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1968 (Teil 1)

Etwas ehrfürchtig betrat ich den Campus der Freien Universität. Nicht, dass ich schon viel über diese Universität gehört und mich daher ihre wissenschaftliche Bedeutung beeindruckt hätte, nein, es war der Statusgewinn, nunmehr als Student der Freien Universität zu gelten, der mich reizte. Verblüfft war ich daher, als mein Studium im Frühjahrssemester 1966 mit einem Sit-in begann. Als Austauschschüler in den USA waren mir diese passiven Widerstandsformen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung aus den Jahren 1963 und 1964 durchaus geläufig gewesen, diese aber auch in Berlin erprobt zu sehen, schien mir doch außergewöhnlich. Es machte die Freie Universität etwas amerikanisch, ein Sit-in im Henry-Ford-Bau daher als Streikform auch für mich durchaus aufregend modern und akzeptabel. Anders verhielt es sich mit dem Anlass dieses Sit-ins. Es ging um die Zwangsexmatrikulation nach dem 12. Semester. Für mich, der gerade mit seinem Studium beginnen wollte und keineswegs vorhatte, ewig zu studieren, sondern – wie ich damals dachte – irgendwann Diplomat werden wollte, war der Grund für diese Erregungen eher lächerlich. Nebenbei erfuhr ich, dass es viele altgediente Studenten an der Freien Universität gab, die sich durch ihren Rausschmiss bedroht sahen. Es ging vor allem aber ums Kräftemessen mit dem akademischen Senat, insbesondere mit dem Rektor unserer Universität. Natürlich wogen wir das Für und Wider der Argumente ab, versuchten, die Gründe für den Aufruhr zu verstehen, entscheidend war aber das großartige Versammeln der Studenten zu einem Thema an sich und die Möglichkeit, eine gesteigerte Wahrnehmung des studentischen Anliegens zu erzwingen. Den Nutzen dieser Übungen sollten wir sehr schnell bei anderen Themen wie z. B. Vietnam und den Notstandsgesetzen erfahren. Diese Vorübungen der großen Kämpfe an der FU verschafften auch den politischen Talenten Landowsky, Dutschke, Rabehl, Nevermann und Mahler rhetorische Möglichkeiten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

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