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Der Sinn des Erinnerns

Erinnerst Du Dich noch daran, wie Omi zu Deinem Geburtstag diese wunderbare Schwarzwälder Kirschtorte gemacht hat? Erinnerst du dich an deinen ersten Schultag, an deinen ersten Hochzeitstag, an die Geburt des ersten Kindes, dessen Einschulung und die vielen Urlaube, die ihr gemeinsam verbracht habt?

Unsere Welt ist voll des Erinnerns an Vorkommnisse, die uns beeindruckt haben, unser Leben bestimmten und prägten. Diese Ereignisse laden ein zum Erzählen und Wiedererzählen, verdichten unser Leben selbst zu einer wunderbaren langen Geschichte. Erzählen beruht auf Erinnern.

Was aber geschieht, wenn das Erinnern überflüssig geworden ist, weil wir in der Lage sind, alles sofort und für alle Ewigkeit zu dokumentieren? Smartphone macht es möglich, Whatsapp, Sms und Facebook verewigen Erinnerungsmomente zu bleibenden Dokumenten. Darauf können wir bei Bedarf zurückgreifen. Wofür ist dann das Erinnern noch von Nutzen?

Wenn wir im Hier und Jetzt leben, geht uns vielleicht sogar die Fähigkeit des Erinnerns abhanden. Wenn einerseits alles in Echtzeit vollzogen, verbreitet und dokumentiert werden kann, besteht andererseits die Möglichkeit, darauf jederzeit wieder Zugriff zu nehmen, wenn es gewünscht oder erforderlich sein sollte. Diese Gewissheit zwingt uns nicht mehr, Erinnerungsbücher, Fotoalben und Tagebucheintragungen zu fertigen. Das jederzeit Verfügbare ist doch im Cloud des Internets. Damit ist es immer da und vielleicht für immer verloren. Unser Kopf, unsere Seele, unsere Sprache dürsten aber weiter nach Erinnerungen, die wir weitergeben können von Generation zu Generation. Deshalb ist eine analoge Parallelwelt auch erhaltenswert, des Erinnerns wegen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski