ich, ist die Heimat stets der Beliebigkeit eines städtischen Aufenthaltsortes vorzuziehen. Sie befriedigt letztlich auch eine tiefe innere Sehnsucht nach Geborgenheit und Lebenssinn.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski