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Bilder

Es ist sicher nicht nur Instagram zu verdanken, dass wir diese Welt vorwiegend bildhaft begreifen. Durch Selfies versichern wir uns und anderen, dass wir vorhanden sind, teilhaben am großen Weltspektakel. Nicht Texte, sondern Bilder fluten die Smartphones insbesondere von Kindern und Jugendlichen. Die Pose ist Bildinhalt und muss den „Wischtest“ bestehen. Die Interaktion zwischen Bild und Betrachter ist entscheidend für die Beständigkeit im Konsum des bildhaft Dargestellten.

Auf der Konsumentenebene beanspruchen Bilder aber keine Ewigkeit. Sie vermitteln vielmehr zeitlich und örtlich Zustände, die mit jeder neuen Aufnahme wieder zur Disposition gestellt werden können. Die durch das Bild vermittelten Eindrücke sind niemals wahr, denn sie berücksichtigen keine Umstände, die außerhalb des Bildausschnittes liegen.

Woher wissen wir aber, dass selbst das, was wir vordergründig als Abbildung der Wirklichkeit begreifen, in Wahrheit nicht nur ein durch Manipulationen erzeugter Bildeindruck ist?

Das Bild ist eine Fiktion der Wirklichkeit, hat aber die Kraft, uns täglich nicht nur bei der optischen Wahrnehmung, sondern auch in unserem Handeln zu beeinflussen, selbst gar zu bestimmen. Zu dem Abbild einer konkret behaupteten Wirklichkeit, gesellt sich aber auch das Bild, dass zwar niemals behauptet, die Wirklichkeit zu kopieren, aber in seiner Ausdrucksstärke geeignet sein kann, uns einen Aspekt der Wirklichkeit aufzuzeigen, der unsererseits zwar mit Augen aufgenommen, aber nicht visuell verarbeitet werden kann.

Diese Bilder erzeugen Geschichten, die uns dabei unterstützen können, die Wirklichkeit zu begreifen und uns Möglichkeiten eröffnen, mehr zu erkennen, als ein Abbild dies jemals vermag.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wozu?

Die öffentlichen Medien und vor allem das Internet sorgen für eine Unübersichtlichkeit von Wissen und Meinungen, die kaum ein Mensch mehr zu entwirren in der Lage sein dürfte. Um Übersicht zu gewinnen und zu erhalten, benötigt der Mensch Fakten, eine Möglichkeit, diese einzuordnen und sich so ein persönliches System der Verlässlichkeit zu schaffen. Um zu einer sicheren Einschätzung zu gelangen, ist Selbstvertrauen nötig, welches ausschließlich strukturiert zu nutzen ist.

Wie soll dies aber angesichts von TikTok, Instagram, WhatsApp und anderen digitalen Flipperspielen vom Menschen erwartet werden können? Diese Formate befeuern in Minuten-, oft sogar nur in Sekundentakten Menschen, die sogenannten „User“, mit irgendwelchen verbalen oder bildlichen Informationen, die zwar Emotionen zu beeinflussen in der Lage sind, aber ihrer Frequenz und Beliebigkeit geschuldet, keinen Erkenntnisprozesse in Gang setzen, die dem Menschen erlauben, Ereignisse systemisch bei sich selbst rückzuversichern.

Wenn dies kritisch zu betrachten ist, wie ich dies hier mache, warum geschieht es dann doch und wozu soll es führen? Stellt es möglicherweise eine gewünschte Entlastung des Menschen vor eigenen Erkenntnissen dar? Wird stattdessen ein beruhigendes Format für Einschätzungen jenseits der individuellen und menschlichen Verarbeitung geschaffen, die eine gesellschaftliche Allgemeinverbindlichkeit hervorbringt, das soziale Miteinander stärkt und es jedem Nutzer der digitalen Angebote erlaubt, seine eigene Meinung durch diese Rückvergewisserung mit anderen Menschen emotional aufzuladen und sich dabei wohl zu fühlen? Was bedeutet es, wenn wir Menschen konsequent dank der medialen Befeuerung vom eigenen Denken und Empfinden entlastet werden?

Sicher wird dies zunächst als Fortschritt wahrgenommen, da jede Errungenschaft die Singularität des menschlichen Seins bestätigt. Was geschieht aber dann, wenn die menschlichen Fähigkeiten des Abwägens, des Einschätzens und des Widerspruchs dabei verkümmern und wir uns den Formaten ergeben haben? Das Menschheitsrätsel haben Philosophen, Vertreter von Religion und Wissenschaftler sich stets gestellt und zu lüften versucht. Das Rätsel wird unlösbar sein, was wiederum die Chance bietet, darauf zu vertrauen, dass weitere Kräfte darauf wirken, die Kapitulation vor der medialen Kakophonie zu verhindern.

Es wird wieder die Frage nach der Zufriedenheit des Menschen mit seiner Existenz, seinem Staunen und seinen Fähigkeiten und natürlich auch seiner Genügsamkeit gestellt werden. Denn wozu soll der Mensch denn zu etwas Anderem werden, als das, was er ist?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Selfie

Nein, ich mache da nicht mit, weiß aber durchaus, dass via Instagram ständig Millionen, vielleicht sogar Milliarden an Bildern durch die Welt segeln, die einen Hintergrund aufweisen und davor jemanden, der sich selbst vor diesem Hintergrund fotografiert hat. Diese Selfies sind Normalität geworden. Vor allem junge Menschen tauchen vor irgendwelchen bekannten Bauwerken, wie dem Brandenburger Tor auf, halten sich das Smartphone vor die Nase, schneiden Grimmassen und drücken ab. Dann beobachte ich meist auch junge Menschen in der U-Bahn oder S-Bahn, die in Endlosschleifen Bilder auf ihrem Handy ablaufen lassen, diese Flut gelegentlich anhalten, und dann weiter laufen lassen.

Mir scheint das langweilig zu sein. Den meisten Menschen aber offensichtlich nicht, sonst würden sie es auch nicht machen. Sie „liken“ und werden „gelikt“. Das ist der ganze Spaß und die Wertschätzung, die sie erfahren. Davon kann man offenbar nicht genug haben, also hat Instagram eine goldene Zukunft.

Merkwürdig finde ich allerdings den Begriff Selfie, nicht wegen des Amerikanismus, sondern wegen seiner Aussage. Selfie heißt, es geht um mich selbst. Es geht um mich selbst vor irgendetwas oder irgendwem. Ich stehe im Vordergrund. Es geht um mich. Mich sollen die Leute sehen. Ich bin so wichtig. Vor wem oder was ich dieses Bild als Hintergrund gemacht habe, völlig belanglos, sondern bestätigt wird nur, dass ich in der Lage bin, das Bild von mir dort zu machen. Naheliegend, dass in kurzer Zeit der Hintergrund nicht mehr authentisch ist, sondern Fake und ich echt. Kann ich da so sicher sein?

„Erkenne dich selbst!“ So forderte Chilon von Sparta. Wie soll ich mich Grimassen schneidend auf einem Selfie für Instagram noch erkennen? Das Bild ist auch nicht für mich, sondern für andere bestimmt. Erkenne ich mich selbst und mache dabei eine eigene gute Erfahrung, wenn Tausende das von mir gepostete Bild liken?

Ich vermute, dass ein Gefühl der Unvollkommenheit, des Verlustes und des Unbehagens bestehen bleibt, weil keines der Bilder mich so zu zeigen vermag, wie ich selbst bin, wie ich mich empfinde und wie ich eigentlich als Mensch mit all meinen Sinnen von anderen aufgenommen werden möchte. Aber vielleicht irre ich mich da, oder?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski