Schlagwort-Archive: Individualität

Hi!

Mündliche Begrüßungsformen: Guten Morgen Guten Abend Guten Tag Grüß Gott …

Schriftliche Begrüßungsformeln: Sehr Geehrter Liebe Verehrte …

Alles vorbei, tempi passati!

„Hallo“, das ist das Zauberwort der neuen Zeit und hat alle denkbaren Begrüßungsformen abgelöst, wie mir scheint sogar weltweit. „Hallo“ ist der Weckruf der Moderne, verkündet die Anwesenheit des Senders und bestätigt, dass der potentielle Empfänger dieser Kurznachricht von ihm wahrgenommen wird. „Hallo“ ist Emotion pur. Das „Hallo“ changiert als Begrüßungsformel von einem Juchzer bis zu einem depressiven Ausatmen.

Unvergesslich ist dabei Udo Lindenbergs „Hallöchen, Hallo“, wobei er einen spaßgefährdeten Ex-Regierungschef der DDR meinte. Aber so viel Vergnügen gönnen sich auch heute noch vor allem junge Menschen, die ihr „Hallöchen, Hallo“ munter durcheinanderzwitschern.

Weniger durch Emotion aufgeladen taucht das schriftliche „Hallo“ dagegen vor allem in den elektrisch versandten Briefen auf. Da ist „Hallo“ besonders praktisch, weil genderneutral und der Schreiber muss also überhaupt nicht überlegen, wem genau er jetzt gerade eine Mitteilung senden will oder muss, sondern ruft in den ungeheuren Raum des Brief- und Internetverkehrs sein „Hallo“, dessen Echo oft schon kurze Zeit später bei jemanden ankommt, sei dieser Mann, Frau oder …

Der Auftakt ist oft nur ein Klick und schon rattert die Botschaft los, taucht bei dem Empfänger auf, so wuchtig, dass auf ein Ende verzichtet oder ganz allgemein ein großes „LG“ angefügt wird. So verhält es sich wohl, aber ich bin nicht damit einverstanden. Ich stehe nicht auf „Hallo“. Ich will angemessen begrüßt und auch verabschiedet werden.

Was dem nicht genügt, geht zurück, an den Absender. Allerding überlege ich mir, ob ich mich auf Dauer den neuzeitlichen Begrüßungsritualen entziehen kann. Sollte ich mit meinen Vorbehalten scheitern, werde ich allerdings darauf bestehen, vor Abschaffung sämtlicher Begrüßungs- und Verabschiedungsmomente die Aufmerksamkeit zu gewinnen, mit einem hingehauchten „H“, das sich je nach Tageszeit und Inspiration in ein „Hi“, „Ha“, „Hu“, „Ho“, „Hü“, „Hä“ und „Hö“ verändern lässt.

Selbstverständlich kann ich auch bei Briefen auf diese Vielfalt zurückgreifen oder ich belasse es bei einem einleitenden und ausleitenden „H“, was immer das bedeuten und heißen mag. Wem „H“ nicht gefällt, kann selbstverständlich auch „Y“ oder „Z“ nehmen. So viel Individualität muss einfach sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Urlaub

Urlaub ist das Keyword der meisten Menschen, ob Sozialhilfeempfänger oder schwer arbeitender Monteur. „Reif für die Insel“ ist die Erkennungsmelodie derjenigen, die nichts tun. Urlaub ist ein Statussymbol. Wer keinen Urlaub macht, ist entweder pleite oder blöde. Verfolgt man die Spur der Urlaubssüchtigen, stellt man bald fest, dass es neben Sport, Sex und Essen im Urlaub selten ein weiteres Thema gibt, einmal abgesehen vom Wetter. Entscheidend dabei ist nicht, was der Urlauber tatsächlich erlebt, sondern was und wie er darüber berichtet. Die wichtigste Zeit des Urlaubs ist davor und danach und gibt dem Urlaubenden das untrügliche Zeichen seiner Akzeptanz. Kommt zu Prospekt, Schilderungen, Bildern etc. noch eine auffällige Bräune, ist die Illusion perfekt. Urlaub ist somit in erster Linie ein mediales Ereignis. Urlaub ist darauf angelegt, sich nicht abzuheben, von den gewohnten Ritualen des Essens, Trinkens und Schlafens in angenehmer Umgebung, dem Behütetsein in der Fremde, der Sicherheit, wieder unversehrt nach Hause zu gelangen. Der Gefahr jedweder Störung begegnen Veranstalter, Touristikmanager, Local Agents, Hotels und Clubs mit der völligen Aufgabe von Individualität und der Bereitschaft, sich voll auf die jeweiligen Bedürfnisse der Klientel einzustellen, ob es nun um die Qualität des Essens, die Sprache, das Sonnenöl, den Swimmingpool oder das   Animationsprogramm geht. Die   Sicherheit des Urlaubers besteht unter anderem darin, dass der Flugplatz, von dem er abfliegt, demjenigen ähnelt, auf dem er ankommt. Sobald er sein Quartier am Urlaubsort besetzt hat, kann er die Länge des Strandes ausmessen, das sportliche Equipment in- spizieren und sich für die Ausflüge einschreiben lassen. Er hat dafür bezahlt.

Abgesehen von Folklore ist für den normalen Urlauber nichts an seinem Urlaubsort vorgesehen. Bei zuviel Individualität könnte man für den Gesundheitszustand und die persönliche Sicherheit des Gastes in seinen Urlaubsquartieren nicht garantieren. Schon aus Haftungsgründen muss alles dafür getan werden, dass sich der Urlaubende in der Fremde nichts Ungewohntem aussetzt. Maßstab für sein Verhalten ist der Reisekatalog oder der Internetauftritt des Touristikunternehmens. Bei Nichteinhaltung des Angebots folgen Strafe, Punktabzug und „Geld zurück“. Darin liegt für viele Reisende eine zusätzliche Herausforderung, wie sie sonst nur Fernsehquizrätsel mit sich bringen. Neben Urlaub im herkömmlichen Sinn werden auch Bildungsreisen angeboten. Sie sind in der Regel 14 Tage bis vier Wochen lang und führen in schwindelerregender Abfolge durch die ganze Menschheitsgeschichte, durch Flora und Fauna. Es ist ungeheuerlich, was der Mensch in so kurzer Zeit aufzunehmen vermag – wenn auch in erster Linie mit seiner Digitalkamera.

Der Mensch setzt sich diesen Strapazen aus, weil er einmal nicht da sein möchte, wo alle sind, obwohl er gern billigend in Kauf nimmt, dass er die gleichen Leute wie zu Hause vorfindet. Für den Moment der Reiseankündigung und der Rückkehr nimmt er sämtliche Mühsal auf sich, obwohl er möglicherweise bei 14-tägiger Betätigung in der nahe gelegenen Disco oder einer Wanderung über den Hunsrück mehr Erholung in sich versammeln würde als bei 10 Tagen Mauritius. Aber: der Mensch will weg! Darum geht’s!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski