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Umstände

Von einer Freundin ist mir bekannt, dass sie leider vor einigen Jahren aufgrund geschäftlicher Umstände sowohl betrieblich als auch persönlich Insolvenz anmelden musste. Das Verfahren läuft und es ist ihr inzwischen gelungen, ihr Leben finanziell wieder einigermaßen zu stabilisieren. Das hinderte vor wenigen Tagen eine gute Freundin nicht daran, sie anzusprechen und ihr sinngemäß Folgendes zu erklären: „Weißt Du, ich mache mir große Sorgen um Dich. Manchmal kann ich auch nachts nicht schlafen oder wache auf und stelle mir vor, dass Du im Alter ohne entsprechende Absicherung allein von Sozialhilfe abhängig sein könntest. Deine finanzielle Zukunft treibt mich um und hat zu dem Entschluss geführt, Dich zu bitten, zumindest für einige Zeit unserer Freundschaft pausieren zu lassen.“

Nach über 20jähriger Freundschaft war meine Freundin überrascht, einen solchen Vorschlag entgegenzunehmen. Sie reagierte allerdings sofort und ließ die gute Freundin wissen, dass mit dieser Zumutung die Freundschaft endgültig und nicht nur vorübergehend erledigt sei und sie auf weitere Treffen keinen Wert mehr lege. Als ich von dem Vorfall erfuhr, war ich perplex. Es ist schwierig nachzuvollziehen, wie jemand gerade dadurch sein Mitgefühl zum Ausdruck bringen will, dass er sich aus der Affäre zieht. Anstatt Hilfe anzubieten, Verweigerung.

Ein kleiner, aber nicht unbedeutender Vorfall, der geistige Armut und fehlende Empathie bezeugt. Ich gehe davon aus, dass es sich hierbei nicht um einen Einzelfall handelt, sondern um eine Haltung, die gut belegt, dass Schwäche ansteckend ist, man sich Unbequemlichkeiten und Verantwortung ersparen möchte und den Weg der Unberührbarkeit vorzuzieht. Damit einher geht aber auch ein Selbstbild von Gerechtigkeit, Besserwissen und Lebensverleugnung, das problematisch werden dürfte.

Wenn eine solche, im eigenen Ich gefangene Persönlichkeit, wie jene Freundin einmal feststellen muss, dass die Lebensordnung, also auch ihre Lebensordnung nicht mehr ihren Erwartungen entspricht, ist der Absturz unvermeidlich. Auch weinen, klagen und Beschuldigungen helfen da nichts mehr. Diese Persönlichkeiten sind dann allein, ob sie Geld haben oder nicht. Freunde jedenfalls, die sie trösten könnten, haben sie nicht mehr.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Jeder macht Seins

Was will der Mensch? Er will sein Ding machen. Sich selbst traut er das zu. Den anderen nicht. Das entspringt seinem Selbstverständnis. Ist Ausdruck seiner Kreativität. Zweifelt er daran, hält er sich sogar für nicht fähig, etwas alleine zu tun, dann zieht er es vor, überhaupt nichts zu tun. Das ist nicht mein Ding! So ähnlich lauten die Parolen, die Abschottungen gegen andere Ideen. Was ist der Grund? Womöglich das mächtige Gerangel um den besten Futterplatz. Das archaische Prinzip. Wir locken mit unseren Ideen, verführen, tricksen und täuschen und wollen andere in dem Glauben lassen, wir hielten auch ihre Taten für wichtig. Tatsächlich geht es aber um uns, um das Pflegen der Netzwerke mit dem Ziel, unsere Projekte besser zur Geltung zu bringen. Gibt es hier Absagen, gefährdet das unser Projekt, schafft Missmut und Distanz. Jeder macht Seins. Alleine kommen wir aber selten weiter, es sei denn, wir verfügten über so viel Geld, dass andere uns unterstützen, um an unser Geld zu gelangen. Wie können wir den Schalter umlegen? Möglicherweise dadurch, dass wir uns helfend anderen anbieten, überhaupt darauf verzichten, nur das Eigene zu verfolgen, sondern eher das andere Anliegen tatkräftig fördern. Dies natürlich erwartungsfrei, was Belohnungen angeht, aber deutlich in dem Bewusstsein, dass Hilfsbereitschaft auch als Schwäche ausgelegt werden könnte. Die Hilfsbereitschaft muss daher mit dem Signum des Erfolgs versehen werden. Die Unterstützungsleistung selbst genießt den Vorrang vor dem Einzelnen oder dem Projekt, welches unterstützt wird. Dies scheint auf dem ersten Blick anmaßend zu sein, stellte aber den sinnvollen Ausgleich zwischen den Erwartungen des Gebenden und des Empfängers dar. So wird Geben gerecht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski